Auf Augenhöhe mit Burgfräulein Jessica I.

Wenn das keinen Spaß macht: Jessica I. und Bruder Junker Justin beim Oldtimerkorso im Rahmen des Apfelblütenfestes in Wehrheim in einem feuerroten VW Käfer Cabrio. Foto: privat

Königstein (as) – Als Kind ist es ihr ergangen wie vielen Königsteiner Mädchen seit Generationen. Auch Jessica Dyhringer hat mit großen Augen am Straßenrand gestanden, als beim Burgfestumzug der letzte Wagen mit dem gekrönten Burgfräulein in seiner schönen Robe vorfuhr. Einmal Prinzessin sein. Jessica ließ nicht locker und kam der Hoheit immer näher, bei einigen Krönungen hat sie mit der Musik- und Showband des Königsteiner Fanfarencorps und mit ihrer Trompete bereits maßgeblich mitgewirkt.

Im Januar war es dann so weit. Jessica Dyhringer, 22 Jahre alt und aus Schneidhain stammend, wurde im Haus der Begegnung als Jessica I. zum Burgfräulein gekrönt und darf – neben vielen weiteren hoheitlichen Aufgaben und Ehren – beim 71. Burgfest selbst im letzten Wagen Platz nehmen – als 34. und letzte Zugnummer, vornweg schreiten die Ritter von Königstein als ihre Bewacher, Familie und Freunde. „Ich habe lange nicht daran geglaubt“, sagt Jessica I. „Erst durch Isi (Hunkel) dachte ich, dass es klappen könnte“, erinnert sie an ein Burfräulein, das ebenfalls bei den Rittern anktiv ist ... Es klappte, der Traum sollte sich erfüllen. 

Offiziell weiß sie das bereits seit Oktober 2022 und musste fast ein Jahr Stillschweigen halten bis zum Burgfest 2023, da ihre Vorgängerin Angelika III. coronabedingt zweieinhalb Jahre im Amt blieb, um doch noch ein „richtiges“ Burgfest oben auf der Burg erleben zu dürfen. Und noch eine Novität gab es im Zuge des Hoheitenwechsels. Jessica Dyhringer ist so früh in ihr Amt eingeführt worden wie noch keine Vorgängerin, der sonst so feierliche Akt am Burgfestfreitag wurde um rund ein halbes Jahr nach vorne gezogen. „Für mich ist das auf jeden Fall ein Vorteil“, sagt sie auf die Frage, ob es einfacher sei, beim Burgfest nicht direkt „ins kalte Wasser“ springen zu müssen. „Ich denke, ich bin jetzt entspannter, habe schon Reden gehalten und glaube, dass ich das Burgfest so mehr genießen kann.“ Bei der Krönung im Haus der Begegnung sei sie „sehr aufgeregt gewesen“, an vieles könne sie sich kaum noch erinnern. Es war an ungewohntem Ort eine feierliche Krönung, nicht nur die Königsteiner Vereine, auch viele Hoheiten aus der Umgebung machten ihr die Aufwartung. Gut, dass genügend Fotos und Videoaufzeichnungen davon existieren.

Mit Jessica I. kam auch ihr Hofstaat mit ins Amt. Dazu gehören ihre Hofdame Nina Lederer-Götz und die beiden Junker Justin – ihr jüngerer Bruder – sowie Niclas Happel. Auch Mutter Anke und Vater Thomas, die beide bei der Rittern von Königstein aktiv sind, stehen ihr zur Seite, und der ältere Bruder Robin ist  über die MuShoBa auch nah dran. Eine Familienangelegenheit, typisch für das Engagement der Dyhringers. Durch familiäre Bande wurde auch der Hofstaat komplettiert. Nina, die vor kurzem aus dem Limburger Raum nach Kronberg gezogen ist, ist mit Robin Dyhringer liiert – Jessica bezeichnet Nina trotz des Altersunterschieds mittlerweile als eine ihrer besten Freundinnen. Und zu Niclas bestand über dessen Patentante seit Jahren Kontakt. Der Frankfurter, der die Hohen Burgdamen Isi und Helen (Dawson) ut kennt, konnte auf Jessicas Avance „Du wirst Junker“ natürlich nicht nein sagen. „Ich habe es natürlich gerne gemacht“, beteuert er glaubhaft. Insgesamt hat das Burgfräulein ein gutes Team um sich. „Sie ist ganz gut dran, dass sie uns dabei hat“, sagt Bruder Justin. Die Junker sorgen zum Beispiel dafür, dass keine Utensilien oder Geschenke vergessen werden, wenn Jessica vor einem Auftritt zwei Stunden „in die Maske muss“. Ihre Mutter macht ihr dabei die Haare, für das Make-up ist die 22-Jährige selbst zuständig.

