Zum 100. Geburtstag von Walther Leisler Kiep – schillerndes Leben mit vielen Höhen und Tiefen

Die Grabplatte von Walther Leisler Kieb auf dem alten Kronberger FriedhofFoto: Ried

Kronberg (war) – „Von Geld verstand er ein bisschen zu viel“. So lautete die Überschrift im Nachrichtenmagazin Der Spiegel zum Tod von Walther Leisler Kiep am 9. Mai 2016 in Kronberg. Kiep trat stets weltgewandt mit guten Umgangsformen und gepflegt gekleidet als „Gentleman“ auf. 1977 erhielt er deswegen den Titel „Krawattenmann des Jahres“. Zeitweilig zählte er zu den populärsten Politikern im Land. Er war bestens vernetzt und achtete darauf, sich stets eine eigene Meinung zu bilden und sich nicht allzu sehr dem „Mainstream“ anzupassen. Allzu treuer Parteisoldat zu sein war nicht sein Ding.

Vor 100 Jahren erblickte er am 5. Januar 1926 in Hamburg das Licht der Welt, um von da an in seinen folgenden 90 Lebensjahren ein sehr bewegtes Leben mit reichlich Höhen und Tiefen zu führen. Die Jahre 1935 bis 1939 verbrachte er in Istanbul, da sein Vater, der ehemalige Korvettenkapitän Louis Leisler Kiep dort im Auftrag von Kemal Atatürk, dem Begründer der Republik Türkei, die Handelsmarine dieses Landes neu organisierte. Kieps Vater wurde im Mai 1960 zum Ehrenbürger von Kronberg wegen seines sozialen Engagements, vor allem für das Deutsche Rote Kreuz, ernannt.

Nach dem Abitur 1943 in Frankfurt trat Kiep laut Wikipedia ein Jahr später an Hitlers Geburtstag am 20. April 1944 in die NSDAP ein, während sein Onkel, Otto Karl Kiep, der im Widerstand gegen Hitler im Kreisauer Kreis aktiv war, vier Monate später von den Nazis in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde. Nach dem Studium der Geschichte und Ökonomie (ohne Abschluss) und einer kaufmännischen Lehre bei der Metallgesellschaft in Frankfurt war er zunächst für die Ford-Autowerke sowie danach erfolgreich im Versicherungswesen aktiv, so dass er sich ein großes Vermögen erwerben konnte. So soll er in einem Playboy-Interview im September 1981 gesagt haben, dass er alleine von seinen Einnahmen aus den Zinserträgen gut leben könne. Auch gehörte er über 20 Jahre dem Aufsichtsrat der Volkswagen AG an.

Deutschlandweit bekannt wurde Kiep durch seine politische Karriere in der CDU, der er 1961 beigetreten war. Zwei Jahre später erhielt er einen Sitz für die CDU im Obertaunuskreis, dem jetzigen Hochtaunuskreis, und 1965 wurde er Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Obertaunus in Bonn, um hier von 1971 bis 1992 als Bundesschatzmeister seiner Partei zu agieren. Niedersachsen erlebte ihn von 1976 bis 1980 als Wirtschafts- und Finanzminister. 1982 verfehlte er als CDU-Spitzenkandidat in seiner Geburtsstadt nur knapp den Sieg bei den dortigen Bürgerschaftswahlen. 1972 zählte er zu den wenigen CDU-Mitgliedern des liberalen CDU-Flügels im Bundestag, die für den damals heftig umstrittenen, von SPD-Bundeskanzler Willy Brandt ausgehandelten Grundlagenvertrag zwischen West- und Ostdeutschland votierten.

Mehrere Spendenskandale

Bis heute wird Kiep, der 1980 mit dem großen Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet worden war, mit einer Reihe von Parteispendenskandalen in seiner Funktion als Bundesschatzmeister der CDU in Verbindung gebracht, sobald sein Name fällt. Laut Manager Magazin vom 3. Januar 2006 tat sich Kiep mit dem Volkswirt Uwe Lüthje und dem Wirtschaftsprüfer Horst Weyrauch zusammen, um die „notorisch klamme CDU“ per „Geldbeschaffungsmaschine auf Touren zu bringen“. Vor allem Spenden aus der Industrie wurden nicht „sauber“ deklariert, sondern „mit Hilfe der illegal operierenden ‚Staatsbürgerlichen Vereinigung‘ der Partei zugeschoben, allein im Wahlkampfjahr 1972 sollen es 30 Millionen Mark gewesen sein“. Als das Konstrukt aufflog, wurden Kiep und Lüthje 1990 zunächst „wegen fortgesetzter Beihilfe zur Steuerhinterziehung“ angeklagt und verurteilt, der Bundesgerichtshof hob das Urteil laut Manager Magazin aber wegen Verfahrensfehlern 1992 wieder auf. Kiep kam so dieses Mal noch „ungeschoren“ davon.

Doch 1999 gelangte er erneut in das Fadenkreuz der Justiz. Jetzt wurde er verdächtigt, eine Million Mark vom Rüstungslobbyisten Horst Schreiber angenommen zu haben, damit deutsche Panzer, obwohl gesetzlich verboten, nach Saudi-Arabien geliefert werden konnten. Daraus entwickelte sich gemäß Manager Magazin eine der größten Parteispendenskandale der Bundesrepublik. „Zwar kann Kiep nachweisen, dass er die Million nicht in die eigene Tasche gesteckt, sondern der CDU hat zukommen lassen, allerdings ist das Geld nie im offiziellen Rechenwerk aufgetaucht.“ Damit stand fest, dass die Partei „mit verdeckten Parteispenden in erheblicher Höhe hantiert hat“. In der Folge musste Wolfgang Schäuble als CDU-Parteivorsitzender zurücktreten und Helmut Kohl erfuhr als Chef der CDU einen erheblichen Imageverlust, der ihm von nun an bis zu seinem Tod anhaftete. Zudem wackelte auch der Stuhl des damaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch ziemlich stark. 2001 wurde Kiep schließlich wegen eines privaten Steuerdelikts zu einer Geldstrafe von 45.000 Mark verurteilt, wie das Manager Magazin zu berichten wusste.

