Königstein (as) – Der „Erste Bürger“ der Stadt zieht sich in die hinteren Bänke seiner ALK-Fraktion zurück. So hat es Dr. Michael Hesse direkt auf den Punkt gebracht, als er bekannt gab, keine zweite Legislaturperiode als Stadtverordnetenvorsteher Königsteins anzustreben und nicht – wie bereits während der Wahlperiode vor sechs Jahren – noch einmal gegen FDP-Mann Michael-Klaus Otto anzutreten. Die Chancenlosigkeit bei der bestehenden politischen Konstellation auf der einen Seite, mehr aber noch die fordernde familiäre Situation mit drei Kindern und vier Enkelkindern in Hamburg und London auf der anderen Seite bewogen den 65-Jährigen dazu, das wichtige politische Amt nicht noch einmal anzustreben.
Bei der Hinterbank schwang natürlich ein wenig Ironie mit, denn dafür ist Hesse viel zu kommunikativ und meinungsstark, um sich irgendwo zu verstecken. Ja, es würden sicher ein paar Debattenbeiträge von ihm kommen – jetzt, wo er als normales Mitglied der Stadtverordnetenversammlung wieder die Chance dazu habe. Beim Thema Stadtbibliothek, die seine Frau Simone viele Jahre leitete, der Leseförderung und der Kultur werde er sich ganz sicher einbringen, auch über den Kultur-, Jugend- und Sozialausschuss (KJS) „einiges anschieben“ wollen, aber auch bei anderen Themen, die ihn beschäftigen, mitreden. „Ich war immer ein Individualist. Es ist immer der Einzelne, der etwas bewirken kann“, ist seine Meinung. Also der mündige Bürger, der nicht abwartet, dass die anderen die Dinge für ihn regeln.
So kam er als Wissenschaftler und Kommunikationsprofi spät im Alter von 53 Jahren auch in die Politik. Er sein „kein Politiker mit Herzblut“, sagt er offen, müsse auch heute nicht auf jedem Foto dabei sein, spricht er mit einem Augenzwinkern eine Vorliebe des größeren Teils der Kollegen im Politbetrieb an. „Nicht immer nur meckern, sondern etwas beitragen“, war sein Antrieb, mitzumachen, nachdem ALK-Mitgründer Robert Rohr ihn angesprochen hatte, ob er sich nicht einbringen wolle. „Ich hatte die ALK bis dahin eher kritisch gesehen aus den Anfängen heraus, die Dammbesetzerszene war nicht meine Welt“, sagt Michael Hesse. Er, der zur Zeitschrift „Der Ruf“, herausgegeben 1946/47 von Alfred Anderesch, promoviert hatte – ein Autor, der in US Re-Education Camps für ein besseres Deutschland ausgebildet wurde und ein Mann des Ausgleichs, dessen Politikverständnis von Alt-68ern als „zu weich“ kritisiert wurde, erklärt Michael Hesse.
Hesse entschied sich dennoch für die Wählergemeinschaft, weil es „Politik jenseits der Etablierten brauchte“. Die meist streng gelebte Fraktionsdisziplin war das, was ihn damals mit am meisten in der Königsteiner Stadtverordnetenversammlung störte. Das habe sich aber ein bisschen gebessert, so Hesse. „Vor zehn Jahren war es kaum denkbar, dass Herr Otto bei einem wichtigen Thema wie der Neugestaltung der Stadtmitte anders als seine Fraktion abgestimmt hätte.“
Schnell fasste Michael Hesse Fuß in der Politik, trat nach dem überraschenden Tod von Alexander von Bethmann im Juli 2020 bei der Suche nach einem Nachfolger bereits gegen dessen Parteikollegen Otto an. „Ich hatte mir Chancen ausgerechnet, wir waren ja damals schon die stärkste Fraktion, und ich habe immer ein gutes Verhältnis zu den anderen Fraktionen gepflegt“, erklärt er seine etwas überraschende Entscheidung. Das damalige Viererbündnis verhinderte es noch. Aber ein halbes Jahr später, nach der Kommunalwahl 2021, war durch die Kooperation von ALK und CDU der Weg frei für den Kommunikator und nun auch – wenn man so will – Parlamentspräsidenten.
Die Kommunikationsschiene und die Ansprache Dritter ist der rote Faden im beruflichen Leben von Michael Hesse. Während des Studiums der Germanistik, Psychologie und Komparatistik hat er als freier Mitarbeiter bei der Taunus Zeitung gearbeitet, das war Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre. Doch weil die damalige Chefredaktion mehr auf Skandälchen und die schnelle Schlagzeile denn auf wirklich investigativen Journalismus gesetzt habe, wandte er dem Journalismus den Rücken zu.
