Die „Kesten“ erfreuen Mammolshain, die Äpfel stimmen nachdenklich

Bei Familie Schießer dreht sich im Herbst alles um die Edelkastanie: Am Stand machten (v. l.) Samuel, Opa Johannes Schießer mit Ehefrau Gabi, deren Sohn Florian und dessen Frau Ann-Kristin Rehberger gemeinsame Sache. Auch Setzlinge (im Hintergrund) waren zu erstehen.Fotos: Schramm

Mammolshain (as) – Zumindest einmal in diesem Jahr ist der Obst- und Gartenbauverein Mammolshain mit dem Wetter so richtig im Bunde gewesen. Am Samstagmittag schien pünktlich zur Eröffnung des traditionellen Apfel- und Kastanienmarktes nach dem Herbsteinbruch an den Tagen zuvor die Sonne über der Kelterhalle und den stolz gepflegten Streuobstwiesen und Kastanienhainen der Mammolshainer Gemarkung. Jene Sonne, die verbunden mit der fast schon historischen Trockenheit in diesem Sommer für eine sehr bescheidene, in Teilen sogar komplett ausgefallene Apfelernte gesorgt hatte, während es bei den Edelkastanien, den „Kesten“, dem noch größeren Exportschlager des Dorfs, zum Glück noch um einiges besser aussah.

Das freundliche Wetter sorgte jedenfalls dafür, dass die Menschen am Samstag wieder in Scharen den Weg zur Kelterhalle fanden, natürlich um die Klassiker frisch gepresster Süßer, heiße Maroni und Mammolshainer Kastaniensuppe zu kosten, aber auch um sich das neue Marktkonzept anzuschauen. Denn erstmals stand die Wiesenhofscheune dem OGV nicht zur Verfügung. Die Marktstände verteilten sich als „Straßen-Herbstmarkt“ stattdessen entlang der unteren Schwalbacher Straße, die vom Ordnungsamt Königstein zu diesem Zweck dicht gemacht worden war (was, ganz am Rande, einige Autofahrer, die die halb-legale Zufahrt in den Ort über den Zeilweg suchten, ärgerte).

Im Zentrum des Interesses stand natürlich wieder der Maroni-Stand der Familie Schießer. Für die Maroni – und die schöne Atmosphäre – kommen die Leute nicht nur aus allen Königsteiner Ortsteilen, Kronberg und Neuenhain zum Markt, sondern von weit darüber hinaus, sogar aus Frankfurt und der Wetterau. „Zum Herbst gehört einfach der Maroni-Duft“, sagte Johannes Schießer, der 2. Vorsitzende des OGV und Edelkastanien-Kenner Mammolshains schlechthin. Mit Stolz zeigte er die aktuelle Ernte der Hauptsorte Dorée de Lyon und berichtete von dem Timing, das dabei nötig ist. Alles sei auf den Termin des Apfel- und Kastanienmarktes ausgerichtet und so rückte er mit seinem Helferteam – „dynamische“ Rentner und erstmals auch sein elfjähriger Enkel Samuel, in den Herbstferien – in der vergangenen Woche morgens um halb neun aus, um die wertvollen Früchte zu sichern. „Der frühe Vogel“ sammle die Kesten ein, meinte Schießer mit einem Augenzwinkern, denn ab 10, 11 Uhr seien ja dann schon Heerscharen unterwegs auf der Jagd nach der beliebten Baumfrucht.

Auf drei vereinseigenen Wiesen mit Kastanien weise der OGV mit Schildern darauf hin, dass man die Früchte gerne selber ernten wolle, aber der Großteil der Bestände von rund 500 Bäumen, die sich auf zehn Hektar verteilen, stehen eben auf privatem Grund. Schießer erzählte auch davon, dass er sehr viel experimentiere mit Veredelungen, Jungbäumen und der Suche nach feuchten Standorten wie etwa in der Grumbach, um der immer extremeren Witterung ein Schnäppchen zu schlagen. Offenbar mit Erfolg! Selbst die ARD hatte sich mit dem Morgenmagazin angesagt und wollte von der Kestenernte in Mammolshain berichten, doch die Vorgabe, 43. Kalenderwoche, war zu spät. Die Witterung hält sich eben nicht an Terminpläne in Redaktionen. „Bei uns ist alles auf dieses Fest ausgerichtet, dafür leben wir“, sagte Schießer. Da kann man nicht einfach eine Ernte für das Fernsehen um zwei Wochen verschieben.

Nachgefragt wurden die Kastanien auf dem Markt nicht nur zum Naschen, sondern auch roh als vielfältig einsetzbare Frucht im Winter für Kuchen, Suppen, Gemüse und einiges mehr. Eine leckere Kostprobe gab es am Samstag in Form von Schweinekrustenbraten (den der OGV beigesteuert hatte), mit Wirsing-Kastanien-Gemüse und Kartoffelgratin – zubereitet von Dirk Fuchs von den „Füchsen“.