Eine Million Euro

Weit erfreulicher war für Kiep sein Engagement bei der European Business School, kurz EBS genannt, in Oestrich-Winkel im Rheingau. 1971 gegründet, gilt sie als älteste private, staatlich anerkannte Wirtschaftsuniversität in Deutschland, der Kiep von 1994 bis 2000 als Präsident vorstand. Für den Bau des dortigen als Hörsaalgebäude und Bibliothek genutzten Walther-Leisler-Kiep-Centers – entworfen vom ebenfalls in Kronberg wohnenden renommierten Architekten Christoph Mäckler – stiftete der Namensgeber rund eine Million Euro.

Enge Kontakte in die USA

Enge Kontakte hielt Kiep zeitlebens sowohl beruflich als auch privat in die USA, schließlich war seine Familie mit diesem Kontinent seit Jahrhunderten eng verbunden. Der zusätzliche männliche Vorname „Leisler“ erinnert daran, denn er leitet sich von Jakob Leisler ab, der eine wichtige Rolle in der Geschichte der USA spielt. Dieser, 1640 im damals zu Hanau gehörenden Bockenheim geboren, wanderte 1660 als Söldner im Dienst der Niederländisch-Westindischen Kompagnie nach Nordamerika aus. Dort zu Geld und Macht gelangt, wurde der angesehene Einwanderer zum Gouverneur der Provinz New York, durch freie Wahlen ernannt. 1691 wurde er nach einem Aufstand New Yorker Kolonisten von den Briten wegen angeblichen Hochverrats hingerichtet, posthum aber wieder rehabilitiert. Jacob Leisler zählt daher zu den sogenannten Patriotenmännern der USA, da in ihm einer der Urväter der amerikanischen Revolution gesehen wird, die in der Unabhängigkeit der USA von Großbritannien vor genau 250 Jahren im Jahr 1776 resultierte. Seitdem führen viele männliche Angehörige der Kiepschen Familie offiziell den zusätzlichen Vornamen Leisler, der einst ein Nachname war.

Kieps bereits eingangs erwähnter Vater Louis, in Glasgow geboren, war von 1924 bis 1934 Vorstandsmitglied der Hamburg-Amerika-Linie „HAPAG“ und der ebenfalls schon genannte Otto-Karl Kiep begleitete von 1931 bis 1933 das Amt des deutschen Generalkonsuls in New York.

Walter Leisler Kiep selbst stand von 1984 bis 2000 dem Verein „Atlantik-Brücke“ vor, der sich seit seiner Gründung im Jahr 1952 eigenen Angaben zufolge dafür einsetzt, „die Bundesrepublik in westlichen Institutionen und in der Partnerschaft mit Nordamerika“ zu verankern und sich so „für eine starke Demokratie, globale Stabilität und wirtschaftliches Wachstum“ stark macht. 2010 kam es in dem Verein zu einem heftigen Führungsstreit zwischen dem damaligen Ehrenvorsitzenden Kiep und dem jetzigen Bundeskanzler Friedrich Merz, der den Verein zu dieser Zeit leitete. Kiep warf Merz vor, dass er sich zu sehr in die aktuelle Tagespolitik einmische, obwohl der Verein laut Statuten überparteilich agieren sollte.

Bereits 1976 hat Kiep nach dem Tod seines Sohnes, Michael, der gerade eine journalistische Ausbildung absolvierte, die Michael-Jürgen-Leisler-Kiep-Stiftung ins Leben gerufen. Stiftungszweck ist die Gewährleistung eines Stipendiums für junge Journalisten, damit diese in den USA die dortige Medienlandschaft intensiv kennenlernen.

Ballenstedt

Kiep war zudem der eigentliche Initiator der Städtepartnerschaft zwischen Ballenstedt in Sachsen-Anhalt und Kronberg im Jahr 1988, wobei er seinen persönlichen Kontakt zum damaligen DDR-Staatsratsvorsitzenden der DDR, Erich Honnecker, nutzte. Kiep kannte Ballenstedt gut, da Otto Karl Kieps Eltern dort ihren Altersruhesitz genommen hatten, nachdem sie zuvor lange in Glasgow gelebt hatten. Kiep gründete im Jahr 2000 mit seiner Frau Charlotte die Otto Kiep Stiftung, um Bedürftige in Ballenstedt zu unterstützen.

Knapp einem Attentat entkommen

Nicht nur in Kronberg, sondern in der gesamten Bundesrepublik, löste der nur knapp misslungene Attentatsversuch, welcher im November 1974 auf Kiep in der Burgstadt ausgeübt worden war, großes Aufsehen und tiefe Betroffenheit aus. Auf den Politiker wurden drei Schüsse abgegeben, als er sich gerade in seiner direkt an seinem Anwesen gelegenen Sauna aufhielt. Er blieb zum Glück unverletzt. Wer den Anschlag letztlich verübt hatte, wurde nie aufgeklärt. Eine Verbindung zur damals sehr aktiven Rote Armee Fraktion (RAF) steht bis heute im Raum.

Am 9. Mai 2026 verstarb Kiep im 91. Lebensjahr in Kronberg. Begraben ist er auf dem alten Kronberger Friedhof an der Frankfurter Straße.



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