Taunus (as) – Seit 1962 gibt es den Radklassiker Eschborn-Frankfurt, der viele Jahrzehnte „Rund um den Henninger Turm“ hieß. Und ein Ort ist mit dem Eintages-Klassiker, der seit Ende der 60er fest den Termin am 1. Mai einnimmt, enger verbunden als Start- und Zielort: der Mammolshainer Berg mit seinem bis zu 23 Prozent steilen „Stich“ in der Straße am Steinbruch. Es ist der neuralgische Streckenpunkt, den Kletterspezialisten nutzen müssen zum Angriff und die Sprinter irgendwie überstehen müssen, wenn sie an der Alten Oper nach dem Sieg greifen wollen.
In diesem Jahr ist der „Mammolshainer“ von den Organisatoren strategisch nach hinten gerückt worden. Nach der ersten von drei Überquerungen geht es direkt weiter zum Feldberg. Damit wird die zweite Überfahrt in Mammolshain das intensive Finale einläuten, ehe es nach einer kurzen Runde über Kronberg und Limesspange nur rund 20 Minuten später zum letzten Mal über die Höchstschwierigkeit des insgesamt 211,4 Kilometer langen Rennens geht. Danach sind es nur noch rund 35 Kilometer bis ins Ziel.
Und Mammolshain feiert sein Event erneut gebührend. Auf dem Kranichplatz am Ende des Steilstücks grillt die Freiwillige Feuerwehr, auch der „Bienenkorb“ ist beim Getränkeverkauf aktiv. Auf der Videowand können die Fans die Live-Übertragung des HR verfolgen. Und wer gut zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs ist (mit dem Auto ist der Ort an diesem Tag nicht direkt erreichbar), geht zwischendurch auch noch in die Schwalbacher Straße zur Festhalle des OGV Mammolshain, der ebenfalls bewirtet und wo gegen 15 Uhr der Apfelweinkönig gekürt wird. Vor der zweiten Passage der Profis kann man dann wieder oben am Berg sein.
Letzter Auftritt Degenkolbs?
Ohne die ganz großen internationalen Stars wie Tadej Pogacar, Mathieu van der Poel, Wout van Aert, Remco Evenepoel und neuerdings Paul Seixas aus Frankreich liegt das Augenmerk der Fans beim ersten deutschen World-Tour-Rennen des Jahres auf den einheimischen Fahrern, die im Feld der 16 World-Tour- und fünf Pro-Continetal-Teams fast vollständig vertreten sind – mit Ausnahme des Tour-de-France-Dritten Florian Lipowitz.
Lokalmatador John Degenkolb aus Oberursel (Team Picnic PostNL) ist nach dem sturzbedingten Fehlen im Vorjahr wieder am Start – womöglich ist es sogar das letzte Mal für den 37-Jährigen, der 2011 als Neuprofi das Rennen bereits für sich entscheiden konnte. Letzteres gilt auch für Pascal Ackermann (Team Jayco AlUla), den Sieger von 2019. Beide werden sich aber bei dem erneut verschärften Streckenprofil mit 3.300 Höhenmeter schwer tun, im Finale noch eine Rolle zu spielen, auch der Odenwälder Jonas Rutsch (Lotto Intermarché), dürfte sich über das noch zackigere Profil nicht freuen. Die zweite Feldberg-Auffahrt 100 km vor dem Ziel ist für sie der Knackpunkt. Bessere Chancen haben auf dem Kurs etwa Rutschs Teamkollege, der deutsche Meister Georg Zimmermann, Lennard Kämna (Lidl-Trek), Felix Engelhardt (Team Jayco AlUla) und Nils Politt (UAE Team Emirates – XRG), der beim Heimrennen in seinem sonst von Stars gespickten Team vielleicht mal auf eigene Rechnung fahren darf.
Auffällig ist die Zusammensetzung des Fahrerfeldes, die die Entwicklung des Rennens widerspiegelt: Zu bergfesten Klassikerspezialisten kommen immer mehr echte „Bergfahrer“. Sofern Vorjahressieger Michael Matthews aus Australien (Team Jayco AlUla) nach seinem doppelten Handgelenksbruch im Training sein angestrebtes Comeback geben kann, ist das komplette Podium von 2025 erneut am Start: neben ihm der Zweitplatzierte Magnus Cort Nielsen (Dänermark/Uno-X Mobility) und der Dritte Jon Barrenetxea (Spanien/Movistar Team).
