Der Neustart ist gelungen – „Carmina Burana“ in der Johanniskirche

Der Chor und alle Mitwirkenden des Chorprojektes feierten in der Johanniskirche einen Riesenerfolg. Foto: Hans-Joachim Hackel

Kronberg. – Das Notenmaterial war schon besorgt und im Chor verteilt worden; Arthur Honeggers Oratorium „Le Roi David“ sollte am 7. Juni 2020 in der Kirche St. Johann aufgeführt werden. Die Pläne für ein Rahmenprogramm waren weit gediehen. Doch dann – kam Corona. Schluss mit Chorproben, die freitags das Wochenende so schön eingeläutet hatten. Ein schwacher Trost waren Online-Proben, die allerdings niemandem so recht Freude bereiten konnten. Später dann: Proben in kleinsten Gruppen, im Hartmut-Saal, mit weitem Abstand und offenen Fenstern. Das lief schon besser – und der Abstand hatte sogar einen positiven Effekt auf Konzentration und Intonation. Allerdings stellte die Pandemie-Lage den Chorleiter vor die fatale Frage: Wie könnte es ihm gelingen, die Choristen „bei der Stange“ zu halten? Einfach neues Personal einstellen geht bei ehrenamtlich tätigen Menschen nun mal nicht.

Was also sollte Kantor Bernhard Zosel tun? Die Lösung hieß: „Chorprojekt“. Auf dem Programm: Die „Carmina Burana“ von Carl Orff, in der Fassung, die der Orff-Schüler Wilhelm Killmayer für zwei Klaviere und reichlich Schlagwerk hergestellt hatte und die von Orff selber autorisiert worden war. Ein Aufruf im Kronberger Boten zu samstäglichen Proben über einen Zeitraum von knapp drei Monaten, zusätzlich zu den Freitags-Proben des Stammchores, brachte einen großen Effekt. Etwa 40 erwachsene Sangeswillige und -mutige sowie 20 Kinder im Grundschulalter meldeten sich, die bei diesem Chorprojekt mitmachen und den Chor der Johanniskirche verstärken wollten. Bald kamen auch etliche von ihnen zu den Freitags-Proben. Ein kleiner Wermutstropfen: Bei den Jugendlichen, bedauert Bernhard Zosel, war kein Zuwachs zu vermelden, im Gegensatz zur „Carmina Burana“-Aufführung des Jahres 2009.

Die Stimmung indes war damals wie heute großartig: „Wir konnten 2009 die Stellen des coro piccolo voll und ganz an den Mädchenchor vergeben. Das gab eine eigene Farbe. Diesmal war die Freude bei allen Beteiligten noch größer, weil wir eine lange Durststrecke hinter uns hatten“, stellte Zosel nach der Aufführung am vorigen Sonntag hoch zufrieden fest. Oder, wie es Carl Orff oder vielmehr die mittelalterlichen Mönche ausgedrückt hätten: „Veris leta facies…“: Frühlings heiteres Gesicht schenkt der Welt sich wieder… mit süßtönendem Gesang feiern sie die Wälder.

Den „süßtönenden Gesang“ wollten viele Konzertbesucher hören. Zunächst zu viele, denn aus hygienischen Gründen waren nur 200 Gäste zugelassen. Die Kirchengemeinde reagierte mit einer öffentlichen Generalprobe, die unmittelbar vor dem Konzert stattfand. Auch hier war ein reges Interesse festzustellen.

Man habe, hieß es nach der Aufführung aus Zuschauerkreisen, allen Musikern die Freude an der Musik angemerkt– und auch daran, wieder auftreten zu dürfen. So konnten alle Mitwirkenden einen Riesenerfolg einfahren. Neben den Chören an St. Johann mit insgesamt 60 erwachsenen Sängerinnen und Sängern, fünf Jugendlichen und 20 Kindern waren dies die beiden jungen, präzise und temperamentvoll agierenden Pianisten Benedikt Fox und Lukas Rommelspacher, die leidenschaftlichen Schlagzeuger Lukas Oberbauer, Michael Born, Tim Eid, Felix Noll, Frank Eickvonder sowie die Sänger-Solisten Nora Friedrichs (mit luftig-leichtem Sopran), Michael Porter (Tenor, hinreißend-erbarmungswürdig als gebratener Schwan) und Johannes Schwarz (dessen Bariton-Stimme in den letzten acht Jahren an Umfang und Stimmgewalt grandios zugelegt hat). Sowohl nach der Generalprobe als auch nach der Aufführung gab es riesigen Publikums-Jubel, der – natürlich – mit dem „O, o, o, totus floreo“ und allen Mitwirkenden honoriert wurde.

Und wie sieht es nun aus mit den neu gewonnenen Sängerinnen und Sängern? Werden sie auch weiterhin bei Konzerten in der Johanniskirche mitwirken? Nur einige wenige, berichtet Zosel, werden wohl nicht mehr kommen, weil sie auch in anderen Chören aktiv sind. Die meisten hingegen haben sich positiv geäußert. „Wenn’s was zu tun gibt, komme ich gerne“, sagt der Kronberger Kai Poerschke. Auch Christoph Gottschalk und seine Ehefrau Tania Lobback-Gottschalk werden wieder mit dabei sein, ebenso das Königsteiner Ehepaar Christian und Nicola Lauer – um nur einige der durchweg positiven Rückmeldungen zu nennen. Begeisterung gab es auch bei den Kindern: Joel (11 Jahre), der schon früher einmal dabei gewesen ist, sagte: „Es ist cool, wieder hier zu sein“. David (7 Jahre) und Moritz (9 Jahre), mit ihren Eltern vor zweieinhalb Jahren ins Tal gezogen, waren nach der Hauptprobe am vorigen Samstag, berichtet Mutter Ulrike Kaiser, völlig aus dem Häuschen gewesen und hätten den ganzen Tag nur noch „Carmina“ gesungen. Auch Leopold und seine Schwester Louise wollen weitermachen. Von den Erwachsenen war mitunter zu hören, dass die Freitags-Proben möglicherweise ein Hindernis sein könnten – aber ganz ehrlich: Wie lässt sich ein Wochenende schöner beginnen als mit einer fröhlichen Chorprobe?

Pläne für weitere Projekte gibt es bereits, verrät Bernhard Zosel. Ende Oktober sollen in St. Pankratius Schwalbach und natürlich in der Kronberger Johanniskirche Werke von Ralph Vaughan Williams (Stücke aus dessen „Dona nobis pacem“) und César Franck (Panis angelicus, Dextera Domini, 150. Psalm etc.) aufgeführt werden. Der Neustart nach zwei Jahren weitgehenden sängerischen Schweigens jedenfalls ist, und das kann man ohne Übertreibung sagen, rundum gelungen.

Brigitta Hermann



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