Kommunikation als „roter Faden“
Während der Promotion habe er sich hingesetzt und Zeitungen durchgeblättert, Ausschau gehalten, was irgendwie zu Germanistik passen und eine junge Familie ernähren könnte. Er ging ins Marketing, baute bei der PPD in Bad Homburg die Abteilung „komplexe Gewinnspiele“ auf. Da konnte er gleich auch seine Affinität zur Mathematik und Geometrie einbringen, sein Vater war Statiker. Er baute mit dem Bingo-Gewinnspiel in der Bild-Zeitung eine große Nummer auf, die Ziehungen der Zahlen mit TV-Größen wie Dagmar Berghoff und Günter Strack fanden unter notarieller Aufsicht statt. Jeder Spielschein hatte eine Gewinnchance, die Kunst der Kommunikation bestand dabei darin, die Spannung und die Hoffnung bis zum Ende der vielen Spielrunden hochzuhalten, denn erst mit den letzten Zahlen wurden die Gewinner bekannt. Leserbindung ist ein anderer Begriff dafür. Nach elf Jahren wechselte Hesse in eine Kommunikationsagentur, ehe er seine eigene GmbH namens „Marketention“ für komplexe Gewinnspiele gründete. Mittlerweile konzentriert er sich – seit Corona über Zoom-Meetings – auf virtuelles Deutsch-Training für Fremdsprachler. Und er beschäftigt sich durchgehend mit Literatur und schreibt zuweilen Drehbücher.
Stadtverordnetenversammlungen laufen nur selten nach Drehbuch ab. „Wie komme ich neutral durch und schaffe es immer wieder zu vermitteln?“, sei seine Devise als Stadtverordnetenvorsteher gewesen. „Wie laviere ich zwischen dem Recht auf eigene Meinung und der Arbeitsfähigkeit sowohl des Parlaments als Legislative als auch der Verwaltung als Exekutive?“ Über die Zusammenarbeit mit der Verwaltung habe er sich nie beklagen können, weder unter Leonhard Helm noch unter Beatrice Schenk-Motzko, sagt Hesse. Und ohne Beate Usinger und Stefanie Laubach ginge nichts, für deren Arbeit für die politischen Gremien würde er ihnen „den Himmel danken“.
Den „größten Schmerz“ habe ihm in seiner Amtszeit bereitet, wenn jemand seinen Versuch, neutral zu agieren, in Frage gestellt hat. Zweimal sei das für ihn hörbar passiert, er habe auch entsprechend „unwirsch“ darauf reagiert. Gefreut habe er sich dagegen, wenn es ihm bei zwei konkurrierenden Anträgen gelungen sei, so zu vermitteln, dass am Ende eine zustimmungsfähige Version dabei herauskam. „Oft sind das nur Nuancen“, sagt Hesse, um scheinbar unversöhnliche Positionen zueinander finden zu lassen.
Mehr „Balancehalten“ gewünscht
Was er sich wünscht für die Parlamentsarbeit? „Wenn beim Balancehalten zwischen Austeilen und Einstecken alle an sich halten würden.“ Hesse betont die „Vorbildfunktion“ auch von ehrenamtlichen Politikern gegenüber den Bürgern, wie sich Amtskollegen teilweise im Bundestag gebärden, sieht er als abschreckende Beispiele „Letztlich gilt es, demokratisch gefasste Entscheidungen zu akzeptieren.“ Was aber nicht heiße, dass man zu allen Maßnahmen, die daraus folgen, „Ja und Amen“ sagen müsse.
Letztlich kommt man im Gespräch mit Michael Hesse immer wieder auf die Diskussionskultur, die er mehr und mehr am Schwinden sieht, und die Fähigkeit, noch einen echten politischen Diskurs führen zu können. Im größeren Zusammenhang geht es auch um die Medienkompetenz der Menschen etwa in den Sozialen Medien und den Umgang miteinander auf der Straße. „Wir müssen unseren Kindern von Anfang an zeigen, wie es richtig geht“, lautet Hesses Forderung.
Da schulische Lehrpläne bei der Wertevermittlung aus seiner Sicht hinterherhinken, setzt Hesse auf Zusatzangebote, wie sie eine Stadtbibliothek leisten kann: Kooperationen mit Kindergärten, Grundschulen, Lesungen, Zusammenarbeit mit Vereinen, auch Angebote für Erwachsene, um die philosophischen „Soft Skills“ der Menschen wieder mehr zu schulen. Hesse hätte da ganz viele Ideen, beseelt vom „humanistischen Bildungsideal eines BNS-Schülers“, wie er sagt. Im besten Sinne wäre das für ihn „Edutainment“ – Bildung, die Spaß macht und für die es sich heute mehr denn je zu kämpfen lohnt. Ob als Stadtverordnetenvorsteher oder aus den „hinteren Bänken“ des Parlaments …
