Oberursel. Die „Kunsttäter“ stehen nach 26 Jahren vor dem Aus. Mit der angekündigten Schließung der besonderen Bildhauerwerkstatt würde das erfolgreiche Projekt Kunst statt Knast seine Arbeitsgrundlage verlieren. Am Sonntag, 31. Mai, wird das Atelier auf dem Gelände der Feldbergschule auf Weisung des Hochtaunuskreises dichtgemacht, Baumängel am Dach würden eine sichere Nutzung nicht mehr zulassen. Der Gestattungsvertrag mit der Stadt Oberursel wurde gekündigt.
Längst gilt die Werkstatt als Erfolgsmodell. Die Idee wurde von der Jugendgerichtshilfe des Hochtaunuskreises, vom Amtsgericht und auch von der Bewährungshilfe beim Landgericht Frankfurt sehr positiv aufgenommen und vor einigen Monaten zum 25-jährigen Bestehen von allen Seiten in höchsten Tönen gelobt. Auch der Kreis hat sich damals „glücklich geschätzt“, dass es die „Kunsttäter“ in Oberursel gibt. Statt in den Knast zu gehen oder ihre Strafe in Arbeitsstunden in einer sozialen Einrichtung abzuarbeiten, leisten straffällig gewordene Jugendliche ihre aufgebrummten Stunden in der Bildhauerwerkstatt ab. Durch die kreative Arbeit geben sie sich selbst ein neues Gesicht, auch dem Stadtbild mit größeren Skulpturen und anderen Kunstwerken.
Der Schock kam am Tag vor Heiligabend: Da sollte der Traum von Gründer Andreas Hett, seit 20 Jahren auf rund 250 Quadratmetern Werkstattfläche gelebt, auf einmal zu Ende sein. Die Kündigung wurde von einem Boten aus dem Landratsamt abgegeben, die Schlüssel wurden eingezogen. Erhebliche Baumängel, vor allem am Dach, werden als Grund genannt. Fertig, Aus, Ende. Eine Ausweichliegenschaft bietet der Kreis nicht an, es gebe „aktuell“ keine alternative Räumlichkeit, heißt es. Es folgt ein kräftezehrendes, zähes Ringen, das wenigstens zu einer Wiederöffnung im März führt. Ein neutrales Gegengutachten, durch den Verein Kunsttäter bestellt, wird jedoch nicht diskutiert oder gar akzeptiert. Es wurden auch Vorschläge für Eigenleistungen gemacht, um den Erhalt der Halle zu sichern, und eine Beteiligung an der Finanzierung angeboten. Der Kreis signalisiert kein Interesse. „Was auf dem Papier für die Fachbereiche im Landratsamt eine ‚Stilllegung‘ ist, bedeutet für uns das mögliche Ende eines Ortes, der für viele junge Menschen aus der Region Halt, Perspektive und eine zweite Chance war“, so Andreas Hett. Der Traum von der großen Halle, die gleichzeitig auch Ausstellungsort ist, endet nach aktuellem Stand am Sonntag, 31. Mai. Verlängerung ausgeschlossen, heißt es.
Aushängeschild für Orschel
Andreas Hett sieht die „ersten Jungs“ noch heute vor sich. Junge Kerle, manche durch irgendeinen Blödsinn straffällig geworden, auch ein paar „harte Jungs“. Die meisten haben später ihren Weg gemacht, manche ziemlich eindrucksvoll. Die Werkstatt, damals im alten Umspannwerk am Zimmersmühlenweg, hat sie vor dem Knast bewahrt. Hier durften sie zu „Kunsttätern“ werden. Es war der Anfang einer besonderen Geschichte kurz nach der Jahrtausendwende. Die Idee von Sozialarbeiter und Kunsttherapeut Andreas Hett kam an, sein Konzept hat die Verantwortlichen überzeugt. Das Experiment steht nach zehn Jahren trotz kleiner Rückschläge auf festen Füßen.
Als das Umspannwerk zum „Kraftwerk“ für Oldtimer und gehobene Gastronomie wurde, mussten die Kunsttäter für zwei Jahre in den Keller des alten Rathauses Oberstedten umziehen. Seit 2006 haben sie eine neue feste Heimat in der ehemaligen Autoschlosserei der Feldbergschule gefunden. Von dort aus können sie fast auf den „Verdrehten“ gucken. Die Holzskulptur hat die Kunsttäter in den öffentlichen Raum gebracht – je nach Blickwinkel guckt er böse oder freundlich. Es sind die zwei Seiten, die in jedem Leben stecken. Die beiden Gesichter stehen für den Weg, den die Künstler bei der Arbeit daran zurückgelegt haben. Auch bei der Arbeit am großen „Schlangendrachen“, der lange ein Hingucker in der Parkanlage Camp King war. Die große Geo-Nadel mit den bunten Ringen um die stilisierte Weltkugel vom Bahnhofsvorplatz stammt aus der Werkstatt, die großen bunten Skulpturen vor der Krebsmühle sind vor Ort entstanden.
Der Außenbereich Krebsmühle soll nun in den Sommermonaten einen kleinen Ausweichplatz bieten. Eine Notlösung – Andreas Hett spricht von einem „Sommerlager“ neben der kinetischen Plastik „E-Mobile“. Dort steht auch ein kleiner Keller zur Verfügung, in dem einige Renovierungsarbeiten erledigt werden müssen. Seit dem Sommer 2000 haben über 1.000 junge Menschen in der Bildhauerwerkstatt der Kunsttäter Unterstützung gefunden, Menschen, die oft keinen einfachen Weg hatten. Hier konnten sie lernen, arbeiten, Verantwortung übernehmen, Spuren hinterlassen und wieder Vertrauen in sich selbst entwickeln. Jetzt geht es für den Verein und alle Mitstreiter darum, eine neue, wenn auch nur temporäre Bleibe zu finden und eine Kulturstätte zu erhalten.
Hett will sich im Spätsommer aus der ersten Reihe zurückziehen – mit dem Erzieher, Sozialpädagogen und „Super-Handwerker“ Raffael Wunner, 30, ist die Nachfolge eigentlich längst geregelt – die beiden arbeiten seit zwei Jahren zusammen. Fehlt nur der Raum für eine neue Bleibe, um den jetzt dringend geworben wird. Rund 100 Quadratmeter werden mindestens benötigt, größer geht natürlich immer. Wenn möglich beheizbar für den Winter, mit Toilette und fließendem Wasser. Erste offene Ohren sind gefunden: Im Stadtparlament taucht das Thema „Sicherung der Zukunft der Kunsttäter-Halle“ heute Abend in der Fragestunde auf, eingebracht von der Fraktion der Grünen. Und Bürgermeisterin Antje Runge hat bereits Anfang der Woche eine Bitte bei der Leitung der Ketteler-La-Roche-Schule vorgebracht, um Unterstützung durch das Bistum Limburg zu erreichen – etwa durch temporäre Überlassung von leer stehenden Räumen im alten Schulgebäude am Altenhöferweg.


