Gern gesehene Gäste – Aber eben nur Gäste?Ukrainerin findet über die Malerei ihren Weg

Alevtyna Melnychucks Herzblut hängt an der ukrainischen Volkskunst.
Fotos: Muth-Ziebe

Kronberg (hmz) – Es mag seltsam klingen, aber in Krisen- und erst recht in Kriegszeiten können altes Volksbrauchtum und Traditionen eine Stütze sein. Es war nicht die erste Begegnung mit der 19-jährigen Ukrainerin Alevtyna Melnychuk. Sie fiel auf, als sie Hans-Joachim Hackel zum Abschied ein Ölbild mit der Johanniskirche als Motiv überreichte. Es war ihr Werk und sie hatte es im Auftrag der evangelischen Kirchengemeinde St. Johann für diesen besonderen Anlass gemalt. In der Kronberger Altstadt fand sie ihre Sujets, und so blieb die Frage, wer diese junge Frau denn sei und ob die Künstlerin jemand kenne, nicht lange aus. Christina Schorling, Kirchenvorstandsmitglied von St. Johann, stellte den Kontakt her, und so fügte sich eins ins andere.

Alevtyna Melnychuck war bereit, einige ihrer Bilder zu zeigen, und es zeichnet sich ab, dass die Kunst und die Malerei ihr künftiger Weg werden, den sie bereits in Kiew eingeschlagen hat und den sie jetzt an der Städelschule fortsetzt. Zurzeit noch als Gaststudentin, dann im regulären Studienbetrieb. Auffallend sind allerdings Bilderrahmen, in denen Eier an Schnüren hängen, perfekt, filigran und mit zartester Ornamentik. Sie erzählt, wofür ihr Herz wirklich schlägt: Die „Psyanky“, eine der ältesten Traditionen der ukrainischen Volkskunst. Es sind ausgeblasene Eier, die kunstvoll in Handarbeit mit einer speziellen Wachstechnik verziert werden. Dort, wo auf den Eiern die Wachsmuster aufgebracht werden, nehmen sie später keine Farbe mehr an. Das Wachs wird dann heruntergekratzt.

Das Wort Pysanky leite sich ab von dem Verb „pysaty“, was auf Deutsch „schreiben“ bedeutet. Ein Ei wird also nicht bemalt, sondern beschrieben, und zwar mit einer speziellen Symbolik, die den Zusammenhang zwischen Natur und christlichem Glauben herstellt. Die verschiedenen Symbole werden immer an die nächste Generation weitergegeben. Dazu gehören pflanzliche, tierische oder kosmografische Symbole aus der vorchristlichen Zeit.

Die junge Frau beherrscht diese Technik, und einige dieser einzigartigen Exponate hatte sie im Gepäck, als sie mit ihrer Mutter Zhanna und ihren Geschwistern Volodymyz, Emilia und Ivan nach Deutschland gekommen ist. Ihr Vater hätte mitkommen können, lehnte ab und wurde Soldat bei der ukrainischen Armee. Zum Jahreswechsel hat ihn seine Familie im Einsatzgebiet besuchen dürfen. Eine frühere Klassenkameradin und Freundin ihrer Mutter, die eingereist war, um ihre eigene Mutter zu holen, habe die Familie aufgefordert, sich ihnen anzuschließen und das Land zu verlassen. Erst als sicher war, dass ihre Mutter in der Hilfsorganisation „United for Ukrainie“ mitarbeiten und sich damit eine Existenz aufbauen konnte, schlossen sie sich ihrer Freundin, die zugleich auch die Präsidentin dieser Organisation ist, an.

Seitdem lebt die Familie in Kronberg und hat das Wohnangebot von Prof. Wolfgang Jaeschke angenommen und teilt sich mit ihm den Wohnraum. „Wir haben ein eigenes Haus, und in den Anfängen war das sehr schwierig für uns. Wir haben uns arrangiert, fühlen uns wohl und haben dennoch das Gefühl, nur Gäste zu sein“. Es ist eine Gastfreundschaft, deren Ende noch nicht absehbar ist. Der Wunsch nach einer eigenen Wohnung sei groß, um wieder ein Stück Unabhängigkeit und individuelle Bewegungsfreiheit zurückzuerhalten.

Sie seien sicher gewesen, dass der Aufenthalt in Deutschland maximal zwei Monate dauern würde, und es falle ihr inzwischen schwer sich vorzustellen, noch lange bleiben zu müssen.

Ihr Studium möchte sie auf jeden Fall hier abschließen, da es hier für sie mehr Möglichkeiten gebe; konkrete Pläne, wie es dann für sie weitergehen könnte, seien verfrüht. „Wir arbeiten und lenken uns so von Vielem ab. Meine Mutter nimmt die kleinen Geschwister mit nach Frankfurt in die Kita, fährt zur Arbeit, der Bruder ist auf der Phorms, eine bilingual ausgerichtete Schule, und sie selbst sei freiwillig ebenfalls in der Hilfsorganisation dabei und widme ihre meiste Zeit dem Studium.

Eine feste Perspektive zu haben, erleichtert der Familie ihren Aufenthalt, für die eine Rückkehr in die Ukraine außer Frage stehe. Dieser Ungewissheit setzen sie ihre Zuversicht entgegen, und die Pysanky erinnern sie daran, dass sie ein kleines Stück Ukraine bei sich haben.

Dieses Porträt ist eine Auftragsarbeit und weitere nimmt sie gerne an.

Kunstvolle Dekoration
Foto: pexel

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