Tiefe Trauer und grenzenlose Freude – ein Tag der widerstreitenden Gefühle

Kronberg (cz) – Ein paar warme Strahlen schickte die Sonne an diesem frostigen Morgen auf die Menschen, die sich vor den drei Mauersegmenten neben der Stadthalle zum Gedenken an den 30. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer versammelt hatten. Zunächst stimmte Cellist Luca Giovannini, der seit dem Herbst an der Kronberger Academy studiert, das Publikum mit dem Prelude aus der Suite Nr.6 von Johann Sebastian Bach ein, in Gedenken an Mstislav Rostropovich, der diese Stücke aus Freude über die geöffnete Mauer am 11.11.1989 am Checkpoint Charlie gespielt hatte.

Bürgermeister Klaus Temmen und Stadtverordnetenvorsteher Andreas Knoche erinnerten in ihrer anschließenden gemeinsamen Ansprache an die 28 Jahre geteiltes Deutschland. „Die Gesamtlänge der Mauer-Grenze zwischen Ost- und West-Berlin betrug 155 Kilometer, es gab 302 Beobachtungstürme und sechs Grenzübergänge; insgesamt betrug die innerdeutsche Grenze knapp 1.400 Kilometer“, so Temmen, „mehr als 10.000 Soldaten der Nationalen Volksarmee bewachten allein die Berliner Grenze.“

Knapp 5.000 Menschen gelang die Flucht in den Westen. Doch viele schafften es nicht und bezahlten ihren Fluchtversuch mit dem Leben.

Knoche betonte, dass der 9. November in Deutschland kein ungeteilter Gedenktag sein könne. „Wir gedenken am heutigen Tag auch der Opfer durch die schrecklichen Ereignisse des Pogroms gegen die jüdische Bevölkerung.“

Der Fall der Berliner Mauer stehe für das Ende eines geteilten Deutschlands und die Stadt Kronberg sei sehr dankbar, dass sie mit den drei Teilen der Berliner Mauer so eindrücklich an dieses Ereignis erinnern könne, so der Bürgermeister. Diese Teile stammen übrigens aus dem Bereich des Potsdamer/Leipziger Platzes. Als damals die Firma Sony Flächen in diesem Bereich für das geplante Sony-Center erworben hatte, befand sich auf dem Gelände noch eine beträchtliche Strecke der Berliner Mauer. „Johann Wolbert, damals bei Sony und unserer Stadt eng verbunden, bewirkte, dass drei Segmente inklusive Transport der Stadt Kronberg geschenkt wurden“, erzählt Temmen den interessierten Zuhörern. Es dauerte dann allerdings noch zwölf Jahre, bis sie an ihrem jetzigen Standort eine endgültige Heimat fanden.

Die langjährige und überaus erfolgreiche Städtepartnerschaft zwischen Kronberg und Ballenstedt wurde an diesem Vormittag natürlich ganz besonders in den Fokus gestellt. „Die Freude über den Fall der Mauer einte Kronberger und Ballenstedter bei allen Schwierigkeiten auf sehr spontane Weise“, so der Rathaus-Chef. „Der Partnerschafts-Verein hat es verstanden, die Begeisterung dieser Tage weiterzutragen und in den folgenden Jahren mit unermüdlichem Einsatz zu leben und zu pflegen.“

Zum Abschluss ergriff Dr. Ursula Philippi, die langjährige Vorsitzende des Partnerschaftsvereins Kronberg-Ballenstedt das Wort und erinnerte an den schicksalsträchtigen Abend, als Günter Schabowski die Worte stammelte: „Das trifft nach meiner Kenntnis... Ist das sofort, unverzüglich..“ und die ersten Schlagbäume gingen hoch.

Bis zu diesem Datum habe die Bundesrepublik seit den späten 1980er-Jahren versucht, mit deutsch-deutschen Städtepartnerschaften die Beziehungen zwischen den Menschen in Ost und West nicht im Nebel der Zeit verblassen und letztlich endgültig abreißen zu lassen, so Philippi weiter, während dies von Seiten der DDR ausschließlich unter staatspolitischen Aspekten gesehen wurde, nämlich der Anerkennung ihres souveränen Staates durch die BRD. „Der 9. November ist ein Tag der Erinnerung und des Gedenkens, des Nachdenkens und der Dankbarkeit über den großen friedlichen Einigungsprozess Deutschlands – eine der herausragendsten politischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts und – wie ich meine – eine Gnade in der geschichtlichen Entwicklung unseres Landes“, konstatiert Philippi zum Abschluss ihrer bewegenden Rede.

Mit der virtuos gespielten zweiten Cellosuite und einem anschließenden Glas Sekt endete der offizielle Teil der Gedenkveranstaltung.

Mit den zwei Suiten von Bach erinnerte Cellist Luca Giovannini an Mstislav Rotropovich, der am 11. November aus Freude über den Mauerfall diese spontan vor dem Checkpoint Charlie gespielt hatte.
Fotos: Zitzewitz

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