Die Natur schreibt den Stundenplan: Ein „Grünes Klassenzimmer“ im Kirdorfer Feld

Die ersten Zimmer sind bereits vergeben: Verschlossene Röhrchen zeigen, dass Wildbienen im Insektenhotel ihren Nachwuchs untergebracht haben.

Bad Homburg (eh) – Ist Totholz wirklich tot? Warum brauchen Wildbienen ungewaschenen Sand? Und wer könnte schon bald in das kleine Häuschen hinter dem großen Steinhaufen einziehen? Im neuen „Grünen Klassenzimmer“ im Kirdorfer Feld gibt es auf solche Fragen keine Antworten aus dem Schulbuch. Stattdessen darf genau hingeschaut, entdeckt und gestaunt werden. Wo in einem gewöhnlichen Klassenraum Tafel, Tische und Stühle stehen, dienen hier Baumstämme als Sitzplätze. Der Lehrstoff wächst, summt, krabbelt und blüht gleich nebenan. Totholzhaufen, Steine, ein Sandarium, ein Insektenhotel und ein Igelhaus machen anschaulich, wie viele verschiedene Lebensräume auf kleiner Fläche entstehen können.

Nahe des Apfelbaummuseums am Usinger Weg hat die Stadt einen ungewöhnlichen Lern- und Erlebnisort geschaffen. „Mit dem ,Grünen Klassenzimmer’ ist ein lang gehegter Wunsch Wirklichkeit geworden“, freut sich Bürgermeister Dr. Oliver Jedynak.

Ein Steinhaufen wird zum Zuhause

Ein kurzer Rundweg aus Rindenmulch führt an den unterschiedlichen Stationen vorbei. Dunkle, zu einem großen Haufen aufgeschichtete Steine heizen sich in der Sonne auf und bieten wärmeliebenden Tieren Schutz. Rund um den Steinhaufen liegt ein sogenanntes Sandarium. Der ungewaschene, besonders lehmhaltige Sand ist kein gewöhnlicher Spielsand: Wildbienen können darin ihre Gänge graben und ihre Bruthöhlen anlegen.

Gleich nebenan wächst Schafgarbe, ein artenreicher Staudensaum bietet Nahrung, und in einem Insektenhotel haben bereits die ersten Bewohner Quartier bezogen. Viele der kleinen Öffnungen sind mit unterschiedlich gefärbtem Material verschlossen – ein sichtbares Zeichen dafür, dass darin schon Nachwuchs heranwächst.

Auch der große dürre Baum auf dem Gelände ist alles andere als nutzlos. Was auf den ersten Blick abgestorben wirkt, ist in Wahrheit ein begehrter Lebensraum für Käfer, Vögel und zahlreiche andere Tiere. Spechte finden im morschen Holz Nahrung und können darin Höhlen anlegen. Totholzhaufen werden zu Verstecken und Winterquartieren.

Schon seit Mai wird am „Grünen Klassenzimmer“ gearbeitet. Die Idee dazu ist aber schon deutlich älter. Entwickelt hat das Konzept der städtische Ranger Boris Heinrich, der das Kirdorfer Feld seit 2023 betreut. Er kennt die großen Zusammenhänge dieses wertvollen Naturraums – und weiß zugleich, welche enorme Wirkung vermeintlich kleine Dinge entfalten können. „Naturschutz beginnt mit Verstehen“, bringt Boris Heinrich die Idee des „Grünen Klassenzimmers“ auf den Punkt.

Das Igelhaus steht noch leer. Ranger Heinrich hofft, dass dort spätestens im Winter ein stacheliger Bewohner einzieht. Laub, Reisig und geschützte Hohlräume können für Igel überlebenswichtige Rückzugsorte sein.

Was im Kirdorfer Feld gezeigt wird, lässt sich auch in vielen privaten Gärten umsetzen. Nicht jeder Garten muss bis in den letzten Winkel aufgeräumt sein. Ein Haufen aus Ästen, einige liegen gebliebene Blätter, heimische Blühpflanzen oder eine offene Sandfläche können bereits wertvolle Lebensräume schaffen. „Artenvielfalt entsteht nicht durch einzelne große Maßnahmen, sondern durch viele kleine Lebensräume, die miteinander vernetzt sind“, erklärt Heinrich. „Jeder Totholzhaufen, jede Blühfläche, jeder Blühstreifen und jedes Sandarium kann Teil eines großen Mosaiks werden, das unsere heimische Tier- und Pflanzenwelt erhält. Genau das möchte das ,Grüne Klassenzimmer’ sichtbar machen.“

Unterrichtsort für alle Generationen

Gedacht ist das „Grüne Klassenzimmer“ vor allem für Schulklassen, Kindergärten und Krippen. Doch auch Vereine, Familien und andere interessierte Gruppen können hier entdecken, beobachten und lernen. Das Gelände kann grundsätzlich auch ohne Führung besucht werden. Wer tiefer in die Besonderheiten des Kirdorfer Feldes eintauchen möchte, kann eine Führung mit dem Ranger oder einem der städtischen Naturlotsen vereinbaren.

