Königstein (as) – Es geht so erschreckend schnell, einen stolzen Baum zum Fallen zu bringen. Kerbe gesägt, Kettensäge auf der anderen Seite angesetzt – und „ratsch“. Was ein halbes Jahrhundert oder sogar länger in die Höhe gewachsen ist, kann in wenigen Minuten in die Waagerechte gebracht werden. Einen alten Baum verpflanzt man nicht mehr, es ist in der Regel auch schier unmöglich.
Möglich, aber sehr viel aufwendiger ist es, einen jungen Baum zu verpflanzen, auch wenn dieser erst fünf bis sieben Meter misst und einen Stammdurchmesser von 15 bis 30 Zentimetern hat. Aber die Stadt Königstein macht auch so etwas und lässt es sich einiges an Geld kosten. Viele Menschen haben es aber nicht mitbekommen am Mittwoch vor Ostern, denn genauso wie die Fällungen am 26. Februar hatte das Rathaus die durchaus sehenswerte Umpflanzung zweier Bäume aus der Konrad-Adenauer-Anlage in die Hubert-Faßbender-Anlage nicht offiziell angekündigt.
Und diesmal gab es auch keine Bauzäune und Halteverbotsschilder und kein Grundgrollen in den sozialen Netzwerken, welche vorab die Maßnahme ankündigten. Für die gute Tat vor Ostern gab es keine öffentliche Welle und kein Publikum. Und so waren am Mittwochmorgen auch nur zufällige Passanten in der belebten Konrad-Adenauer-Anlage um kurz nach 8 Uhr Zeugen der Aktion, als die beiden Bäume, eine Schlitzblättrige Buche – eine Form der Rotbuche – und eine Edelkastanie, geschätzt 25 respektive 15 Jahre alt, fachmännisch aus dem Boden genommen wurden. An ihrer neuen Destination, der etwas abgelegenen Faßbender-Anlage am Rande der Limburger Straße, waren ein Team von Kabel 1, das mit Kamera und Drohne den gesamten Tag für die Reportage-Reihe „Achtung Kontrolle“ begleitete, und der Redakteur der Königsteiner Woche sogar allein mit den Baumspezialisten.
MB Baumdienste aus Eppstein hatte den Auftrag von der Stadt erhalten und sich für die Umpflanzaktion Spezialisten mit Spezialgeräten an die Seite geholt. Die Firma Opitz aus Heideck in Franken war mit einer Großbaumverpflanzungsmaschine angerückt.
„Dieses Gerät ist in ganz Europa unterwegs“, erklärte Wolfgang Kersten, der Geschäftsführer von MB Baumdienste. Am Vortag war die Maschine mit dem langen Namen noch in München im Einsatz, später am Tag war noch ein weiterer Einsatz im Hessischen geplant. 1,8 Million Bäume hat Opitz nach eigenen Angaben in den etwas mehr als 60 Jahren seit Firmengründung verpflanzt.
„Alles ist ganz eng getaktet“, erklärte Kersten. Mit der Vorbereitung des Großeinsatzes hatte die Logistik für seine Firma so richtig begonnen. Es galt, die zu erhaltenden Bäume so vorzubereiten, dass der sogenannte Rundspaten der Verpflanzungsmaschine den Baum samt dem ihn umgebenden Erdreich aus dem Boden ziehen konnte. Die Arbeit bestand vor allem darin, die Wurzeln rund um den Baum bis in eine Tiefe von rund 40 Zentimetern freizuschneiden. „Das geschieht händisch“, so Diplom-Forstwirt Kersten. Zudem wurden Kunststoffplatten ausgelegt, um der Großmaschine den Weg durch die beiden Anlagen bis zu den Baumlöchern zu bereiten und Schäden am Untergrund zu verhindern.
Dann ging es los damit, die neuen Baumlöcher mit einem Durchmesser von rund drei Metern mit dem Rundspaten auszuheben. Die neuen Standorte habe die Stadt vorgeschlagen, sie hätten seine volle Zustimmung gefunden, so Kersten. Nachdem der Aushub nach oben in die Adenauer-Anlage transportiert worden war, bestand der zweite, schwierigere Schritt darin, die Bäume samt Ballen aus dem Boden zu ziehen – was die Verpflanzungsmaschine scheinbar mühelos schaffte – und am neuen Ort exakt senkrecht in die vorbereiteten Löcher zu setzen. Auch das sollte gelingen. Selbst die Ausrichtung der Krone hin zum Licht und nicht zum Haus des Anwohners klappte bei der – im oberen Teil etwas schrägen – Edelkastanie vorzüglich.
Rund vier Stunden, nachdem die Arbeiten begonnen hatten, war der Umzug der beiden Bäume abgeschlossen. „Ich bin sehr zufrieden. Wir haben keine Trümmer im Untergrund gehabt und die Ballen schön herausstechen können. Dadurch gab es kaum Wurzelverlust“, fasste Wolfgang Kersten den Einsatz zusammen. Mit seiner Firma wird er auch für die Nachversorgung zuständig sein. Die Bäume hätten sehr gute Chancen, anzuwachsen, sich in ihrer Höhe auf 15 bis 20 Meter noch mehr als zu verdoppeln und am neuen Standort 100 Jahre und älter zu werden. Und abgesehen davon, dass es sich hier um erhaltenswerte Bäume handelte, spart die Methode trotz Spezialmaschine auch Geld. Die beiden Bäume hätten einen Wert von jeweils rund 10.000 Euro, Pflanzung nicht inbegriffen, so Kersten.
Zwei Bäume folgen noch
Insgesamt werden im Zuge der Neugestaltung der Stadtmitte vier Bäume von der Konrad-Adenauer-Anlage in die Hubert-Faßbender-Anlage umgepflanzt, wie die Stadt bereits angekündigt hatte. Im zweiten Bauabschnitt werden noch zwei Linden aus dem Umfeld der Innenstadtparkplätze umziehen, bestätigte Kersten. Das wird dann voraussichtlich im kommenden Frühjahr so weit sein. Dann werde auch wieder die Großbaumverpflanzungsmaschine anrücken – und vielleicht auch mehr Schaulustige …
Wolfgang Kersten dirigiert die Verpflanzungsmaschine mit Baum zum Zielort.
9.30 Uhr: Die schlitzblättrige Buche steht noch wie vor Jahr und Tag in der Konrad-Adenauer-Anlage.
Rund drei Meter Durchmesser hat das Baumloch, das der Rundspaten ausgestochen hat.
Die Großbaumverpflanzungsmaschine platziert die Edelkastanie genau über dem Loch.
11.30 Uhr: Die Buche streckt sich an ihrem neuen Standort in der Hubert-Faßbender-Anlage der Sonne entgegen.Fotos: Schramm
In der Hubert-Faßbender-Anlage darf der Baum jetzt alt werden.Fotos: Schramm





