Königstein (sis) Es sind Abende, die man nicht einfach verlässt. Man nimmt sie mit. In Gedanken. Im Herzen. Und manchmal als leises Unbehagen, das noch lange nachhallt.
Zu diesem besonderen Abend hat die Montagsgesellschaft – Engagierter Bürgerdialog – eingeladen. Ihre Reihe „Zeitzeuge Bundesrepublik“ bringt Menschen zusammen, die Geschichte nicht nur kennen, sondern erlebt haben. Durch den Abend führt Dr. Stefan Söhngen, Vorstand der Montagsgesellschaft. „Für die Montagsgesellschaft ist es wichtig, miteinander im Dialog zu stehen – über Demokratie und Grundgesetz. Im Austausch zu bleiben ist heute wichtiger denn je“, betont Söhngen zu Beginn. Er verweist dabei auf ein bekanntes Zitat von Helmut Schmidt: „Lieber hundert Stunden umsonst verhandeln, als eine Minute schießen.“ Ein Satz, der an diesem Abend mehr ist als ein historischer Verweis.
Er steht für die Überzeugung, dass Dialog und Diplomatie immer Vorrang haben müssen – gerade in einer Zeit, in der gesellschaftliche Spannungen wieder zunehmen. Zu Beginn richtet er seinen Dank an die Gastgeber der Villa Rothschild, Geschäftsführer Dirk Schäfer und Lars Leyendecker, die diesen besonderen Rahmen ermöglichen.
Anfänge des Grundgesetzes
Der Saal in der Villa Rothschild in Königstein wirkt an diesem Montagabend wie gemacht für diesen Moment. Gediegen, edel, fast feierlich. Man spürt die Geschichte dieses Ortes – als läge sie noch immer in den Wänden. Hier, wo einst an den Grundlagen des Grundgesetzes gearbeitet wurde, sitzt an diesem Abend eine Frau, die erlebt hat, was geschieht, wenn Menschlichkeit verloren geht. Söhngen stellt Fragen, ordnet ein – und tritt doch immer wieder bewusst zurück, um der eigentlichen Stimme Raum zu geben.
Kein Platz ist frei. Junge Menschen sitzen neben älteren, manche stehen an den Wänden. Gespräche verstummen, als Edith Erbrich zu sprechen beginnt. Sie sitzt in einem Sessel. Aufrecht, wach, für ihr Alter bemerkenswert präsent. Ihre Stimme ist ruhig, dann wieder brüchig. Manchmal lacht sie leise – vorsichtig, fast tastend, wenn die Erinnerung es zulässt. Und genau in diesen Momenten wird deutlich, wie nah alles noch ist.
Edith Erbrich wird im Jahr 1937 in Frankfurt geboren. Ihr Vater ist Jude, ihre Mutter katholisch. Eine Familie zwischen den Welten – und doch für das NS-Regime klar eingeordnet: Es zählte alleine die Herkunft des Vaters. Die Kinder wurden als jüdisch eingestuft – unabhängig davon, dass ihre Mutter keine Jüdin war. Ihre Mutter wollte ihre Familie nicht verlassen. Sie wollte mitgehen. Doch das wurde ihr verwehrt. In den Papieren galt sie mal als „Arierin“, dann wieder wurde sie wie eine Jüdin behandelt, musste den Stern tragen, ihr Ausweis trug ein „J“. Für ein Kind war das nicht zu begreifen. Es wurde einfach zur Realität.
