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Verdis Requiem erschüttert Himmel, Hölle und die Erde

Ein erhabener Moment nach den letzten Klängen des Verdi Requiems, in der Bildmitte Bernhard Zosel im weißen Hemd, links von ihm Patricia Zehme (Sopran), rechts Britta Jacobus (Mezzosopran) und Benedikt Nawrath (Tenor) vor dem Chor von St. Johann.

Foto: privat

Kronberg (aks) – Verdis „Messa da Requiem“ von 1873, das er zum Gedenken an seinen verstorbenen Freund Alessandro Manzoni, einen der bedeutendsten Schriftsteller Italiens, komponierte, galt vielen Zeitgenossen als seine „beste Oper“. Dabei hatte sich Verdi mit diesem Totengottesdienst, der der römisch-katholischen Liturgie entspricht, ernsthaft und wahrhaftig auseinandergesetzt und dabei selbst gefordert, „dass diese Musik nicht wie eine Oper gesungen werden darf“. Die Aufführung am Sonntagabend in St. Johann als Kammeroratorium (2014 eingerichtet von Michael Betzner-Brandt) wenige Tage nach Reformationstag und Allerheiligen zählt zu den Höhepunkten dieses Kirchenjahres. Die Musik des italienischen Komponisten, unter anderem der „Aida“ (1871), hüllte die voll besetzte Kirche gleich zu Anfang in das düstere Murmeln des Chores. Das Leitmotiv „Requiem aeternam et lux perpetua“, der älteste Textteil des Requiems (1. Jahrhundert nach Christus), drückt den demütigen Wunsch nach Ruhe und Licht aus, die der Mensch nach seinem Tod finden möchte. Die alles beherrschende Angst vor dem Weltuntergang und den grell lodernden Flammen der Hölle – nicht der Himmel oder das Paradies – ist das Thema und wird in aller Heftigkeit vom stimmgewaltigen Chor der Johanniskirche in „Dies irae“ – Tag des zornigen Gottes beklagt, der die Sünder beim Jüngsten Gericht ins Fegefeuer schickt. Wer die Augen zum Kirchenhimmel hob, entdeckte die bunte Deckenmalerei über der rechten Seite des Altars mit all den Teufeln, die den Menschen in der Hölle plagen. Bernhard Zosel brachte diese Gegensätze, den Schrecken des Jüngsten Gerichts und die Hoffnung auf Erlösung, sehr souverän und ohne allzu viel Gestik zu einem dynamischen und sehr eindringlichen Zusammenspiel der Musiker, des Chores und der Solisten. Es entstand so eine überwältigende Musik, die Herz und Seele in wilde Aufruhr versetzte. Thorsten Larbig am Klavier und Andreas Hepp, der die Marimba spielte, verliehen den verzweifelten Gebeten eine ungewohnte Leichtigkeit. Die Sehnsucht nach Seelenfrieden und ewigem Licht beherrschte den Gesang, der flehend um die Erlösung von den Sünden bittet: „Salva me, fons pietatis“. Der Tenor Benedikt Nawrath mit klarer fester Stimme singt als Büßer: „Seufzend steh ich schuldbefangen, schamrot glühen meine Wangen“. Der Bass Peter Anton Ling, kein Unbekannter in St. Johann, verbeugt sich mit seiner tiefen warmen Stimme, die durchaus auch donnern kann, in „Confutatis maledictis“ vor seinem Herrn. Besonders eindrucksvoll an diesem Abend ist die hochdramatische und sehr expressive Sopranistin Patricia Zehme, die sich in höchsten Tönen der Angst und dem Schmerz hinzugeben scheint. Im Duett mit der sonoren, klangsicheren Mezzosopranistin Britta Jacobus, die in Kronberg aufgewachsen ist, beglückt sie die Anwesenden mit einem „Agnus Dei“, das unter die Haut geht, so innig singen die beiden diese tränen- und trostreiche Arie des Mitleids und der Barmherzigkeit. Gewaltig ertönt zum Ende das „Libera me“, das verzweifelte Gebet um die Befreiung von allen Todesqualen im Angesicht des „Tags des Zorns, des Tags des Schreckens“, der Gerichtsangst, vor allem der Menschen der Reformation. Der Chorgesang schwillt an vom Flüstern zum Wehklagen, der Sopran setzt sich schillernd auch in den höchsten Tönen noch durch. „Quando coeli movendi sunt et terra dum veneris – wenn erschüttert Himmel und Erde“, da klingt Zehme wie eine Furie – und das Publikum ist ergriffen und – zittert mit, auch wenn das Sündenthema die modernen Christen nicht mehr in Angst und Schrecken versetzt.

Die Stille danach ist so berührend, dass vielen Tränen in die Augen schießen. Diese Minute des Innehaltens war der emotionale Höhepunkt des Konzerts. Dann setzte tobender Applaus mit „Bravi“-Rufen ein, einige sprangen begeistert von den Bänken, um im Stehen zu klatschen. Pfarrer Hans Joachim Hackel fiel Zosel in einer spontanen und herzlichen Geste um den Hals, auch er sichtlich bewegt und begeistert. Weder keusch noch pathetisch fand Verdi in seinem Requiem einen würdigen und dennoch dramatischen Ton, der von großen Bildern und schweren inneren Kämpfen des Menschen kündet, großartig umgesetzt von Musikern, die sich mit ihren Instrumenten und ihren Stimmen leidenschaftlich einbrachten. Viva Verdi – bravo St. Johann!

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