So ein „Gurkerl“ hat es in sich – Lesung mit Johanna Sebauer zum 20-jährigen Jubiläum

Kronberg (aks) – Wie gefährlich in Essig eingelegte Gewürzgurken sein können, davor warnt Johanna Sebauer in ihrem neuen Werk „Das Gurkerl“. Ironisch beschreibt sie die Heimtücke, die von dieser kleinen, grünen, knackig-köstlichen, vermeintlich harmlosen Gemüsebeilage ausgeht. Der Protagonist Pertak, Chefredakteur einer lokalen Zeitung, kommt in der Büroküche mit einem Spritzer aus dem Gurkenglas in Berührung und erscheint darauf tagelang mit einem großen Pflaster auf dem Auge. Nach dem persönlichen Supergau analysiert er in einem Leitartikel die ätzende Gurkerl-Flüssigkeit, bisher frei verkäuflich und nun von ihm als Sicherheitsrisiko eingestuft, mit dem Ziel, das Sommerloch – Saure-Gurken-Zeit für Redaktionen(!) – aufzupeppen. Das Thema heizt quasi über Nacht den gesellschaftlichen Diskurs an, und so wird im wahrsten Sinne des Wortes ein Riesenfass aufgemacht für ein „Gurkerl“ („eine Essiggurke ist eine Essiggurke ist eine Essiggurke“!), die zur „Eigentlichkeit“ wird und nicht als Metapher gemeint ist, sondern als Ding an sich. Die einen verteidigen sie als aufgefächerte Traditionsbeigabe auf der Wurstsemmel und Ausdruck der kulinarischen Freiheit mündiger Bürger, die anderen berufen sich auf die Gesundheit, gehen als Gurken-Faschisten mit Trillerpfeifen als Symbol für Ausbeutung durch die Gurkenabfüller auf die Straße. Die „Gurken-Monster“-Lawine gerät außer Kontrolle, aus dem vermeintlich harmlosen „Gurkerl“ wird ein Skandal. Die Geschichte schrieb die junge Autorin kurz nach der Corona-Zeit – mit Flugangst im Flugzeug – auf, in einer Zeit, „als die Empörungsgesellschaft kurz vor dem Explodieren war, ebenso wie die Lust am Missverstehen des Gegenübers“: Impfungen, Klimawandel, und nun – ein Gurkerl...

Musikalisch wurde diese erheiternde Lesung bei schönstem Wetter und sonntäglichem Glockengeläut im Dingeldein-Hof untermalt von Maria Schaumberg am Saxofon und an der Klarinette und Hubert Lehmeier am Akkordeon, mit stimmungsvollen Klassikern wie Bella Ciao und Imagine – „passt gut in diese Zeit!“

Johanna Sebauer, die im Burgenland aufgewachsen ist, hat ihren Debütroman „Nincshof“ den Menschen ihrer Heimat gewidmet. Mit einem liebevollen Augenzwinkern, feinem Witz und viel Menschlichkeit erzählt sie von skurrilen Einheimischen, die die „absurde Idee“ todernst verfolgen, von der Welt vergessen zu werden, damit sie endlich ihre Ruhe haben vor Fahrradfahrern in hautenger (verschwitzter) Funktionsunterwäsche („die Wiener, lästig wie ein Schwarm Fliegen“), vor den „Individualreisenden“ stets auf der Suche nach Geheimtipps, aber auch von den Neuen, den Zugereisten. Nicht nur Dorfschilder werden abmontiert, auch im Internet wird jede Spur, die zum Dorf führen könnte, gelöscht. Die Zuschauer juchzen vor Vergnügen bei den detailreichen Schilderungen, die auch die olfaktorischen Sinne einbeziehen, wenn von Gülle zur Abschreckung die Rede ist. „Meine Fantasie ist sehr wild!“

Als „Chronistin ihrer Figuren“ beobachtet sie diese und folgt ihnen, ohne einzugreifen. Das sei ihre Art zu schreiben, so Sebauer.

Am Ende dieser urkomischen Sittengeschichte, einer burgenländischen Comédie Humaine, die allzu Menschliches nicht verdammt, sondern dem Leser wahrhaftige Menschen ans Herz legt, siegen die Geselligkeit und der Humor.

Sebauer beweist mit ihrer Lesung, dass Literatur nicht nur ernst und schwer sein muss, sondern „unterhaltsam und bunt“ sein kann, wie sie selbst sagt. Satirische Texte liegen ihr: „So bin ich!“ Ihr Auftritt 2024 beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt sei wie eine Reifeprüfung gewesen. Die Stimmung sei vergleichbar mit „Deutschland sucht den Superstar – für Autoren!“ mit Live-Auftritten im Fernsehen. Die damals in Hamburg lebende Österreicherin meisterte das Wettlesen bravourös und ging als Siegerin mit dem Preis der Jury und des Publikums hervor sowie mit dem Stadtschreiberstipendium der Stadt Klagenfurt.

20 Jahre: Ein Leben für gute Bücher

Dirk Sackis strahlt noch immer über das Fest am Vorabend zu seinem 20-jährigen Jubiläum als unabhängiger Buchhändler, davon zehn Jahre in Schönberg und seit zehn Jahren mitten in Kronberg im historischen Dingeldein-Haus mit der malerischen Scheune, in der er Lesungen und musikalische Events veranstaltet. Vor 11 Jahren hat er gemeinsam mit Albert Sanftenberg von der Kronberger Dingeldein-Stiftung, die sich seit vielen Jahren für das bürgerschaftliche Engagement in der Stadt einsetzt und soziale sowie kulturelle Projekte unterstützt, „die beste Buchhandlung Deutschlands“ (O-Ton Sanftenberg) geschaffen und die Scheune in einen ganz besonderen Ort verwandelt, in der Kultur aus nächster Nähe erlebt werden kann.

Sackis ist nach wie vor erfüllt von seinem „schönen Beruf“ als Buchhändler, wie er sagt, und ist dankbar für sein Team, zu dem seit vier Jahren auch seine Ehefrau zählt. Die Lesung mit der jungen österreichischen Autorin scheint ihm sichtlich Spaß zu machen und ist nach dem mitreißenden Auftritt der finnischen Tango-Band „Uusikkuu“ – Neumond – „Vintage Sounds of Finland“ am Samstagabend ein weiterer Höhepunkt an diesem Jubiläums-Wochenende. Darauf ein Gurkerl! Auch die Autorin Johanna Sebauer wünscht alles Gute zum Geburtstag und weiß aus Erfahrung, dass „unabhängige Buchhändler grundgute Menschen sind; sie lieben, was sie tun und engagieren sich: für uns Autoren sehr wichtig!“

„Auf viele weitere tolle Jahre“, dem schließt sich auch der Kronberger Bote an und wünscht weiterhin viel Erfolg und Veranstaltungen mit Herzblut!

Dirk Sackis (r.), der seit 20 Jahren seine eigene, mehrfach preisgekrönte Buchhandlung führt und immer noch glücklich über seinen Job zu sein scheint, testet mit Albert Sanftenberg, Ehrenvorsitzender der Kronberger Dingeldein-Stiftung, die Gefährlichkeit der „Gurkerl“, vorne die Autorin Johanna Sebauer, die sich ein Grinsen nicht verkneifen kann. Foto: Sura

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