„Ich sehe die Ostendstraße noch heute“
Sie spricht von Frankfurt im Krieg. Von Bombennächten, von Sirenen, von Häusern, die nicht mehr stehen. „Rechts und links war alles weg.“ Sie erinnert sich an jedes Detail am 18. April. Das Datum weiß sie bis heute. Eine Bombe trifft ihr Haus. Sie spricht von einer „höheren Macht“, die ihre Familie aus den Trümmern hat lebend herauskommen lassen. „Alles war dem Erdboden gleich. Es hat überall gebrannt.“ Man fragt sie oft, warum sie sich an dieses Datum noch so genau erinnert. Sie zuckt leicht mit den Schultern. „So etwas vergisst man nicht.“ Auch nicht nach all den Jahren. „Hatten Sie Angst?“ „Ja. Wahnsinnig.“ Wenn Tag und Nacht Fliegeralarm war, wenn der Hauptalarm losging und man sie aus dem Bett riss, kam irgendwann ein Gedanke, der für ein Kind kaum vorstellbar ist: „Dann habe ich gedacht: Lass doch die Bombe fallen. Ich will im Bett bleiben.“ Sie musste mit ihrer Familie in Luftschutzkeller. In die öffentlichen Bunker durften sie nicht. „Die waren für Juden verboten“, sagt sie. Der nächste erreichbare Bunker – an der Friedberger Anlage – war ohnehin zu weit entfernt. Also blieb oft nur das Warten. Und die Angst. Sie war ein Kind – und doch schon erschöpft von der Angst. In den Trümmern hat sie ihren geliebten Teddybären verloren, der verbrannt war, die Käthe-Kruse-Puppe sei ihr dabei egal gewesen, weil sie Teddybären lieber mochte – die Anwesenden schmunzeln.
„Weg mit den Judenbalgern“
Früh merkte sie, dass sie anders war. Sie durfte nicht in die Schule, nicht in den Kindergarten, nicht mit anderen Kindern spielen. „Die Frauen haben gerufen: Eure Kinder dürfen nicht mit den Judenbalgern spielen.“ Ein Wort, das sich einbrennt. Und dann sagt sie leise: „Am schlimmsten waren die Frauen.“ Wenn die Mütter nicht hinsahen, spielten die Kinder trotzdem zusammen. „Kinder sind da anders“, sagt sie. „Die sind nicht von Hass geprägt.“
Dass andere jüdische Familien verschwanden, nahm sie als Kind zunächst nur am Rande wahr. „Nicht direkt“, sagt sie. Aber plötzlich waren Menschen nicht mehr da. Auch die Großeltern väterlicherseits. Von einem Tag auf den anderen Tag verschwunden. Die Eltern versuchten zu schützen, erklärten es vorsichtig. Sie seien auf einer Reise, sagten sie. Mehr nicht. Kein Warum. Kein Wohin. Für ein Kind ist das eine Antwort, die man hinnimmt. Erst später wurde klar, was wirklich geschehen war: Die Großeltern waren bereits 1942 nach Theresienstadt deportiert worden.
Am Mittwoch, 14. Februar 1945, endete das, was von Normalität noch übrig war. „Pünktlich um 14 Uhr“, erinnert sie sich. Der Befehl war eindeutig: Großmarkthalle Frankfurt. Ein Koffer. Essen für wenige Tage. Arbeitskleidung. Auch für Kinder. „Ich war sieben“, sagt sie, „meine Schwester elf Jahre alt. Ich kenne keine Arbeitskleidung für Kinder.“ Die Straßen waren voller Menschen. Jeder trug ein kleines Gepäckstück. Mehr blieb nicht. Sie gingen gemeinsam zur damaligen Großmarkthalle. Und dann die Stimmen von oben, aus den Fenstern: „Sind froh, dass die weg sind!“ Sie kannte die Stimmen.
Die Tür des Viehwaggons fiel zu. Ein harter Schlag. Dunkelheit. Und dann, noch einmal, wurde sie geöffnet, von einem SS-Mann. Die Mutter stand draußen. Sie wollte sie noch einmal sehen. Sie weinte. Ein letzter Blick. Kein Abschied, wie man ihn kennt. Kein In-den-Arm-Nehmen. Kein Versprechen. Nur dieser eine Moment. Dann wurde die Tür wieder zugeschlagen. Endgültig. Der Zug setzte sich in Bewegung. Für Edith Erbrich war es der Moment, in dem sie ihre Mutter zum letzten Mal sah – ohne zu wissen, ob es ein Abschied für immer ist. Enge. Dunkelheit. Angst. 30, vielleicht 40 Menschen sind in einem Waggon. Kein Platz. Kein Ausweichen. Vier Tage lang. „Das war kein ICE“, sagt sie schmunzelnd.
