Premierenlesung „Schwesternland“ von Katharina Fuchs im Casablanca – vier Schwestern und ein Geheimnis

Katharina Fuchs stellt ihr jüngstes Buch „Schwesternland“ vor, das bis ins 17. Jahrhundert zurückgeht, als Auftakt zu einer vielstimmigen Schwesternreihe. Foto: Sura

Bad Soden (aks) – „Wir sind mehr als unser eigenes Leben.“ Katharina Fuchs, die „eine Faszination für die Vergangenheit hat“ und die zuletzt auf den Bestseller-Listen mit Büchern über das Schicksal ihrer Großmütter, ihrer Großtante und ihrer Mutter landete, erzählt in „Schwesternland“ von der Geschichte ihrer französischen Ahnin Jeanne Beauvais, die aus einer Hugenotten-Familie in Lyon stammt und von den Dragonern Ludwigs XIV. im Jahr 1685 verfolgt wird und nach einer dramatischen Flucht über den Col de la Faucille, den nicht alle Mitglieder ihrer Familie überleben, über Genf, Berlin nach Potsdam und bis ins Havelland gelangt und ein neues Leben beginnt.

Auf der Leipziger Buchmesse sei ihr neues Buch als „Superschmöker“ empfohlen worden; sie schmunzelt kurz und beginnt mit der ihr eigenen Ernsthaftigkeit mit eleganten Handbewegungen, die die Handlung unterstreichen, zu lesen. Katharina Fuchs hat viele Fans, und so ist das Kino Casablanca gut besetzt. Die Bücherstube Gundi Gaab hält viele Bücher zur abschließenden Signierrunde bereit.

Die erfahrene Vorleserin macht sofort neugierig auf ihren neuen Stoff, der 350 Jahre alt ist, und dennoch hochaktuell zu sein scheint. Antonia, die Protagonistin der Gegenwart, wird neugierig nach einem Blick in das Familienstammbuch und macht sich auf die Suche nach der Wahrheit.

Es sei nicht ein Ereignis, sondern ein Verlust, der das Leben in ein Davor und ein Danach einteilt. Katharina Fuchs weiß, wie man Spannung erzeugt. Die Zeit der Geborgenheit verwandele sich in einem einzigen Augenblick zu einer Zeit der Schutzlosigkeit. Das muss die 20-jährige Jeanne, die in einem behüteten Elternhaus in Lyon aufwächst, auf grausame Weise erfahren. Als „Haus der Reformierten“ ist es gebrandmarkt. Wie jeder wegen seines Glaubens Verfolgte muss sich das Familienoberhaupt entscheiden: Abschwören oder dem eigenen Glauben treu bleiben. Der Vater schwört ab und rettet seine Familie für kurze Zeit.

Angesichts der zunehmenden Gräueltaten und der blinden Zerstörungswut von Kirchen und Schulen bleibt ihm nur die Flucht vor Ludwigs Spürhunden – mit zwei alten Pferden. Nie hätte Jeanne geglaubt, dass das gute Leben so abrupt enden könnte. Die Autorin wirkt sichtlich bewegt: „So viel Hass wegen eines anderen Glaubens und so viel Leid, für die, die nicht abschwören, auch wenn sie sich dem Leben stets mit Anstand genähert haben.“ Die meisten im Publikum denken unwillkürlich an die Verfolgung Andersgläubiger, insbesondere an die Judenverfolgung vor nicht allzu langer Zeit, die Fuchs in früheren Büchern thematisiert hat. Ein wichtiges Leitmotiv der Juristin ist das Unrecht gegenüber Unschuldigen, das ganz besonders gut in einem System der Willkür und der Hetze gedeiht: So lange, bis der Hass gegenüber allem Fremden und das Recht des Stärkeren sich rücksichtslos Bahn brechen, eine Welle, die auch oder gerade vor Frauen nicht Halt macht. Nur der bedingungslose Zusammenhalt von Müttern, Töchtern und Schwestern, Freundinnen wird in ihren Erzählungen zur Möglichkeit von Glück. Und wieder ist es die Liebe – auch eine verbotene, die das Leben der Protagonistinnen verändert.

Auch diesmal ist ihre Geschichte unglaublich spannend und bis ins kleinste Detail gut recherchiert. So erlebt man als Leser hautnah das Schicksal der Familie Beauvais, stellvertretend für Hunderttausende Hugenotten, Protestanten, die der strengen Lehre Calvins folgten und die vor der Gewalt der Katholiken fliehen mussten, um ihr nacktes Leben zu retten. Fuchs erläutert, dass der Begriff „Hugenotte“ als Schmähbegriff verwendet wurde und zur Vertreibung führte, als der Sonnenkönig mit dem Edikt von Fontainebleau 1685 das Edikt von Nantes 1598 widerrief, in denen man den Hugenotten religiöse und bürgerliche Rechte zugesichert hatte.

Katharina Fuchs schildert in sehr dramatischen Szenen – mit ruhiger Stimme – auch diesmal ein Frauenschicksal auf dem entbehrungsreichen Weg in ein neues Leben: Ihre Urahnin Jeanne Beauvais, die mehr mit dem Leben der vier Schwestern gemein hat, als diese zu Beginn der Ahnenforschung vorhersehen können. So ist es vielleicht auch kein Zufall, sondern ein Quantum Seelenverwandtschaft, dass Katharina Fuchs ihre Kindheit am Genfer See verbrachte, wo viele Hugenotten eine neue Heimat fanden.

Nächste Lesung von Katharina Fuchs: am 7. Mai im Badehaus.



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