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Weihnachtsglocken läuten wieder, Sterne stehn am Himmelszelt

Die kleine, der heiligen Barbara geweihte Glocke aus dem Glatzer Bergland in winterlicher Atmosphäre auf dem Gelände der ehemaligen Königsteiner Kasernen vor der Kollegskirche.

Königstein – Eines der schönsten Gedichte, die in der Advents- und Weihnachtszeit unsere Gefühle berühren, ist Theodor Storms „Weihnachtslied“. Das Dichterwort, losgelöst von der theologischen Botschaft über die Geburt des Erlösers Jesu im ärmlichen Stall von Bethlehem, lässt uns stets ein wenig innehalten und ruhig werden:

„Vom Himmel in die tiefsten Klüfte ein milder Stern hernieder lacht; vom Tannenwalde steigen Düfte und hauchen durch die Winterlüfte, und kerzenhelle wird die Nacht.

Mir ist das Herz so froh erschrocken, das ist die liebe Weihnachtszeit! Ich höre fernher Kirchenglocken mich lieblich heimatlich verlocken in märchenstille Herrlichkeit.

Ein frommer Zauber hält mich wieder, anbetend, staunend muss ich stehn: es sinkt auf meine Augenlieder ein goldner Kindertraum hernieder, ich fühl’s, ein Wunder ist geschehn.“

Das Gedicht des 1817 in Husum geborenen Juristen und Lyrikers Theodor Storm strahlt eine besondere, eine anheimelnde Faszination aus. Der Weihnachtsstern, der die stille winterliche Natur wie im hellen Kerzenlicht erstrahlen lässt, das ferne Glockengeläut, die Erinnerung an Kinderträume: all das lässt uns das Wunder der Heiligen Nacht auf sehr emotionale Weise scheinbar direkt miterleben.

Gerade das Läuten der Glocken übt im Advent und zu Weihnachten eine besondere Faszination auf uns aus. Sei es das große Stadtgeläut in Frankfurt mit der mächtigen Gloriosa „Die Ruhmreiche“ im Kaiserdom St. Bartholomäus oder der Ruf unserer Königsteiner Glocken, angeführt von der großen Marienglocke, zu den nächtlichen Metten.

Überhaupt Glocken! Sie läuten Jahr um Jahr und Tag für Tag über unserer Stadt. In der Vergangenheit vom Burgberg, dann von der Stiftskirche der Kugelherren in den Gassen der Altstadt und später vom Kapuzinerkloster in der Stadtmitte. Bis heute vom Alten Rathaus und von den Türmen unserer Kirchen und Kapellen. Sei es früher als Sturm-, Feuer- oder Bürgerglocken, im Mittelalter als „Armesünderglöcklein“ für zum Tode Verurteilte, oder bis in unsere Tage als Kirchhofs- oder Friedhofsglocken, zum Lobe und zur Ehre Gottes, als Rufer zum Kirchgang und als Mahner für ein friedvolles Zusammenleben der Menschen in Stadt und Land. Nach einer Veröffentlichung des Heimatforschers Friedrich Stöhlker aus dem Jahre 1952 kann zwar angenommen werden, dass Glocken bereits im 13. Jahrhundert in Königstein läuteten. Die erste urkundlich nachweisbare Glocke ist allerdings aus dem Jahre 1436 für den Burgturm bezeugt. Sie war sieben Zentner schwer und trug in Latein die Aufschrift „O rex gloriae, veni cum pace“ (König der Herrlichkeit, komm mit deinem Frieden).

Auch wenn das gesamte Wissen über die Glocken unserer Heimatstadt von großem Interesse ist, soll hier nur von einer schlichten, kleinen Glocke erzählt werden, die in Königstein eher unbekannt geblieben ist, die aber ihre ganz besondere Geschichte hat. 1799 gegossen und der heiligen Barbara geweiht, läutete sie ursprünglich in der schlesischen Kirchengemeinde Schlegel im Bergland der Grafschaft Glatz. Sie musste gegen Ende des letzten Krieges wie viele ihrer Schwestern landauf, landab den hohen Glockenstuhl verlassen und sollte für Rüstungszwecke eingeschmolzen werden. Die Glocke erlebte das bittere Ende des Krieges jedoch unbeschadet auf der Sammelstelle des Hamburger „Glockenfriedhofs“. 1952 fand sie im Vaterhaus der Vertriebenen in Königstein im notdürftig aufgestellten hölzernen Glockenstuhl vor der Kollegskirche ihren neuen Platz. Diese kleine schlesische Glocke, die täglich zum Engel des Herrn für die verfolgte Kirche ihren Ruf erschallen ließ, wurde für ungezählte geflüchtete und vertriebene Menschen in jenen Jahren hier bei uns in Königstein zum Symbol der Erinnerung und „zur Stimme aus der verlorenen Heimat“.

Wenden wir uns abschließend noch einmal der Marienglocke zu. Zum Fest Maria Himmelfahrt des Jahres 1956 beschloss der Kirchenvorstand, das Geläut von St. Marien durch die Anschaffung einer großen Glocke zu harmonisieren. Bereits am 30. Oktober erfolgte ihr Guss in der Glockengießerei der Gebrüder Rincker in Sinn im Lahn-Dill-Kreis. Am 10. November holte sie Spediteur Adam Kroth nach Königstein. Tags darauf fand durch Domkapellmeister Hans Pabst, der in den Jahren 1915/16 Kaplan in Königstein und Präses der Kolpingfamilie war, die Weihe statt.

In seinem Grußwort für die evangelische Gemeinde nannte Pfarrer Hermann Gerber die Glocken „Wächter, Rufer und Boten Gottes“ und wünschte „dass sie bis auf die eine Ausnahme, einmal die Wiedervereinigung Deutschlands einzuläuten, niemals zu politischen Zwecken erklingen sollten“. Die Presse schrieb in einem Bericht „Am Weihnachtsabend wird das volle Geläut zum erstenmal offiziell ertönen. Möge es, wie im Verlaufe der Glockenfeier immer wieder flehentlich zum Ausdruck gebracht wurde, niemals aus Anlass von Katastrophen, sondern nur zum Lobe Gottes und stets im und für den Frieden der Menschen und ihrer Herzen läuten“. Ein wahrhaft „weihnachtlicher“ Wunsch!

Mit dem Gedicht „Weihnachtsglocken“ des 1802 in Wien geborenen österreichischen Lyrikers der Spätromantik Johann Nepomuk Vogl wünsche ich allen Lesern der Königsteiner Woche ein gesegnetes und frohes Weihnachtsfest und Glück und Gesundheit im vor uns liegende Jahr:

„Hörst du, wie die Glocken klingen? Hörst du rings der Lieder Pracht? Wieder kommt auf Engels Schwingen ernst und still die ‚Heilge Nacht ‚. Auf die frosterstarrten Wälder, auf der Heide ödes Grab, auf die Städte, auf die Felder sinkt es wie ein Lenz herab. 

Denn die Liebe ward geboren, um zu sühnen jede Schuld; alle, selbst die sie verloren, nimmt sie auf mit gleicher Huld. Komm o komm zu uns hernieder, lang erwartet Gotteskind! Gib uns Mut und Tröstung wieder, die uns lang entschwunden sind.“

Manfred Colloseus

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