„In einer Ecke hielt ein Mann seinen Mantel hoch. Ein provisorischer Sichtschutz. Für einen Moment Privatsphäre, wenn wir unsere Notdurft verrichteten. Für einen Rest Würde.Das war alles, was wir hatten.“
Mein größter Wunsch damals …
Wenn der Zug hielt, öffnete sich manchmal die Tür. Für einen Moment kam Luft herein. Man sah Felder. Und Körper. „Die, die es nicht geschafft haben, hat man einfach rausgeworfen“, sagt sie. Sie macht eine kurze Pause. Dann fügt sie leise hinzu, fast wie ein Gedanke, der sie bis heute begleitet: Sie habe sich immer gewünscht, dass diese Menschen wenigstens würdig beerdigt werden. Dass sie nicht einfach dort liegen bleiben. Im Saal hebt niemand den Blick. Dieser Wunsch – so schlicht, so selbstverständlich – macht das Unfassbare erst wirklich begreifbar.
Theresienstadt – Ankunft. Trennung
Der Vater wurde von ihnen getrennt, die Schwester später auch. „Ich habe meinen Vater selten so gesehen“, sagt sie. „So sprachlos.“ Kinder wurden nach Alter eingeteilt. Die Schwester musste arbeiten, Steine klopfen, Unkraut jäten, an den Kasematten. Edith blieb bei den Jüngeren. Sie lernte heimlich. Unter Druck. „Wenn du nicht lernst, kommst du zu den Babys“, drohte eine Aufseherin. Die Art zu lernen half ihr später in der Schule und im Beruf, gefiel ihr aber nicht. Und immer wieder dachte sie an ihre Mutter. Ob sie noch lebte.
Auch im Lager verschwanden Menschen. Nicht plötzlich – sondern Schritt für Schritt. „Ich habe das wahrgenommen“, sagt sie. Züge fuhren aus Theresienstadt ab. Immer wieder. Menschen stiegen ein – und kamen nicht zurück. Als Kind verstand sie nicht, wohin sie gingen. Die Erwachsenen sagten: zur Arbeit. Eine Erklärung, die beruhigen sollte. Eine Erklärung, die man glaubte. Erst später wurde klar, wohin diese Züge tatsächlich fuhren: nach Auschwitz. Stille.
Der Tod wurde zudem Teil des Alltags. „Morgens wurden Brote in Schubkarren verteilt“, sagt sie. „Und mittags wurden die Toten darin weggefahren. Das haben wir Kinder gesehen.“ Lange wurde behauptet, in Theresienstadt habe es keine systematischen Tötungen gegeben. Sie widerspricht dem. Leise. Aber bestimmt. Ihr Vater musste im Lager Gaskammern bauen. Er musste helfen, die Toten zu verbrennen. Sie sagt es ohne Pathos. Als wäre es eine Tatsache, die zu lange verschwiegen wurde. Und genau das wurde sie auch. „Das hat man uns nicht geglaubt“ – heute ist es belegt. Im Saal ist es stiller als zuvor.
Die Befreiung
In der Nacht vom 7. auf den 8. Mai 1945 änderte sich alles. „Ihr werdet befreit.“ – „Wir dürfen nach Hause.“ Das hat sie damals nicht verstanden. „Ich durfte bei meinem Vater in der Baracke schlafen“, sagt sie. „Ich habe ihn ganz festgehalten, damit er nicht wegläuft.“ Das war ihr schönstes Erlebnis, an das sie sich zurückerinnert. Der Weg zurück musste zwei bis vier Wochen warten, wegen einer Epidemie, und doch war er so lang – zu Fuß, mit einem Leiterwagen. „Ohne Geld, wir sahen aus wie Bettler.“ Später mit dem Zug bis Hanau. Von dort mit einem Lastwagen, der Reifen geladen hatte. Die Kinder saßen zwischen Autoreifen, der Vater vorne beim Lastwagen-Fahrer, bis nach Frankfurt zur Uhlandstraße. „Dann habe ich meine Mutti wiedergesehen“, das war im Juni. Und die Menschen, die sie beschimpft hatten? „Die waren weg.“
Lange Zeit verdrängte sie, was geschehen war. „Ich habe das ausgeblendet“, sagt sie. Die Eltern sorgten dafür, dass die Kinder ein möglichst normales Leben führen. Schule, Ausbildung, Beruf. Alltag. Über das, was war, wurde nicht gesprochen. Nur mit ihrer Schwester tauschte sie sich aus. „Wir haben immer darüber gesprochen.“ Jahrzehnte später entstand ein Wunsch: zurückzugehen. Nach Theresienstadt. „Meine Schwester hat mich erst für verrückt erklärt“, sagt sie und lächelt leicht. Doch dann machten sie sich gemeinsam auf den Weg. Mit über 50 Jahren.