Weitere große Namen sind nach der kurzfristigen Absage des zweimaligen Weltmeisters Julian Alaphilippe aus Frankreich Tim Wellens und Brandon McNulty (beide UAE Team Emirates – XRG), Tom Pidcock (Pinarello Q36.5), Søren Kragh Andersen (Lidl-Trek; Sieger 2023), Matthew Brennan (Team Visma | Lease a Bike) und Alex Aranburu (Cofidis). Die Spanier Pello Bilbao (Team Bahrain Victorious), bereits Fünfter des Giro d’ Italia und Sechster der Tour de France, sowie Ion Izagirre (Cofidis) geben als reine Kletterspezialisten in ihrer letzten Profisaison ihr Debüt beim hessischen Klassiker. Sie haben am Sonntag beim noch schwereren Klassiker Lüttich–Bastogne–Lüttich ihre starke Form bewiesen, ebenso wie der belgische Youngster Emiel Verstrynge, der in Lüttich als Vierter ins Ziel kam und von seinem Team Alpecin-Premier Tech auch für Eschborn–Frankfurt gemeldet wurde.
Das neue Profil als Herausforderung
Die Besetzung passt zum Profil des Rennens, das so viele Anstiege aufweist wie nie zuvor. Mit dem neu integrierten steilen Burgweg in Niederreifenberg, der dreimal auf dem Weg zum Roten Kreuz bewältigt werden muss, zwei Feldberg-Auffahrten über die selektivere Südseite (einmal von Niederreifenberg über Rotes Kreuz, einmal von Königstein) und der Verschiebung des Mammolshainer Stichs Richtung Finale erreicht das Rennen eine neue Dimension. Vieles spricht für ein hartes, früh selektives Rennen und für eine Entscheidung aus einer deutlich kleineren Gruppe als in den Vorjahren.
Fabian Wegmann, Sportlicher Leiter und zweimaliger Sieger von Eschborn–Frankfurt, sagt: „Der Radklassiker war bereits hart, jetzt erhöht die Strecke den Anspruch noch einmal deutlich. Wir sehen das auch an der Zusammenstellung der Teams: Es werden weniger Sprinter nominiert, dafür mehr bergfeste Klassikerfahrer.“ John Degenkolb, vor zwei Jahren als Ausreißer noch Gewinner der Bergwertung, witzelte sogar gegenüber Wegmann: „Du musst was gegen mich haben“, als die neuen Schwierigkeiten bekannt gegeben wurden. Nein – garantiert nicht, der Sportliche Leiter hat nur was gegen ereignislose Rennen, bei denen am Ende 80 Fahrer und mehr gemeinsam auf die Zielgerade kommen.
Tipps für Zuschauer
Neben dem „Hotspot“ Mammolshain gibt es für Fans das Steckenfest auf dem Feldberg, auch der Marktplatz in Oberursel, der Berliner Platz in Kronberg, der „Dalles“ in Sulzbach und die Eppsteiner Altstadt mit ihrem Kopfsteinpflaster werden gerne zum Zuschauen und Feiern genutzt. Die Ritter von Königstein sind am Königsteiner Kreisel aktiv. Glashütten und Oberems stehen durch die Sperrung an der Kittelhütte nicht auf dem Streckenplan, in Schloßborn wird am Streckenrand dafür die Kerb mit Frühschoppen (Caromber Platz) gefeiert.
Im Übrigen gehen bei der ADAC Velotour auch 12.000 Hobbyfahrer schon am frühen Morgen auf ihre drei Strecken, das Rennen der Klasse U23 findet in diesem Jahr nicht statt. Und die Kinderrennen und Nachwuchsklassen bis U17 bleiben auf dem Rundkurs in der Frankfurter Innenstadt.
Weitere Informationen zum Rennen, zur Strecke und zu den Sperrungen der Strecke gibt es unter www.eschborn-frankfurt.de.
Die Durchfahrzeiten
Elite UCI WorldTour
(bei einem mittleren Tempo von 42 km/h):
Oberursel 12.30 Uhr
Niederreifenberg 13.08/13.30/14.56
Feldberg 13.13/14.39
Schloßborn 13.43/15.08
Kelkheim 14.02/15.27
Mammolshain 14.21/15.47/16.08
Königstein 14.25/15.51/16.12
Kronberg 15.54/16.15
ADAC Velotour
Oberursel 9.18–11.36 Uhr
Feldberg 10.00–12.17
Schloßborn 10.08–12.29
Kelkheim 10.25–12.54
Königstein 10.45–13.34
Kronberg 10.54–13.39
Die neue Streckenführung von Eschborn–Frankfurt zeigt sich im Taunus mit dem Burgweg in Niederreifenberg und der Weiterfahrt zum Roten Kreuz. Auch der Sandplacken und Schmitten werden dreimal passiert, in Glashütten dafür nur noch der Ortsteil Schloßborn. Karte: A.S.O. Germany
Grfik: A.S.O. Germany:



