„Masters in Performance“: Wer ist denn das?

Kronberg (nl) – An der Tür zum Carl Bechstein Saal gab es am Freitagabend eine kleine Szene, die mehr über die Kronberg Academy erzählt als jedes Grußwort: Eine junge Frau am Einlass bat eine Dame um ihre Einlasskarte und musste in den nächsten Sekunden lernen, dass sie da gerade Tabea Zimmermann kontrolliert hatte. Keine Allüren, keine Geste der Empörung, einfach: kein Ticket, kein roter Teppich. So bescheiden tritt eine der bekanntesten Bratschistinnen der Welt auf, wenn sie zur Jury ihrer eigenen Schüler geht.

Genau das ist die eigentliche Spannung an diesen drei Abenden „Masters in Performance“: Im Saal sitzen nicht nur Eltern, Förderer und Konzertpublikum, sondern Janine Jansen, Christian Tetzlaff, Frans Helmerson, András Schiff – die Lehrenden, bei denen die Studierenden das ganze Jahr über vorgespielt haben und die jetzt selbst zuhören, wie aus Unterricht Auftritt wird. Man sitzt also in einem Konzert, das eigentlich eine Prüfung ist, umgeben von Leuten, die genau wissen, wo die Schwierigkeiten in den Stücken liegen und die man trotzdem nicht als Jury wahrnimmt, weil sie sich, wie ihre Kollegin Zimmermann am Einlass, einfach unter das Publikum mischen.

Den Anfang machte die Cellistin Luka Coetzee mit ihrer Bachelor-Zwischenprüfung, fast anderthalb Stunden lang, auswendig, ohne dass je eine Note vor ihr lag. Rachmaninows g-Moll-Sonate ist eines jener Werke, die einen Menschen am Instrument regelrecht vorführen: Sie lässt sich nicht durchspielen, sie will durchlebt werden, vier Sätze lang, gegen einen Klavierpart, der selbst hochkarätigen Pianisten Respekt einflößt. Dass Coetzee dem nichts auswich, sondern sich mit einer fast unbescheidenen Selbstverständlichkeit hineinwarf, war an diesem Abend zu hören, und im Publikum, unter den Förderern aus dem Casals-Patronat, das ihr Studium trägt, wurde genau das mit einer Begeisterung quittiert, die weniger dem Können als der Hartnäckigkeit galt, mit der sich diese junge Frau ein derart forderndes Programm überhaupt erst zugemutet hatte.

Nach einer kurzen Atempause, kaum dass der Saal sich neu gesetzt hatte, folgte der Bratschist Wassili Wohlgemuth mit seiner Masterprüfung und mit ihm eine Frage, die sich kaum auflösen lässt: Wie kommt es, dass ein Mensch mit rotem Lockenkopf und jener nachlässigen Lässigkeit, die man sonst nur Halbwüchsigen zugesteht, am Instrument auf einmal so klingt, als trüge er eine viel ältere Erfahrung in sich? Es gibt diesen Moment bei manchen jungen Musikern, in dem das Gesicht noch ganz Jugend ist und der Ton schon ganz woanders. Tiefer, abgeklärter, als hätte er sich mit den Fragen, die Bach in seiner c-Moll-Suite stellt, oder mit der Melancholie in Brittens „Lachrymae“ schon viel länger auseinandergesetzt, als sein Geburtsjahr 2001 es erlauben sollte. Genau dort liegt die eigentliche Irritation dieses Auftritts: Man sieht einen jungen Mann, der entspannt, fast beiläufig wirkt, und hört zugleich jemanden, der offenbar längst weiß, wovon diese Musik handelt, und genau diese Kluft zwischen Erscheinung und Ausdruck ist es, die im Saal etwas zum Schwingen bringt, das mit bloßer Technik nichts mehr zu tun hat.

Zwei Prüfungen, ein Abend und hinten im Saal ein paar Menschen, die genau wissen, wie schwer das ist, was sie da gerade still und ohne Einlasskarte mitverfolgen. Wer von diesem ersten Abend kam, wusste schon: An der Tür zum Bechstein Saal entscheidet sich in diesen Tagen mehr als nur die Frage, wer eine Karte braucht. Dass diese jungen Leute für eine Weltkarriere bestimmt sind, daran zweifelt an diesem Abend niemand im Saal. Was sich entscheidet, ist etwas Stilleres: Ob sie diesen Weg auch dann noch mit sich selbst aushalten, wenn die Säle größer und die Einlasskarten begehrter werden.

Der Mann mit der Bratsche war jahrelang ein Geiger. Wassili Wohlgemuth bekam mit fünf seinen ersten Geigenunterricht und studierte noch im Bachelor bei Violinlehrern wie Ning Feng. Die Bratsche kam erst später, und mit ihr offenbar auch die Stimme, in der er sich am wohlsten fühlt.

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