Neuenhain – ein Dorf am Südhang des Taunus

Das beschauliche Neuenhain um 1800.

Neuenhain (es) – Dreihundert Plätze hat der Vortragssaal im Augustinum. Kein Platz war mehr frei, als Stadtarchivarin Dr. Christiane Schalles am vergangenen Mittwoch mit großer Freude Klaus Plösser vom Geschichtsverein Neuenhain begrüßte und sich bei all den Interessierten für das so zahlreiche Erscheinen bedankte.

Sofort stieg der Vortragende tief in die Geschichte des Dorfes ein. Zuerst die Frage: Was braucht es zur Gründung eines Dorfes? Antwort: Wald und Wasser. Nun liegt ja Neuenhain in einer Höhe, wurde jedoch vom Waldbach und Sulzbach versorgt, sowie auf dem Bergrücken vom Niedersdorfbach.

Reichhaltiges Wissen, auf das Klaus Plösser u.a. zurückgreifen konnte, befindet sich in dem umfangreichen Buch von Pfarrer Raven, der von 1923 bis 1961 in Neuenhain als evangelischer und geschichtsinteressierter Pfarrer sein Amt ausführte.

Erste urkundliche Erwähnung erfährt „Nuwenhagen“ im Jahr 1024 durch ein Schreiben des deutschen Kaiser Konrad II. Damals befanden sich vier Weinberge in diesem Gebiet. Im Laufe der weiteren Gebietsentwicklung wurde der Bau einer Kapelle um 1293 vorgenommen. Damit einher ging die Gründung des Zisterzienser Klosters Thron um 1318. Die letzte Äbtissin verließ das Kloster 1576. Im Jahr 1591 schuf man einen Anbau und erweiterte damit den Besitz des Pfalzgraf Johann Kasimir. Er nahm das Klostergebäude als Amtssitz ein, den Thröner Hof.

In den darauffolgenden Jahren bestimmten wechselnde Landesherren den jeweiligen Besitzanspruch. Ab 1582 wurde dieses Gebäude nach ebenso wechselhafter Kirchengeschichte als Schule für katholische und evangelische Schüler genutzt. Zu Beginn der 1590er Jahre wurde das Anwesen neugestaltet, erweitert und ging in den Besitz des Pfälzer Amtsmannes für weitere 200 Jahre über. 1795 wurde es zum Pfarrhaus des ersten reformierten Neuenhainer Pfarrers Johann Ferdinand Wilhelm und erhielt die bis heute geltende Bezeichnung „Herrnbau“.

Im Jahr 1654 gab es einunddreißig Hausbesitzer, davon fünf mit 1,5 Hofreiten; sechs mit 2 Hofreiten und 4 auswärtige Hausbesitzer. Im Ganzen standen 50 Häuser aus Stroh und Lehm auf der Gemarkung. 1654 wurde eine erste Dorflinde urkundlich erwähnt, in deren Schatten das höfische Gericht stattfand.

Neuenhains Lage war nicht geeignet für Felder. So wurde sechs Jahrhunderte lang Weinbau betrieben. Zu Hochzeiten zählte man 350 Weinlagen. Durch die Pestjahre ging der Weinverkauf zurück, so dass man den Weinbau 1766 fast einstellte. 1823 versuchte man einen Neuanfang. Zuletzt wird 1842 die Qualität als „besonders gut“ erwähnt – allerdings wurde die Reblaus eingeschleppt und um 1900 war endgültig Schluss mit dem Weinanbau.

Aber bereits 1747 begannen die Neuenhainer damit, sich ein zweites Standbein aufzubauen – den Obstanbau. Zuerst mit Kastanien, es folgten 50 Apfel,- Mirabellen,-Birnen- und Kirschbäume. Später auch Erdbeeren, wobei die frühe Neuenhainer Reifung den Erdbeeren zum Erfolg verhalf und die Kronberger Marktbeschicker schlechter dastehen ließ. 1885 verzeichnete man die höchste Ernte im nachbarschaftlichen Umkreis.

1820 erfolgte die Fertigstellung der großen „Königsteiner Chaussee“ zwischen Frankfurt Höchst und Königstein. Bis heute fungiert sie als Hauptverkehrsader Frankfurt-Höchst – Bad Soden – Neuenhain – Königstein und wurde zum 200. Jubiläum im Jahr 2023 groß gefeiert. Rechts und links der Straße pflanzte man in den Folgejahren weitere Obstgehölze. Ein großer Sturm im Jahr 1833 und ein weiterer Orkan 1841 zerstörten die Mehrheit der Bäume. Ebenso fiel eine der „Drei Linden“ – das Wahrzeichen Neuenhains – dem Sturm zum Opfer.

Jedoch wurden im Jahr 1900 bereits wieder stolze 17.099 Obstgehölze verzeichnet. „Neuenhain hat den relativ stärksten Obstbau im Obertaunuskreis, vielleicht sogar in der ganzen preußischen Monarchie“, so ein damaliger Bericht. 1926 erfolgte die Anerkennung für das „Erste und beste Taunusobst“.

Das von einem Weidenzaun umsäumte Dorf zählte um das Jahr 1800 „80 Häuser, 74 Familien, 349 Einwohner, 46 Zugochsen“!

Im „Speckgürtel“ Frankfurts nahm die Bebauung von damals bis heute rasant Fahrt auf und damit auch die Bewohnerzahl, die heute bei über 6.000 liegt.

1821 trennte man die bisher simultan genutzte Schule. Das später ab 1870 als „Reußisches Haus“ bezeichnete Gebäude in der Schulstraße wurde 1820 zur katholischen Konfessionsschule mit eingegliederter Lehrerwohnung. 1960 folgte dann der Bau einer neuen allgemeinen Volksschule. Neue Besitzer ab 2011 haben das Haus Reuß grundlegend renoviert, bevor es dem Abriss zum Opfer fallen konnte.

Die erste Gastwirtschaft „Zur Linde“ wurde 1871 eröffnet und später in „Nassauer Hof“ umbenannt. Ab 1950 fanden im großen Saal erste Filmvorführungen statt.

Klaus Plösser hat zahlreiche schematische Darstellungen zum Verständnis des kontinuierlichen Wachstums des Dorfes herangezogen und sie im Theatersaal auf eine große Leinwand projiziert. Erinnerungen wurden durch eine Vielzahl an Fotos von Straßen und Gebäuden bis hin zur großartigen 800 Jahrfeier im Jahre 1991 geweckt. Bis heute gilt dieses Fest als das Größte, was alte und neue Neuenhainer Bewohnerinnen und Bewohner je auf die Beine gestellt haben. Eine Woche lang wurde das Dorf durch Veranstaltungen der Vereine in den Höfen und durch das Verkleiden der Menschen in historische Gewänder in die unterschiedlichen Jahrhunderte zurückversetzt. Ein umfangreicher Festumzug spiegelte die Stärke des Dorfes wider. Eine Stärke, getragen durch den Gemeinschaftssinn in der Ortsgemeinde, in den Kirchen und Vereinen, der bis heute Neuenhain ausmacht. Neuenhain liebt es zu feiern!

Klaus Plösser gelang an diesem Nachmittag ein Vortrag, der alle Zuhörerinnen und Zuhörer in Begeisterung versetzte und noch ewig so weiter hätte gehen können. Aber nach zwei Stunden war die Aufmerksamkeit der vorwiegend älteren Ortsbewohner erschöpft. Mit einem lang anhaltenden Applaus wurde Klaus Plösser herzlichst für die Fülle der schönen und interessanten Erinnerungen gedankt.

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