Gierig ins Verderben: Das Märchen vom Fischer und seiner Frau

Vor und hinter den Kulissen: Die Kinder der Kinderkirche unter der Leitung der evangelischen Pfarrerin Katharina Stoodt-Neuschäfer, die als Sprecherin brillierte, führten in der Immanuelkirche ein Schattentheater auf – eine gute Alternative zum Freibad mit ebenso wohltuender Abkühlung bei über 30 Grad! Foto: Sura

Königstein (aks) – Nicht nur Banker, Manager, Politiker und Kriminelle pokern hoch im Spiel um Gier und Größenwahn, das meistens direkt ins Verderben führt, bei den Brüdern Grimm ist es eine Frau. Eine einfache Frau, eine Fischersfrau, die von dem, was ihr Mann tagtäglich angelt, mehr schlecht als recht lebt. Zu mehr als einer bescheidenen Hütte, ein „Pissputt“, mit löchrigen Wänden und Spinnenweben reicht es nicht.

Ihr Glückstag scheint gekommen, als ihr Mann einen riesengroßen Butt von der Angel lässt, weil dieser als verwunschener Prinz um sein Leben fleht. Zufrieden kehrt er nach Hause in seine armselige Hütte zurück, sein anspruchsloses Leben gefällt ihm. Als er die Geschichte vom Butt seiner Frau erzählt, möchte diese für die Rettung belohnt werden mit einem schmucken Haus. So geschieht es und der Fischer fordert seine Frau auf, doch nun dankbar und zufrieden zu sein. Aber sie ist nicht mehr zu bremsen, als sie erkennt, dass der Butt der Schlüssel zu Wohlstand, Prunk und Macht ist.

Außen hui, innen pfui

Aus dem Haus wird ein Schloss, in dem sie als König regiert. Ihre Herkunft kann sie allerdings nicht verleugnen. So spotten viele Neider über sie, weil sie keine Manieren hat, nicht mit Messer und Gabel essen kann. Sie wird auch im Schloss weder zu einer feinen Dame noch zu einem guten Menschen mit edler Gesinnung. Als Kaiser herrscht sie in einem noch größeren Palast, „fast so schön wie die Königsteiner Burg“. Jedes Mal geht der Fischer bangen Herzens ans Meer und bittet den Butt mit beschwörenden Worten um immer noch größere Gefallen, die seine Frau sich in schlaflosen Nächten ausdenkt.

Manntje, Manntje, Timpe Te,

Buttje, Buttje inne See,

myne Fru de Ilsebill

will nich so, as ik wol will...

An der Orgel untermalte Kantorin Katharina Götz den Erzählfluss zunächst mit launigen Musikstücken, die alle Anwesenden, viele Eltern und Geschwister, bestens unterhielten. Auch dabei „Pomp and circumstance“ von Elgar in flotter Kurzversion für die prächtige Kaiserkrönung.

Karriere kontra Liebe

Ilsebill ist getrieben von immer größerer Gier und Größenwahn und der Fischer schämt sich dafür. Sein Herzenswunsch ist es, einfach und glücklich mit seiner Frau zu leben, aber das ist nicht der Wunsch seiner ehrgeizigen Frau, die materielles Glück höher schätzt als seine Liebe – und er lässt sie gewähren. Vielleicht hätte ja ein energisches Nein von seiner Seite das Unglück aufhalten können, aber so kommt es, wie es kommen muss.

Und so ist die Fischersfrau eines Tages sogar Papst. Kirchendiener und die Mächtigen der Welt liegen zu ihren Füßen und küssen den päpstlichen Fischer-Ring – böse Ironie des Schicksals? Dieser Ring geht auf Petrus zurück, der Jünger Jesu galt als „Menschenfischer“, er war der erste Papst der christlichen Kirche. Das Meer ist ein Hexenkessel, als sie Papst mit Tiara wird: „Wir sind jetzt Papst – alle Welt muss tun, was ich sage!“ Der Fischer erkennt seine eigene Frau nicht mehr: „Bist du jetzt heilig? Ich bin nur ein einfacher Fischer“, die Katastrophe nimmt ihren Lauf.

Stimmkunst

Die Stimme von Katharina Stoodt-Neuschäfer war bühnenreif, obwohl auch sie im Schatten, sprich hinter den Kulissen, agierte, und für die Zuschauer unsichtbar war. Sie las das Märchen feinsinnig subtil, gab dem Fischer eine lakonische bis traurig verzweifelte Stimme und seiner Frau eine Stimme, die vor Ehrgeiz schrill, kalt und abweisend ist und von einem eisernen Willen zeugt.

Sie schaffte es, Hochspannung zu erzeugen, gemeinsam mit ihren Darstellern, den 20 Kindern der Kinderkirche, die nur im Profil als Schatten auf einer Leinwand zu sehen waren. Die acht- bis 13-Jährigen spielten ihre unterschiedlichen Rollen mit deutlichen, aber sehr reduzierten Gesten. Das unterstrich die holzschnittartige Dramatik eindrucksvoll und passte perfekt zu diesem schaurig schönen Märchen, das im Herbst noch einmal aufgeführt werden soll. Die eindrucksvollen Kulissenbilder haben Lisa, Johanna und Ariane gemalt.

Dass die Fischersfrau auch als Papst nicht ihren Frieden findet, zeigt, dass ihr in der Tat nichts heilig ist, auch nicht ihr eigener Mann, den sie jedes Mal mit ihren Wünschen demütigt. Sie fordert immer mehr, koste ihre Gier was sie wolle. Auch vor Gott macht sie nicht halt.

Orgel kündigt Strafe an

Diese Gotteslästerung mit düsteren Orgelklängen im Hintergrund geht zu weit: Gleich kommt die Strafe für ihren Hochmut: „Ich will sein wie der liebe Gott“. Die Orgel braust und das Meer ist ein Monster. Und das Ende vom Lied? Statt göttlicher Regentschaft wartet ihr alter „Pissputt“ auf sie. Froh ist nur der Fischer: „Nun sind wir wieder zusammen“.

...und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie weiter – wo? Na, in Königstein. Die Moral von der Geschichte? Wer maßlos ist, verliert am Ende alles. Oder wünschte sich die Fischersfrau etwa am Ende nur die wahrhaftige Liebe und echte Zuwendung ihres Mannes und nicht einen, der schwach ist und keine Grenzen setzt? Gunter Grass ließ sich von diesem Märchen zu seinem Roman „Der Butt“ 1077 inspirieren. Doris Dörrie drehte einen Spielfilm „Der Fischer und seine Frau“. Die Aufführung der Kinderkirche wird wiederholt und sei allen ans Herz gelegt, die sich mal wieder eine richtig gute Geschichte wünschen – wünschen hilft, Gier dagegen nicht.

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