Woogtal: Ein Diamant will geschliffen sein

Königstein (hhf) – Es gibt wohl keinen, der das Woogtal nicht als ein besonderes Juwel in der Umgebung der Kurstadt einstuft, viele aber schließen sich der Meinung der AG Kulturlandschaft Königstein-Kronberg an, dass dort mittlerweile einiges wieder in Schuss gebracht werden muss. Um im Bild zu bleiben: Der Diamant braucht eine neue Fassung und einen guten Schliff, um ihn aufzuwerten – wenn dabei einige Facetten mehr entstehen, schadet das gar nichts.

Anstatt nur zu meckern, beschäftigt sich die AG seit Jahren mit einem neuen Gestaltungskonzept, vorneweg Landschaftsarchitektin Jana Seibel, die ihren Eindruck so zusammenfasst: „Eigentlich ist das Woogtal wunderschön. Eigentlich...“ In den letzten Monaten ihrer Schwangerschaft hat sie sich regelmäßig im Woogtal entspannt, dabei die schönen Blickwinkel ebenso entdeckt wie die Gammelecken und sich ihre fachlichen Gedanken dazu gemacht. Unübersehbar dabei die Bedürfnisse der Jugend, die dieses Refugium gerne als abgelegenen Treffpunkt nutzt, spürbar die Bedürfnisse alter und behinderter Menschen. Fazit: Das Woogtal hat für alle Generationen seinen Reiz, nun sollte man versuchen, deren Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen.

Gut zwei Jahre haben sich die Kulturlandschaftler schon Gedanken gemacht, nun luden sie ins Haus der Begegnung zur Vorstellung des Entwicklungsplans mit anschließender Diskussion ein. Mit 30 Köpfen war das Publikum dabei zwar recht überschaubar, doch hatten sich erfreulich viele Vertreter der Kommunalpolitik eingefunden, Anwohner und sogar Kronberger, die einen erfrischenden Blick von Außen beisteuerten. Ihnen wurde ein höchst informativer Abend mit gleich drei gut bebilderten Einzelvorträgen geboten.

Den Anfang machte Christoph Schlott mit einer Fokussierung größerer Zusammenhänge auf das kleine Woogtal, unter anderem mit einer Reihe beeindruckender Luftbilder. Dabei begann der Archäologe, der sich vor allem als Kulturmanager auch auf Tourismus wohl versteht, in der Entstehungszeit aller Diamanten und berichtete dann, dass Königstein vor 380 Millionen Jahren in einer Küstenlandschaft gelegen hatte, wo sich später das hohe Schiefergebirge auftürmte, zu dessen Resten heute unter anderem der Taunus zählt. Im Gegensatz zu etlichen Geo-Parks der Umgegend habe der Hochtaunus diese Facette noch nicht so recht entdeckt, bedauerte Schlott und näherte sich dann dem Woogtal.

„Jetzt geht es in den Taunus“ sei die Botschaft, die die Landschaft auswärtigen Besuchern vermittle, Kronberg und Königstein, vor allem am Kronthal seien ein „Einfallstor in den Taunus“, was auch der Verkehr im Kreisel an schönen Wochenenden klar belegt. Von burgenbekrönten Hügeln führen die Wege schnell bis auf den Feldberg. In diesem Zusammenhang stellt sich das Woogtal dann als das „Ende vom Burgberg“ dar, was historische Folgen hatte: „Dort sollte niemand siedeln.“ Die Landschaftsgestaltung („kein Fleck in Deutschland ist wirkliche Natur“) orientierte sich an militärischen Gesichtspunkten, Bäume waren kaum zu finden, dafür Wiesen mit landwirtschaftlicher Nutzung. Der Bau der Bahnlinie schnitt schließlich trotz Brücke das Woogtal vom weiten Bangert ab, doch wird es in der wilhelminischen Epoche erstmals gezielt zur touristischen Nutzung am Rande der Kurstadt umgestaltet. Daraus resultiert auch die Idee, das Woogtal künftig wieder im Stil jener Zeit erscheinen zu lassen, dazu kommen noch weitere Anregungen aus jener Epoche: „Die Landschaftsplaner um 1900 waren keine Dummköpfe!“

Aber sie waren mehr Ästheten denn Ökologen, weshalb nun Dr. Bärbel von Römer-Seel das Mikrofon übernahm und direkt an die geologische Entwicklung des Naturraums anknüpfte: „Flora und Fauna passen sich immer daran an.“ Allerdings brauchen diese natürlichen Mechanismen einige Grundbedingungen, die erst der Mensch in weiten Bereichen ausgehebelt hat Im Bereich der Fließgewässer versucht der Homo sapiens allerdings mittlerweile über europäische Wasserrahmenrichtlinien einige dieser Fehler wieder auszubessern.

Da die Umsetzung dieser „WRRL“ mittlerweile Gesetz ist, hatte dieses Referat sicher den kleinsten Anteil an schönen neuen Ideen, vermittelte aber Verständnis für das Notwendige, woraus sich allerlei Gestaltungsvorschläge ableiteten. Nebenbei bemerkt: Wo die „Durchgängigkeit“ eines Baches erst einmal gesichert ist, spricht auch nichts gegen zusätzliche Nebengewässer aus ästhetischen Gründen.