Eine Busreise nach Prag, organisiert über die Frankfurter Nachrichten. Von dort weiter nach Theresienstadt. Ein Reiseleiter, selbst einst dort interniert, zeigte ihnen den Weg. Sie gingen nicht in eine Ausstellung. Sie gingen durch den Ort. Hand in Hand. „Dort stehen noch unsere Pritschen“, sagt sie. „Nummer 32 und 33.“ Ein Ort, der alles gesehen hat. „Ich bin froh, dass ich diesen Weg mit meiner Schwester gegangen bin“, sagt sie. Viele Jahre wird geschwiegen. Erst im Ruhestand beginnt Edith Erbrich zu erzählen.
Wie intensiv sie sich später mit dem auseinandergesetzt hat, was geschehen ist, lässt sich für sie klar beantworten. Sechs Millionen ermordete Menschen – diese Zahl ist für sie keine abstrakte Größe, sondern eine Realität, deren Grausamkeit sie kennt. Vergessen kann sie das nicht. Ob sie vergeben könne, ist eine Frage, die sie kurz innehalten lässt. „Vergeben?“ Ihre Stimme wird brüchig. Wenn sie das immer wieder aufwärme, sagt sie, komme sie nie zur Ruhe. So sei es für sie in Ordnung. Und ob sie noch davon träume? „Nein.“ Ein schlichtes Wort – und doch eines, in dem eine Ruhe liegt, die lange gebraucht hat, um entstehen zu können.
Ehre, wem Ehre gebührt
Heute ist sie regelmäßig an Schulen aktiv und wurde für ihr Engagement ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz, dem Hessischen Verdienstorden und im August folgt noch die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt. Ihre Botschaft an die junge Generation ist klar: „Haltet die Augen und Ohren offen, damit so etwas nie wieder geschieht.“
Zusammenhalt
Ihre Familie hat den Holocaust gemeinsam überlebt – Vater, Mutter, Schwester. Was blieb, war ein außergewöhnlicher Zusammenhalt. Die Eltern führten eine Ehe, die sie bis heute prägt: getragen von gegenseitigem Respekt, vom Teilen beider Glaubenswelten, vom selbstverständlichen Miteinander. „Wie sich das jeder wünschen würde“, sagt sie. Die Eltern bleiben ihr Vorbild.
Politisch hält sie sich ihr Leben lang zurück. Weder das Entstehen der Bundesrepublik noch spätere gesellschaftliche Umbrüche stehen für sie im Vordergrund. „Ich wollte einfach leben“, sagt sie. Nach allem, was war, geht es ihr darum, ein normales Leben zu führen – jenseits von Politik und öffentlicher Auseinandersetzung. Ohne Hass – in Frieden.
Als das Gespräch endet, passiert erst einmal nichts. Dann stehen die Ersten auf. Dann alle. Standing Ovations. Still. Voller Respekt. Man hat nicht nur zugehört, man hat verstanden.
Die Reihe „Zeitzeuge Bundesrepublik“ der Montagsgesellschaft zeigt an diesem Abend, wie wichtig solche Begegnungen sind – gerade in einer Zeit, in der Erinnerung verblasst und Stimmen, wie die von Edith Erbrich, seltener werden.

