Kronberg (pf) – Das Thema Pflege stand im Mittelpunkt des dritten Kronberger Genossenschaftstages im Altkönig-Stift. Die gerade für ältere Menschen wohl alarmierendste Information aber gab Professor Dr. habil. Thomas Klie, Initiator und bereits zum dritten Mal auch Moderator der Veranstaltung, in seinem Abschlussreferat zum Thema Zukunftspakt Pflege: „Die Pflegeversicherung ist pleite.“ Schuld daran sei Jens Spahn, erklärte er. Während der Corona-Pandemie habe er als Gesundheitsminister 4,5 Milliarden Euro aus den Rücklagen der Pflegeversicherung für seinen Maskendeal entnommen. „Das war verfassungswidrig.“
Der Rechtswissenschaftler mit Forschungsschwerpunkt soziale Gerontologie und Pflege, Leiter der Institute AGP (Alter, Gesellschaft, Partizipation), Sozialforschung und Zentrum für zivilgesellschaftliche Entwicklung, ist einer der wichtigen Sozialexperten in Deutschland. Er ist nicht nur Jurist und forscht zu gesellschaftlichen Themen, sondern wird auch von der Bundesregierung bei ihren umfassenden Reformplänen zu den Themen Gesundheit, Pflege und Soziales um Rat gefragt.
„Die Pflege steht am Abgrund“, hatte bereits in seinem Referat zur Situation der Langzeitpflege in stationären Einrichtungen und Wohnstiften in Deutschland Dr. Johannes Rückert gesagt. Er ist nach 13 Jahren Tätigkeit für die Augustinum-Seniorenresidenzen in Deutschland heute Vorstand der gemeinnützigen Aktiengesellschaft Kuratorium Wohnen im Alter, die deutschlandweit nicht nur Altenwohnstifte betreibt, sondern auch eine neurologische, geriatrische und urologische Rehaklinik sowie eine Akademie mit Bildungszentren für soziale Berufe. Schon sein Großvater, berichtete er, habe den Notstand ausgerufen bei diesem seit 50 Jahren aktuellen Thema Pflege: „Aber sie ist noch nie in den Abgrund hineingefallen.“
17 Millionen Menschen seien in der Pflege unterwegs, sagte Professor Klie: „Ein gesellschaftliches Topthema.“ Das dürfe man nicht dem Markt überlassen. Die Frage der Finanzierung von Pflegeeinrichtungen spielte daher am Genossenschaftstag in den Vorträgen und Diskussionsrunden eine wichtige Rolle. Das Altkönig-Stift, das Dr. Rückert als bundesweit bekannt und als „Orchidee“ unter den deutschen Premiumwohnstiften bezeichnete, ist als eingetragene Genossenschaft in einer wirtschaftlich bevorzugten Situation. „Sie haben ihren Eigenkapitalmarkt im Haus“, so drückte er es aus. Denn Geldgeber sind die Genossenschaftsmitglieder und haben Mitspracherecht bei allen Entscheidungen. Sie sind keine Kunden, sondern Mitbesitzer. Zudem komme der gesamte erwirtschaftete Gewinn in vollem Umfang wieder dem Stift zugute, fließe nicht als Rendite an Investoren.
2024 habe es bei Pflegeheimen eine große Insolvenzwelle gegeben, so Dr. Rückert. Die Situation habe sich 2025 wieder leicht verbessert. Eine große Herausforderung stelle nach wie vor die Personal- und Mitarbeitergewinnung dar. 150.000 Personen befänden sich derzeit in der Ausbildung und jedes Jahr kämen 50.000 dazu. Ein leichter Aufwärtstrend, aber mit 40 Prozent sei auch die Quote der Ausbildungsabbrecher hoch. Nach den Berechnungen des Statistischen Bundesamtes werde es bis 2050 einen leichten Anstieg beim Pflegepersonal geben, aber angesichts des demografischen Wandels gehe die Schere zwischen Pflegepersonal und Pflegebedürftigen immer weiter auseinander. Derzeit gäbe es fünf neue Anbieter für Premiumwohnstifte in der Bundesrepublik, doch nur einen davon mit einem umfassenden Pflegeangebot, berichtete Dr. Rückert. „Meine Prognose? Keiner ist nach 60 Jahren noch da!“
In einer Genossenschaft, die von ihrem Gründer Friedrich Wilhelm Raiffeisen als Hilfe zur Selbsthilfe ins Leben gerufen wurde und seit 2016 UNESCO-Weltkulturerbe ist, gehe es nicht um Profitmaximierung, sondern um Nutzenmaximierung, sagte Boris Quasigroch, Vorstandsmitglied des Altkönig-Stiftes. Genossenschaftsmitglieder seien ohne Gewinnstreben. Sein Vortragsthema am Genossenschaftstag war die wirtschaftliche Resilienz gemeinwirtschaftlicher Einrichtungen am Beispiel der Altkönig-Stift eG. Dass es dem Altkönig-Stift, das 1970 eröffnet wurde und heute rund 3000 Mitglieder zählt, wirtschaftlich gut geht, liege mit daran, dass ihm alle Gebäude gehören, keine Mieten zu zahlen sind und es keinen Renovierungsstau gibt. „Jeder bringt sich ein, das ist gelebte Solidarität und prägt das Leben in unserem Altkönig-Stift.“
Um Vertrauen schaffende Perspektiven und ein Solidaritätsversprechen für Menschen, die auf Hilfe und Pflege angewiesen sind, ging es vor allem in der zweiten Genossenschaftstalkrunde. Nur 12,5 Prozent der Pflegebedürftigen leben in Heimen, sagte Professor Klie. Die meisten werden in ihren Familien betreut. 17 Millionen Menschen in Deutschland hätten bereits Pflegeerfahrungen mit Angehörigen. Und sie seien, wie eine Umfrage ergeben hat, sofort wieder bereit zu helfen. Nur die Wähler populistischer Parteien stellten immer nur Forderungen an den Staat, seien aber nicht bereit selbst etwas zu tun.
Dass ältere Menschen Angst haben, Anderen und der Gesellschaft zur Last zu fallen, sei unwürdig. „Die Prinzipien der Humanität und der Menschlichkeit dürfen wir nicht aufgeben. Wir brauchen Zuversicht, wir brauchen eine Finanzreform und eine Pflegefinanzierung,“ so Professor Klie. Füreinander einzustehen ohne Renditeerwartungen sei nicht nur wichtig für eine funktionierende Gesellschaft, sondern auch für die Demokratie.
