Bad Homburg (hw) – Noch stehen sie fest auf dem Boden und lassen sich von allen Seiten bestaunen. Doch schon bald werden die beiden Kerbeliesln sehr unterschiedliche Wege nehmen: Eine von ihnen wird hoch oben am Kerbebaum über das Fest wachen, die andere wird am Ende der Kerb feierlich verbrannt. Mit viel Freude und ebenso viel Stolz präsentierten die Kinder der Kita Hessengärten die beiden Figuren, die sie gemeinsam mit dem Kerbeteam der „Aale Eschbächer“ gebastelt haben. Dabei entstand nicht nur ein farbenfrohes Wahrzeichen für die bevorstehende 54. Ober-Eschbacher Zeltkerb, sondern auch eine lebendige Verbindung zwischen den Generationen.
„Die Kerbeliesl wacht über die Kerb, damit wir eine schöne und friedliche Kerb feiern können“, erklärt Kerbebursch Liss Sprenger-Grün. Die Kerbeliesl, im Ort auch kurz Kerb-lies genannt, ist weit mehr als eine lustig gestaltete Festpuppe. Sie verkörpert die Kerb und gehört untrennbar zum Kirchweihbaum, zum Umzug durch den Ort und zum feierlichen Abschluss des Festwochenendes. Während des gemeinsamen Bastelns erfuhren die Kinder deshalb auch, was es mit der Kerb, der ursprünglichen Kirchweih und den überlieferten Bräuchen auf sich hat. Der Kirchweihbaum soll Leben und Lebendigkeit in das Fest bringen. Nach den Überlieferungen, die von den Kerbeburschen weitergegeben werden, reicht dieser Brauch rund 500 Jahre zurück.
Für die Jungen und Mädchen wurde so aus einem Bastelvormittag zugleich eine kleine Reise in die Geschichte ihres Stadtteils. Mitglieder der „Aale Eschbächer“ und Alt-Kerbeburschen erzählten von früheren Kerben, vom Festumzug und vom kraftaufwendigen Aufstellen des hohen Baumes. Mit jeder Erklärung wurde deutlicher, warum die Kerbeliesl für viele Ober-Eschbacher weit mehr ist als eine Figur aus Stoff: Sie steht für Zusammenhalt, Heimatgefühl und eine Tradition, die nur dann lebendig bleibt, wenn sie an die nächste Generation weitergegeben wird.
Genau diesem Ziel haben sich die „Aale Eschbächer“ seit ihrer Gründung im Jahr 1971 verschrieben. Der Verein pflegt das örtliche Brauchtum ebenso wie das kulturelle und gesellige Leben in Ober-Eschbach. Bereits im September 1972 richteten die Mitglieder gemeinsam mit weiteren Ortsvereinen die erste Zeltkerb aus und belebten damit die Ober-Eschbacher Kerbtradition neu. Kinder spielen im Vereinsleben seit jeher eine wichtige Rolle. Mehr als 40 Kinderveranstaltungen, darunter Puppentheater, Jugenddiscos und Kinderfasching, hat der Verein nach eigenen Angaben bereits organisiert.
Wie selbstverständlich das Weitergeben der Tradition in Ober-Eschbach funktioniert, zeigt auch der Blick auf das diesjährige Kerbeteam. Sechs Kerbeburschen und 15 Alt-Kerbeburschen sind 2026 aktiv – darunter seit vielen Jahren auch Frauen. „Das ist echte Emanzipation“, sagt Liss Sprenger-Grün mit einem Schmunzeln. Schon seit den 1980er-Jahren können auch Mädchen und Frauen bei den „Aale Eschbächern“ als Kerbeborsch mitfeiern. Wer drei Jahre lang als Kerbeborsch dabei war, wechselt anschließend in die Reihen der Alt-Kerbeburschen. Mitmachen können Jugendliche und Erwachsene ab 16 Jahren.
Manchmal wird die Begeisterung für die Kerb sogar innerhalb einer Familie weitergegeben. Kerbebursch John erzählt, dass bereits sein Vater Kerbebursch in Gonzenheim gewesen sei. Für ihn habe deshalb festgestanden, diese Tradition ebenfalls fortzuführen. Gemeinsam mit seinem Mit-Kerbeburschen Pascal freut er sich besonders auf den Umzug und das anschließende Aufstellen des Kirchweihbaumes. Das sei zwar anstrengend, mache aber großen Spaß und sei jedes Jahr ein besonderer Moment. Schon am Donnerstagvormittag vor der Kerb sind die „Aale Eschbächer“ außerdem in der Ober-Eschbacher Grundschule zu Gast. Dort erklären sie den Kindern, was eine Kirchweih ist, weshalb sie gefeiert wird und welche Bedeutung die einzelnen Kerbbräuche für den Ort haben.
Gefeiert wird die 54. Zeltkerb von Freitag, 18. September, bis Sonntag, 20. September, auf dem Sportgelände am Massenheimer Weg. Der Freitag gehört zunächst den jüngsten Besuchern. Um 13 Uhr beginnt der Familientag mit einer Kinderolympiade, die von ortsansässigen Vereinen und dem Jugendzentrum organisiert wird. Verschiedene Gruppen zeigen zudem ihre Auftritte im Kerbzelt. Am Abend übernimmt die Band „Pfund“ die Bühne und sorgt mit Livemusik für einen stimmungsvollen Auftakt in das Kerbwochenende. Der Eintritt ist am Freitag frei.
Am Samstag, 19. September, beginnt um 13 Uhr einer der Höhepunkte der Ober-Eschbacher Kerb: Beim großen Festumzug ziehen die Kerbeburschen gemeinsam mit zahlreichen Teilnehmern durch den geschmückten Ort. Mit dabei sind der mächtige Kerbebaum und die von den Kindern gebastelte Kerbeliesl. Am Festplatz angekommen, wird der Baum mit vereinten Kräften aufgerichtet. Für John, Pascal und ihre Mitstreiter ist dies der Moment, auf den sie sich besonders freuen. Auch die Zuschauer am Straßenrand und auf dem Festplatz sind eingeladen, die Kerbeburschen lautstark anzufeuern. Am Abend kehrt die Band „Let The Butterfly“ nach Ober-Eschbach zurück und verwandelt das Festzelt in eine große Partyarena. Karten für den Samstagabend sind im Vorverkauf bei der „Bunten Tüte“ in Ober-Eschbach erhältlich.
Der Kerbsonntag, 20. September, beginnt um 10.45 Uhr mit einem ökumenischen Gottesdienst im Festzelt. Anschließend geht es mit dem traditionellen Frühschoppen weiter. Für die passende musikalische Begleitung sorgt die Blaskapelle Langen-Brombach, während sich die Besucher auf Freibier und Freiäppler freuen dürfen. Noch einmal kommen dabei Jung und Alt zusammen, bevor sich am Abend der Kreis schließt: Um 22 Uhr wird die zweite Kerbeliesl nach altem Brauch verbrannt und damit das offizielle Ende der diesjährigen Kerb eingeläutet.

