Demokratiegeschichte – geschrieben im Staatsgefängnis

Die Plakette, die die Burg als Ort der Demokratiegeschichte ausweist, überreichte Franziska Kiermeier (li.), Direktorin der Landeszentrale für Politische Bildung, an Bürgermeisterin Beatrice Schenk-Motzko.

Königstein (as) – Viele Menschen haben den 9. November als das neuralgische Datum der deutschen Geschichte abgespeichert, es markiert auf gewisse Weise die höchsten Höhen (1989) und die tiefsten Abgründe (1938) des menschlichen Zusammenlebens in diesem Land. Was die Entwicklung der Demokratie auf deutschem Boden anbelangt, gibt es aber ein noch prägnanteres Datum, das in der vergangenen Woche erstmals deutlicher in den öffentlichen Blickpunkt gerückt wurde: der 18. März. Unter Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wurde dieser Tag erstmals bundesweit als „Tag der Demokratiegeschichte“ begangen. Und Königstein war – nicht zum ersten Mal bei diesem Themengebiet – mittendrin. Die Stadt und die historischen Vereine begleiteten den Anlass – auch nicht um ersten Mal – separat voneinander, mit Ausstellungen und Diskussionsrunden.

Der offizielle Empfang der Stadt im Rathaus wurde dadurch gekrönt, dass Königstein als noch junges, 2025 aufgenommenes Mitglied des „Netzwerks Verfassungsstädte“ ein zweiter Ort der Demokratiegeschichte zuerkannt worden ist. Nach der Villa Rothschild, das „Haus der Länder“ nach dem Zweiten Weltkrieg, gilt jetzt auch die Burg Königstein als „Ort der Demokratiegeschichte“. Die dazugehörige Plakette übergab Franziska Kiermeier, Direktorin der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung und Mitglied im Stiftungsrat der Stiftung Ort der deutschen Demokratiegeschichte, an Königsteins Bürgermeisterin Beatrice Schenk-Motzko. „Wir werden dafür einen geeigneten Ort auf der Festung finden, um die Bedeutung Königsteins für die Gemeinschaft der Orte sichtbar zu machen“, dankte die Bürgermeisterin. Über einen QR-Code können Interessierte dann schnell die bundesweit 248 Orte der Demokratiegeschichte aufrufen, von denen sich kein weiterer im Hochtaunuskreis befindet, aber neben der Paulskirche und dem HR-Funkhaus am Dornbusch in Frankfurt zum Beispiel auch die Martinskirche in Kelkheim-Hornau auf dem Grund der Freiherren von Gagern. Gleichzeitig wurde bei dem Anlass im Rathaus, dem auch Stadtverordnetenvorsteher Dr. Michael Hesse und einige Vertreter der politischen Parteien Königstein beiwohnten, eine Banner- beziehungsweise Bauzaun-Ausstellung eröffnet, die in den nächsten Wochen auf der Burg und im Obergeschoss des Rathauses zu sehen ist. Ihr Thema: „Die Mainzer Republik 1792/93 und ihre Bedeutung für die Demokratiegeschichte“.

Aber warum der 18. März und warum die Königsteiner Burg beziehungsweise Festungsruine? Um direkt das Thema der Ausstellung aufzugreifen: Der erste Versuch, demokratische Strukturen in Deutschland zu etablieren, geht auf das Jahr 1792/93 zurück. Damals hielten die Werte der französischen Revolution durch die französischen Besatzer im Rheinland Einzug. Am 18. März 1793 wurde in Mainz mit dem Rheinisch-Deutschen Nationalkonvent das erste Parlament auf deutschem Boden gewählt. Der Versuch wurde aber auch als „fremdbestimmt“ wahrgenommen und durch Einnahme der Stadt im Koalitionskrieg noch im Juli desselben Jahres beendet. Für die festgenommenen Verfassungsfreunde, die unter dem Begriff Mainzer Jakobinerklub in die Geschichte eingingen, wurde die preußische Festung Königstein zum „Gefängnis der ersten Demokraten“. Bekannteste Insassen waren die Schriftstellerin Caroline Böhmer, später Schelling und der Theologe und Philosoph Felix Anton Blau, der auch unter widrigen Bedingungen seiner 22-monatigen Haft auf der Festung sein Werk „Über die moralische Bildung des Menschen“ fertigstellte. „Auch Gefängnisse und Orte des Freiheitsentzugs, in denen demokratische Ideen weiterentwickelt wurden, können Orte der Demokratiegeschichte sein“, stellte Franziska Kiermeier heraus. Und überhaupt erinnere das Datum 18. März daran, dass die „Demokratie in Deutschland nicht an einem Ort an einem Datum entstanden ist“. Gerade nicht in Deutschland, in dem „Demokratie nie eine Selbstverständlichkeit war“, wie der Bundespräsident in seiner während des Empfangs im Königsteiner Rathaus eingespielten Ansprache herausstellte, weshalb es sich auch heute lohne, sich für diese Werte stark zu machen. Denn Anfeindungen, Rückschläge und Scheitern prägten auch den nächsten demokratischen Versuch, der mit dem 18. März verknüpft ist. 1848 führten die Barrikadenkämpfe in Berlin zur Märzrevolution, einem zentralen Moment des Kampfes für politische Mitbestimmung, die letztlich ein Jahr später zur freiheitlich-demokratischen Paulskirchenverfassung führte mit einer echten Gewaltenteilung und einer Nationalversammlung. Aber auch für diesen revolutionären Versuch war die Zeit noch nicht reif, die Revolution scheiterte noch im selben Jahr. Reif für die Demokratie war die Zeit aber fast eineinhalb Jahrhunderte später. Am 18. März 1990 wurde die erste und einzige freie Wahl zur Volkskammer der DDR abgehalten – im Zuge der friedlichen Revolution im Osten Deutschlands, die zur Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 führte.

Kiermeier ergänzte in ihrer Rede noch ein viertes Datum: Am 18. März 1920 wurde der „Kapp-Putsch“ gegen die Weimarer Republik niedergeschlagen. So konnte die erste Republik in Deutschland immerhin noch knapp 13 Jahren fortbestehen – bis zum dunkelsten Kapitel deutscher (Demokratie-) Geschichte.

Der 18. März eigne sich daher wohl wie kein anderer Tag, um an die wechselvolle Demokratiegeschichte Deutschlands zu erinnern, so die Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte.

Weitere Informationen: www.demokratie-geschichte.de

Die Ausstellung besuchen

Die Ausstellung ist noch bis zum 20. April auf der Burg zu sehen und wird parallel auch im Rathaus Königstein präsentiert. Dort kann sie montags bis freitags am Vormittag besucht werden. Für Schulklassen und Gruppen werden zudem individuelle Termine angeboten.

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