Kronberg (pf) – „Aida“ gehört zu den erfolgreichsten großen Opern des 19. Jahrhunderts. Rund drei Stunden dauert in einem Opernhaus eine Aufführung. Der britische Dirigent, Pianist und Musikwissenschaftler Richard Vardigans aber brauchte am vergangenen Donnerstagabend im Festsaal des Altkönig-Stiftes nur gut eine Stunde und einen Flügel, um seinem Publikum mehr über das Meisterwerk Giuseppe Verdis zu erklären, als die meisten Opernbesucher wohl jemals erfahren. Denn durch seine kenntnisreichen Erläuterungen erschloss sich plötzlich allen im Saal, mit welchen musikalischen Kunstgriffen es dem damals weltberühmten italienischen Komponisten gelingt, dass seine Arien ihren Weg direkt ins Herz der Zuhörenden finden.
Dazu brauchte Vardigans kein Orchester, keine Sängerinnen und Sänger, kein Bühnenbild. Lediglich das Foto gewaltiger Pyramiden, im Vordergrund ein winzig kleines Kamel mit Reiter, auf die Leinwand im Hintergrund der Bühne projiziert, entführte die Betrachter nach Ägypten, wo sich das Drama aus der Zeit der Pharaonen um die äthiopische Prinzessin Aida, die als Geisel am Hof des Königs Sklavendienste leisten muss, und den ägyptischen Feldherrn Radamès ereignet.
Die beiden lieben sich. Aber auch Königstochter Amneris liebt und umwirbt ihn. Aida ist ein Sopran, Amneris ein Mezzosopran. Und Mezzosopranistinnen, lässt Vardigans sein Publikum – wie er augenzwinkernd versichert aus eigenen Erfahrungen – wissen, seien nie glaubwürdig. Die beiden sind also Rivalinnen. Radamès zieht mit dem ägyptischen Heer gegen die Äthiopier in den Krieg und kehrt als siegreicher Feldherr mit vielen Gefangenen zurück, darunter unerkannt auch Aidas Vater, der sich als einfachen Heerführer ausgibt. Dass Verdi für den berühmten Triumpfmarsch, wohl einer der berühmtesten Märsche der Musikgeschichte, damals in Mailand eigens 1,5 Meter lange gestreckte Fanfarentrompeten anfertigen ließ, verriet Vardigans ebenfalls seinem Publikum. Auch, dass die Fanfaren auf der Bühne und die Trompeter im Orchestergraben sich nicht sehen können und daher oft nicht perfekt zusammenspielen. Wie sich das anhört, spielte er auf dem Flügel vor. Warum im Opernhaus anschließend die meisten Männer zum Opernglas greifen, erzählte er auch: um auf der Bühne bei der Siegesfeier die spärlich bekleideten Tänzerinnen aus der Nähe betrachten zu können.
Zum Dank für seinen Sieg will der König Radamès seine Tochter Amneris zur Frau geben. Der aber will lieber mit Aida fliehen und verrät ihr, welche Schlucht nicht von ägyptischen Soldaten bewacht wird, nicht ahnend, dass ihr Vater sie um diese für ihn so wichtige Information gebeten hat und sie belauscht. Radamès wird also zum Verräter, zum Tode verurteilt und in einem Gewölbe eingemauert. Dort hat sich aber Aida bereits versteckt, denn sie will mit ihm zusammen sterben. Und das besingen sie auch mit einem zu Herzen gehenden Duett, in dem sich die große Septime um einen Halbton nach oben positiv auflöst: Sie werden also mangels Luft im zugemauerten Gewölbe glücklich sterben.
150.000 Goldfranken hatte Giuseppe Verdi seinerzeit für „Aida“, ein Auftragswerk des ägyptischen Vizekönigs Ismail Pascha, gefordert und bekommen – das bis dahin wohl höchste Honorar für einen Komponisten. Lange hatte der Italiener sich geweigert, für Ägypten zur Eröffnung des Suezkanals eine Hymne und für die Eröffnung des Opernhauses in Kairo eine Oper zu verfassen. Erst als der Manager der Pariser Oper und sein früherer Librettist ihm das von einem Ägyptologen verfasste Aida-Opernlibretto gab und durchblicken ließ, wenn er, Verdi, die Oper nicht komponieren wolle, werde man sie seinem Konkurrenten Richard Wagner anbieten, warf er seinen Widerstand über Bord.
„Wenn mir jemand vor zwei Jahren gesagt hätte, du wirst für Kairo schreiben, hätte ich ihn für einen Verrückten gehalten, aber jetzt sehe ich ein, dass ich der Verrückte bin“, schrieb Verdi im Juli 1870 an einen Freund. Schon im November 1870 war dann seine Oper fertig. Die Uraufführung jedoch fand erst ein Jahr später, am 24. Dezember 1871, in Kairo statt. Denn die in Paris hergestellten Kostüme und Requisiten waren bei der preußischen Belagerung von Paris im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 eingeschlossen und konnten nicht rechtzeitig nach Kairo verschickt werden.
