Neuenhain (bs) – Dass diese Annahme der Resilienz von Ruth Neumann Gültigkeit hat, darüber waren sich alle anwesenden Gratulanten am vergangenen Donnerstag, den 23. April, einig. Allen voran Bürgermeister Dr. Frank Blasch, der mit einem wunderbaren Frühlingsstrauß und etlichen Glückwünschen aus Regierungskreisen der Jubilarin gratulierte. Rüstig und geistig fit empfing Frau Neumann ihre Gäste. Mehrmals erhob sie das Glas Sekt, um ihrer Freude Ausdruck zu verleihen – über den herrlichen Sonnenschein und ihre ersten Besucher. Wolfgang Heidecke, zuständig für Kommunikation und Marketing der Stadt Bad Soden, gehörte ebenso zu den Anwesenden, wie ihre Betreuerin Jutta Hirte mit Partner, sowie eine Freundin aus der Evangelisch-methodistischen Kirche.
Seit nunmehr zehn Jahren lebt Ruth Neumann im Augustinum und betont, wie sehr sie sich dort wohlfühlt. Noch immer nimmt sie an den verschiedensten kulturellen Angeboten des Hauses teil, wie am Kurs Gedächtnistraining, am Spielenachmittag und an der Gymnastik. „Wer rastet, der rostet“, so die Hunderteinjährige, die sehr gerne Sportlehrerin geworden wäre. Jedoch der landwirtschaftliche Betrieb der Eltern ließ dies nicht zu. So absolvierte sie in schwieriger Zeit eine landwirtschaftliche Ausbildung, machte später ihren Meister im Bereich Geflügelzucht und wurde, bis zu ihrer Pensionierung, in Geflügelbetrieben zur Begutachtung und Beratung herangezogen.
Der historische Gutshof der Eltern, die Erbscholtisei in Gnadenfrei, lag im Kreis Reichenbach im damaligen Schlesien, das heutige Pilawa Gorna in Polen. Dort wurde Ruth Neumann als zweite Tochter am 23. April 1925 geboren, gerade mal ein Jahr nach der Geburt ihrer Schwester Ilse. Diese verstarb leider im Januar dieses Jahres mit 101 Jahren an ihrem Wohnort in Schotten. Beide Schwestern blieben unverheiratet, wohnten etliche Jahre zusammen und es verband sie ein inniges Verhältnis. So ist der Tod ihrer Schwester für Ruth Neumann noch eine frische, tiefe Wunde. Die lebenslange Schwesternschaft wird aufs schmerzlichste vermisst.
Ihre Schwester Ilse verfasste ihre gemeinsamen Erinnerungen an die Kinder- und Jugendzeit von 1924 bis 1955 in einem Buch. Ein Buch, das von freudigen Erlebnissen auf dem Gutshof erzählt – inmitten von geliebten Menschen und Tieren. Sie schildert das Eingebundensein in die Großfamilie, in schlesisches Brauchtum und dörfliches Miteinander, aber sie berichtet auch von harter bäuerlicher Arbeit in einem Großbetrieb.
Ab 1939 zogen dunkle Schatten auf. Nach und nach stellten sich Entbehrungen für alle ein, die auf dem Gut lebten und arbeiteten. Später kamen Mitbewohner dazu, die aus den zerbombten Städten flohen und auf dem Gut untergebracht und versorgt werden mussten.
Die beiden Mädchen erlebten schwere Lehrjahre in landwirtschaftlichen Betrieben, weit weg von Zuhause. Im Jahr 1945 mussten sie dann zurück ins Elternhaus, ihre Mithilfe war nötig. Die Mutter starb an Typhus, der Vater kam als gebrochener Mann aus dem Krieg zurück. Im Februar 1945 war es dann so weit: Bomben trafen das Dorf, so dass sich die Bevölkerung auf den Weg machen und die Heimat verlassen musste. Was darauf folgte war ein unvorstellbares Überleben auf Pferdewagen, zu Fuß und in Waggons eingepfercht, Kälte und Hunger als ständiger Begleiter.
Irgendwann machte sich Ruth zu Fuß auf den Weg über die „grüne Grenze“ nach Bielefeld, wo sie ihre Lehre in ländlicher Hauswirtschaft beenden konnte.
In den 50er Jahren erweiterte Ruth Neumann ihr berufliches Wissen in einem Geflügelzuchtbetrieb bei Oldenburg. In den 60er Jahren war es den Schwestern möglich, in der Nähe einer Landwirtschaftsschule in Schotten ein Grundstück zu erwerben. Sie bauten dort ein Haus, das ihnen eine neue Heimat schuf. Schwester Ilse lebte bis zu ihrem Tod in diesem Haus. Ruth hatte sich beruflich in die Nähe von Frankfurt begeben und bezog eine schöne Wohnung in Schwalbach.
Ihre Zugehörigkeit zur Evangelisch-methodistischen Kirche in Neuenhain eröffnete ihr den Gedanken, mit zunehmendem Alter ins Augustinum zu ziehen.
Mit dem Umzug ins Augustinum kehrte Ruhe und Geborgenheit in ihr Leben zurück. Wie sie berichtete, gab sie das Autofahren schweren Herzens auf, und damit auch die Selbstständigkeit, ihre Schwester jederzeit besuchen zu können. Als eigenständige Frau, hatte sie ihr Leben immer ohne fremde Hilfe bestritten.
Welche Gnade durch Gottes Geleit sie in ihrem Leben erfahren durfte, betonte Pastor Martin Brusius der Evangelisch-methodistischen Kirche in seiner Andacht zur Kaffeetafel mit Freundinnen und Freunden am Nachmittag. Geboren in „Gnadenfrei“, war sie nicht „Frei von Gnade“, sondern „Frei für die Gnade Gottes in ihrem Leben; Gnade die durch alles hindurchgetragen hat“.
Mit diesen segensreichen Gedanken konnte Ruth Neumann diesen besonderen Geburtstag beschließen und meinte: „Ich freue mich schon darauf mit euch den 102. zu feiern!“