Der Unterricht unter freiem Himmel richtet den Blick auf Zusammenhänge, die im Alltag leicht übersehen werden: Welche Pflanzen brauchen bestimmte Insekten? Warum sind Bestäuber für Menschen unverzichtbar? Weshalb ist ein alter, abgestorbener Baum ökologisch oft besonders wertvoll? Und was geschieht, wenn geschützte Flächen verlassen, Hunde nicht angeleint oder Tiere immer wieder gestört werden?

„Gleichzeitig soll das Bewusstsein für einen rücksichtsvollen Umgang mit der Landschaft gestärkt werden“, betont Heinrich. Dazu gehören das Wegegebot und die Anleinpflicht für Hunde ebenso wie der Respekt vor Pflanzen, Wildtieren und den privaten Flächen im Kirdorfer Feld.

Naturraum vor der Haustür

Das rund 133 Hektar große Kirdorfer Feld ist ein kombiniertes Natur- und Landschaftsschutzgebiet und zugleich Teil des europäischen Schutzgebietsnetzes Natura 2000. Artenreiche Wiesen, Streuobstbestände, Feuchtwiesenzüge, kleine Fließgewässer und Quellen prägen diese historische Kulturlandschaft.

Gerade diese Vielfalt macht das Gebiet so kostbar – und zugleich empfindlich. Immer mehr Menschen zieht es hinaus in die Natur. Spaziergänger, Radfahrer, E-Biker und Hundebesitzer nutzen dieselben Wege. Mitunter wird illegal gefahren, gegrillt oder sogar gecampt. Müll, Drohnen und freilaufende Hunde können Tiere stören und geschützte Lebensräume beeinträchtigen. Ranger Boris Heinrich versteht sich als Mittler zwischen Mensch und Natur. Der staatlich geprüfte Forstwirt und Sachkundige für Baum-Habitat-Strukturen sucht das Gespräch, erklärt Regeln und wirbt um Verständnis. Er kümmert sich um praktische Naturschutzmaßnahmen, beobachtet die Entwicklung des Gebietes, begleitet Führungen und unterstützt Aktionen wie die Rehkitzrettung vor der Mahd.

Das Klassenzimmer wächst weiter

Fertig ist der neue Lernort noch lange nicht. Zusätzliche Lehrtafeln sollen die charakteristischen Pflanzen und Tiere des Kirdorfer Feldes vorstellen und traditionelle Formen der Bewirtschaftung wie Wölbäcker, Heuernte und Schafbeweidung erklären. QR-Codes könnten künftig weiterführende digitale Informationen zugänglich machen. Geplant sind außerdem weitere Sitzgelegenheiten aus Naturholz und ein großes Insektenhotel als besonderer Blickfang. Auch über einen Amphibienteich wird nachgedacht. Die Informations- und Hinweistafeln sollen langfristig über das Gebiet verteilt und zu einem Naturlehrpfad verbunden werden.

Für Bürgermeister Jedynak ist das „Grüne Klassenzimmer“ zugleich ein wichtiges Gegengewicht zu einer immer stärker technisierten Lebenswelt: „Digitalisierung, künstliche Intelligenz und technischer Fortschritt bestimmen unseren Alltag. Das ist wichtig und richtig. Gleichzeitig dürfen wir aber nicht vergessen, worauf unser Leben letztlich aufbaut: auf funktionierende Ökosysteme, gesunde Böden, sauberes Wasser, Bestäuber und eine vielfältige Natur.“

Im „Grünen Klassenzimmer“ werden diese großen Themen ganz konkret. Sie stecken im verschlossenen Röhrchen eines Insektenhotels, im sonnenwarmen Steinhaufen und im scheinbar leblosen Holz. Wer hier genau hinsieht, erkennt schnell: In der Natur ist selbst das vermeintlich Tote oft voller Leben. „Das ,Grüne Klassenzimmer‘ soll ein Ort sein, an dem alle Menschen die Natur nicht nur betrachten, sondern verstehen lernen. Denn nur was wir kennen, schätzen wir. Und nur was wir schätzen, werden wir auch bewahren“, so Dr. Jedynak.

Wer am Unterricht im Freien oder an einer Führung durch das „Grüne Klassenzimmer“ interessiert ist, kann sich unter der E-Mail-Adresse boris.heinrich[at]bad-homburg[dot]de an den Ranger wenden.

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