Mit der Durchgängigkeit ist es im Woogtal aber nicht weit her, hier ist der Bach in einer „Insellage“ gefangen: Oberhalb unterquert er Teile der Stadt in Kanalrohren, und am unteren Ende bremst die Staumauer des Weihers die Reisefreiheit DDR-mäßig. Hieraus ergibt sich als sichtbarste Konsequenz die ständige Verschlammung des Weihers (der zweite ist bereits voll), denn der Transport von großen Mengen Sand, Schlamm und Geröll ist typisch für den Oberlauf eines Baches. Hand in Hand damit geht auch eine starke Erosion am Rand des Bachbettes, weshalb in historischer Zeit hier gerne Bäume stehen blieben, die das Ufer mit ihren Wurzeln schützten.

Für die Tierwelt ist es wichtig, dass Erlen in Bachnähe stehen, denn deren Blätter sind wichtige Nahrungsgrundlage. Gestalterisch reichen hier aber kleine Grüppchen, genug um das Wasser zu beschatten aber nicht die Wiese nebendran.

Außerdem leben viele der Tiere im Oberlauf „mit der Strömung“, treiben in späteren Lebensformen abwärts und transportieren (wie die bekannten Lachse) ihren Nachwuchs endlich wieder für einen Neustart nach oben. Brücken oder kleine Schwellen sind dabei kaum ein Problem, Staumauern und Kanalrohre schon und auch oben offene Kanäle bieten bei hoher Strömung zu wenig Rastplätze am Rand.

Für das Woogtal empfiehlt sich, sofern man den Weiher behalten will, eine Umgehung durch den Bach, die allerdings nicht sporadisch austrocknen darf. Der verlandete See hingegen kann als ein ökologisch interessantes Gebiet auch zur Beobachtung bleiben, so wie bis hin zu einem Lehrpfad ohnehin einige Aspekte einem „Öko-Tourismus“ recht zuträglich sein können. Auf diesen Grundlagen, aber auch im Wissen um knappe Kassen, präsentierte Jana Seibel schließlich ein Konzept der kleinen Eingriffe, das freilich auf einem großen Plan basiert. Im Rahmen einer einheitlichen Gestaltung in Anlehnung an die wilhelminische Epoche eignet sich das Woogtal, in verschiedene Zonen aufgeteilt zu werden, die verschiedenen Interessen der Benutzer Rechnung tragen.

Eine festgelegte „Hundewiese“ könnte die nicht von allen geliebten Vierbeiner im übrigen Woogtal an die Leine zwingen, Liegewiesen dürften Jugend und Familien gleichermaßen ansprechen und im unteren Bereich, nähe Schwimmbad wäre neben der bereits existierenden Grillstelle auch noch ein kreativer Wasser-Spielplatz für die jüngeren Generationen denkbar.

Eine der interessantesten Ideen ist sicherlich die Anlage einer „Luftbadeterrasse“ hinter dem Krankenhaus, wo der Ausblick am schönsten ist: Patienten und Touristen könnten sie gleichermaßen nutzen und die Personalparklätze wären überdacht. Viele Projekte sind aber auch auf die Geldbeutel kleinerer Sponsoren oder Vereine zugeschnitten: Gleichsam mit einer rosaroten Brille blickte die Landschaftsarchitektin in die Zukunft und verzierte reale Bilder von Teich- und Waldrändern mit Blumen und Vogelschutzgewächsen, die abschnittsweise gespendet und gepflanzt werden können, tüpfelte Wildblumen auf Liegewiesen, die sich später von selbst verbreiten oder setzte Erlenbäume „auf den Stock“ – das heißt, sie sind zwar noch da, aber aus dem dicken Stamm sprießen nur wenige neue Äste. Einige grundlegende Arbeiten würden wohl der Stadtverwaltung zu Lasten fallen, deren „kostenneutrale“ Unterstützung Bürgermeister Leonhard Helm gerne zusagte, aber die Instandhaltung von Wegen und Wiesen oder eine aussagekräftige Beschilderung fällt ohnehin in den Haushalt der Gemeinde, die eventuell auch etwas öfter ihre Ordnungspolizei hier vorbeischauen lassen könnte.

Wichtiger als Strafen für Hundehaufen, Gartenabfälle und Partyreste ist aber die Einbindung der „Sünder“, vor allem der Jugend, die über Vereine oder Schulen gerne ihre Kräfte in Umbau- und Pflegemaßnahmen beweisen können, anstatt im Verrücken von Bänken. Bänke und ihre umgebenden Sitzecken sind schließlich das Paradebeispiel für Sponsorenbeteiligung, allerdings sollte auch eine Pflegeverpflichtung zur reinen Materialspende gehören.

Wie auch die weiteren Vorschläge und Ideen im Verlauf der Diskussion zeigten – sogar erste Bank-Sponsoren meldeten sich – stößt der Entwicklungsplan auf einige Gegenliebe. Nun wäre es also an der Zeit, möglichst schnell ein Gremium zu schaffen, das die Interessen und Möglichkeiten von Stadtverwaltung und Bürgern koordiniert und als verbindlicher Ansprechpartner fungieren kann.

Über zwei Meter lang und von reichlich ästhetischem Wert ist der detaillierte Plan des Woogtals, den Jana Seibel (rechts) erarbeitet hat und nun mit Gabriele Klempert im Namen der AG Kulturlandschaft Königstein-Kronberg der Öffentlichkeit vorstellte.

Foto: Friedel



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