Und das ist in den fünf Monaten seit ihrer Krönung schon zahlreiche Male geschehen. Sie ist direkt in die Fastnacht eingestiegen, war beim Hessischen Hoheitenempfang von Ministerpräsident Boris Rhein in Schloss Biebrich, das Apfelblütenfest in Wehrheim und das Brunnenfest in Oberursel haben ihr besonders gut gefallen. Gar „glücklich“ war sie über ihren Einritt hoch zu Pferd beim Ritterturnier auf der Burg.

Diskutiert wurde vereinsintern, ob es standesgemäß gewesen sei, dass Jessica I. ausgerechnet beim Hessentagsumzug in Fritzlar wegen der strengeren TÜV-Bestimmungen nicht im Wagen sitzen durfte, sondern mit einer Fußgruppe – mit Bollerwagen – unterwegs war. Sie nahm es sportlich bzw. locker. „Das war mal das Burgfräulein auf Augenhöhe“, lacht sie. Am spannendsten sei bisher aber der Besuch in der polnischen Partnerstadt Kórnik vor drei Wochen gewesen. Nicht nur die chaotische 17-stündige Anreise, und die riesigen Fleischplatten der Gastgeber von denen Justin und Niclas schwärmen, blieben in Erinnerung, sondern auch die große Gastfreundschaft der Polen und die Begrüßung auf Polnisch, die sich Jessica I. zutraute. „Positiver Stress“ nennt sie das. Dazu passt auch, dass sie seit dem Frühjahr jedes Wochenende zwei bis drei Termine hatte. Nach dem Burgfest werde es aber deutlich ruhiger.

Jessica I. ist in drei Königsteiner Vereinen aktiv, angefangen hat sie beim Fanfarencorps in der Jugendtanzgruppe „Young Charisma“, sie gibt aber auch zu, dass der Einstieg bei den Rittern von Königstein nicht ganz freiwillig gewesen ist. „Meine Eltern haben mich ein bisschen reingezwungen“, sagt sie und erntet ein brüderliches Lachen für diese Ehrlichkeit. Aber mit der Zeit habe sie Spaß daran gefunden, wie auch generell an Mittelalterthemen. Ihre Berufung zum Burgfräulein als Schneidhainerin, von wo aus der Weg auf den Burgthron erfahrungsgemäß besonders schwierig ist, sieht sie auch als Signal für ein stärkeres Miteinander in der Stadt. „Ich hoffe, in meiner Amtszeit etwas dafür tun zu können, dass die Vereine weiter zusammenwachsen“, sagt sie.

Mit Blick auf das Burgfest weiß sie gar nicht so recht, auf was sie sich besonders freuen soll. „Eigentlich auf alles“, sagt sie und nennt den Empfang am Samstagnachmittag, den ökumenischen Gottesdienst zur Er­öffnung am Freitag und ihre Besuche in Krankenhaus und Pflegeeinrichtungen – bei jenen Menschen also, die nicht selbst auf die Burg kommen können, für die das Burgfest aber auch da ist. Und natürlich auf das Feuer­werk und den Burgfestumzug, „das sind die Highlights“ – jene Momente, in denen kleine und große Mädchen ganz ­große Augen bekommen.

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