Kronberg (pf) – „Das war das schönste Konzert, das ich in meinem Leben erlebt habe!“ Das sagte, noch sichtlich berührt, eine Besucherin am Freitagabend nach Ende des Konzerts im Festsaal des Altkönig-Stiftes mit dem „Duo 47 mal 4“. Die 47 Saiten der Konzertharfe brachte auf der Bühne Harfenistin Sonja Fiedler zum Klingen, die vier Saiten seines Cellos ihr Bruder Jan Ickert, seit 2017 Professor an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt.
Dass es nicht mehr Werke für Harfe und Cello gibt, sei verwunderlich, meinte der Cellist. Denn in früheren Jahrhunderten, etwa zu Zeiten von Friedrich dem Großen, der selbst ein begabter Flötenspieler war, sei es üblich gewesen, dass bei Kammerkonzerten ein Harfenist die jeweiligen Solisten begleitete.
Werke aus vier Jahrhunderten hatten die Geschwister mitgebracht und nahmen ihr Publikum nicht nur mit auf eine Reise durch die Zeiten, sondern auch durch verschiedene Länder, sogar mit über den „großen Teich“ nach Argentinien. Sie begannen mit einem Siciliano von Johann Sebastian Bach, gefolgt von „Après un rêve“ des Franzosen Gabriel Fauré, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lebte. Bevor seine Musik erklang, las Sonja Fiedler, die gemeinsam mit ihrem Bruder auch als Moderatorin durch das Konzert führte, das romantische Gedicht vor, das den Komponisten seinerzeit zu dem Werk inspirierte.
Im 19. Jahrhundert entstanden auch „Liebesfreud“ und „Liebesleid“ des aus Wien gebürtigen Geigers und Komponisten Fritz Kreisler, das danach auf dem Programm stand. „Liebesfreud“ könne sie leider auf der Harfe nicht spielen, bedauerte die Musikerin. Dazu müsste sie ihre Füße, mit denen sie die sieben zu den 47 Harfensaiten gehörenden Pedale bedient, regelrecht verknoten. Keine Schwierigkeiten dieser Art machte ihr dagegen die Arabesque No. 1 von Claude Debussy, ein heiter verspieltes ursprünglich für Klavier komponiertes Stück, das zu den bekanntesten Werken Debussys gehört und das sie alleine vortrug.
Ins 20. Jahrhundert entführten die Geschwister ihr Publikum zunächst mit „El cant del ocells“, dem Gesang der Vögel von Pablo Casals. Ursprünglich ein katalonisches Weihnachtslied, hatte es der berühmte Cellist, ein unermüdlicher Kämpfer für Humanität, Freiheit und Frieden, bei seinen Konzerten stets als Zugabe gespielt, auch 1961 bei seinem Konzert für John F. Kennedy und seiner Frau Jackie im Weißen Haus. Dadurch wurde es zu einem Friedenslied, erläuterte Jan Ickert und meinte, das könnten wir gerade in diesen Tagen besonders brauchen. Anschließend ging es mit Astor Piazzollas Komposition „Oblivion“, Vergessenheit, nach Argentinien.
Solopart des Cellisten war die Caprice No.1 des Bach-Zeitgenossen Evaristo Felice Dall’Abaco. Seine Kollegin an der Frankfurter Musikhochschule Kristin von der Goltz entdeckte die elf Capricen des Komponisten, der selbst Cellist war, bei einem Besuch in Mailand, erzählte er. Nach mehr als dreihundert Jahren habe sie diese Werke erstmals wieder gespielt und so aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt. Diese Musik zu hören war für die Konzertbesucherinnen und -besucher daher ein ganz besonderes Erlebnis.
Mit Claude Debussys „Rêverie“, Träumerei, und Camille Saint-Saëns „Der Schwan“ aus seinem Zyklus „Der Karneval der Tiere“ ging das Konzert zu Ende. Mit diesem Stück, bekannte Jan Ickert, habe seine Liebe zum Cello und zum Cellospiel begonnen. Und der perlende Klang der Harfe ließ den See, auf dem der stolze Schwan majestätisch seine Bahnen zieht, wie im Sonnenlicht glitzern und glänzen.
Ohne Zugabe aber ließ das Publikum die Geschwister nicht gehen. Es klatschte so lange, bis die beiden eine weitere Komposition des Argentiniers Astor Piazzolla spielten: Libertango, sein wohl bekanntestes Werk. Der Titel ist eine Kombination des Wortes Libertad und Tango und steht für Piazzollas Abkehr vom klassischen Tango und Hinwendung zu seiner Variante, dem Tango Nuevo.