So gut es dank des großen Engagements einiger also weiterhin um die Zukunft des Edelkastaniendorfs bestellt ist, so schwierig scheint zunehmend die Apfelernte zu werden. Auch wenn Schießer selbst gut 40 Zentner für den Apfelwein des Jahres zuschießen konnte, so wurden an der Handpresse vor allem Äpfel aus dem Alten Land gepresst und als Süßer verkauft, „veredelt“ mit ein paar wenigen Äpfeln aus Mammolshain, so die Formulierung mit Augenzwinkern. Der guten Laune am Stand, wo viele junge Helfer mit Hand anlegten, und dem Interesse am Most tat das aber keinen Abbruch.

Als etwas besser beschrieb Dieter Krieger, Chef des Kronberger Obsthofs Krieger, der seit drei Jahren mit seinem Verkaufsstand zum Apfel- und Kastanienmarkt kommt, die Lage im Nachbarort. Bei den Kelteräpfeln habe es schon große Ausfälle gegeben, doch dank der „intensiven Behandlung“ konnte er eine schöne Auswahl an Tafeläpfeln anbieten, darunter so spannende Sorten wie die für Allergiker geeignete Sorte Wellant oder die rotfleischige (und rosa blühende) Sorte Baja Marisa, bei der man als Obstbauer nicht nur für die Pflanze, sondern sogar für den Ertrag Lizenzgebühren zahlen muss. Mit „intensiver Behandlung“ meinte Dieter Krieger neben dem Spritzen der Bäume vor allem das Bewässern. Das habe aber nur der Erhaltung der Bäume gedient. In der Trockenphase hätten die Äpfel im Umfang pro Woche nicht einmal um einen Millimeter zugenommen. Jetzt hofft Krieger neben einer günstigeren Witterung im kommenden Jahr auch auf die Alternanz der Bäume, die nach einem Mastjahr wie 2025 im Jahr darauf häufig weniger Früchte tragen.

Und auch wenn sich vieles um die Kastanie und den Apfel drehte an diesem Samstag, so fanden auch andere Themen und Erzeugnisse Platz auf dem Markt. Weinfreunde fanden sich am Stand des kleinen privaten Weinguts von Petra und Jürgen Emmerich aus Wolf bei Traben-Trabach an der Mosel ein. Dort gab es neben frischem Federweißen auch fertig vergorene Weine und Destillate aus der Flasche. Das Ehepaar kommt bereits seit 2010 jedes Jahr nach Mammolshain, nachdem die Tochter 2009 Weinkönigin gewesen war und der langjährige Amtsleiter im Königsteiner Rathaus Hermann-Josef Lenerz bei einem Besuch an der Mosel den Kontakt eingefädelt hatte. Petra ist übrigens geborene Königsteinerin, hat sogar lange in Mammolshain und in Schwalbach gelebt, der größte Teil der Familie ist im Vordertaunus oder Frankfurt geblieben. Im nächsten Jahr wird das Paar noch einmal Rebensaft ausschenken, danach könnte das Weingut komplett schließen. „Wir haben keinen Nachfolger und haben schon einige Flächen verkauft“, sagte Jürgen. Auch dieses Geschäft wird nicht mehr leichter …

Ganz viele Bäume wollen dagegen noch die Kolpingfamilie Mammolshain und die mit ihr verbundenen Heilig-Geist-Schwestern pflanzen – rund 70.000. Und zwar in Rauya in Tansania, inoffiziell Königsteins älteste Partnerstadt (seit 1964). Dort läuft seit dem Jahr 2010 auf der Kilari Farm und seit fünf Jahren auch auf der größeren Fläche am St. Hildegard Health Center auf einer Fläche von 40 Hektar das ehrgeizige Projekt „100.000 Bäume am Kilimandscharo“. 30.000 sind inzwischen geschafft, informierten Mitglieder der Kolpingfamilie am Samstag. Die von den Schwestern, die dort hauptsächlich eine Krankenstation betreiben, verantwortete Baumschule, schafft nicht nur einige Arbeitsplätze und verbessert die Versorgung mit Lebensmitteln. Sie fördert auch die Biodiversität. Durch den Anbau von Papaya, Orangen, Mango und weiteren Obstbäumen wird Wasser im Boden gespeichert und zudem Schatten und eine Basis für niedriger wachsende Bäume wie Kaffee- und Bananenbäume oder auch Mais und Bohnen geschaffen. „Die Menschen sind sesshaft geworden, normalerweise sind die Massai nicht sesshaft“, berichtete Wolfgang Buckel von den positiven Veränderungen seit seinem ersten Besuch, als es dort – wo heute Bäume wachsen – nur ein brachliegendes Land gab..

Für 20 Euro kann man Baumpate in Tansania werden, und wer glaubte, dass ein solcher Infostand zwischen Apfelwein, Süßem und Kastanien-Leckereien wenig beachtet würde, der konnte sich vom deutlich hörbaren Rascheln in der Spendenbox vom Gegenteil überzeugen.

In Mammolshain passt eben vieles zusammen und geht Hand in Hand: ganz besonders, wenn es um Landwirtschaft, Bäume geht und die guten Dinge, die sie hervorbringen, geht.

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