Die Kunst des kontrollierten Kontrollverlusts

Oberhöchstadt (kb) – Theater beruht auf einer stillen Vereinbarung. Das Publikum schaut auf die Bühne und glaubt für einige Stunden an das, was dort geschieht. Die Schauspieler kennen ihre Texte, die Türen öffnen sich im richtigen Augenblick und jede Requisite liegt dort, wo sie gebraucht wird. Was notwendig ist, damit diese kleine Welt funktioniert, bleibt gewöhnlich verborgen.

Michael Frayns Komödie „Der nackte Wahnsinn“ rückt genau diese verborgene Welt in den Mittelpunkt. Im Herbst bringen die Fichtegickel des Karnevalvereins 1902 Oberhöchstadt das Stück in der deutschen Fassung von Ursula Lyn auf die Bühne des Hauses Altkönig.

Die Geschichte handelt von einem Theaterensemble, das eine Komödie aufführen möchte. Die Voraussetzungen dafür könnten besser sein. Einsätze geraten durcheinander, Requisiten entwickeln ein erstaunliches Eigenleben und zwischen den Beteiligten läuft längst nicht alles so harmonisch, wie es auf der Bühne erscheinen soll. Mehr sollte über die Handlung nicht verraten werden. Ein wesentlicher Reiz des Stücks liegt darin, nach und nach zu entdecken, was innerhalb dieses Ensembles geschieht und weshalb die Ereignisse immer weiter aus dem Ruder laufen. Frayn erzählt vom Theater und von den Menschen, die es machen. Er zeigt ihre Eitelkeiten, Empfindlichkeiten und Unsicherheiten, ohne seine Figuren bloßzustellen.

Sie alle wollen, dass der Abend gelingt. Gerade dieser gemeinsame Wille treibt sie immer tiefer in eine Situation, die sich kaum noch beherrschen lässt. Der Humor entsteht durch das genaue Zusammenspiel vieler kleiner Vorgänge. Ein Blick, eine kurze Verzögerung oder eine Tür, die sich im ungünstigsten Augenblick öffnet, können eine ganze Folge weiterer Verwicklungen auslösen. Das Publikum erkennt die drohende Katastrophe häufig früher als die Figuren und kann dabei zusehen, wie diese mit großer Entschlossenheit darauf zusteuern.

Wenn das Chaos Präzision braucht

Für die Fichtegickel ist die Inszenierung eine besondere Herausforderung. Was später spontan und beinahe zufällig wirken soll, muss zuvor genau festgelegt werden. Texte, Bewegungen, Requisiten und technische Abläufe greifen eng ineinander. Bereits ein verpasster Einsatz kann den Rhythmus einer vollständigen Szene verändern. Das Chaos braucht Präzision.

Inzwischen probt die Gruppe dreimal in der Woche. Dabei geht es längst nicht mehr allein um das sichere Beherrschen der Texte. Laufwege werden abgestimmt, Übergänge wiederholt und Reaktionen so lange erprobt, bis sie selbstverständlich erscheinen. Bei einer Komödie dieses Tempos entscheiden häufig Sekunden darüber, ob eine Pointe funktioniert.

Eine wesentliche Rolle übernimmt das aufwendige Bühnenbild. Türen, Treppen und unterschiedliche Ebenen bilden keine bloße Dekoration, sondern bestimmen den Rhythmus des Geschehens. Für das Team hinter der Bühne bedeutet die Produktion daher ebenso viel Vorbereitung wie für das Ensemble.

Mitglieder der Fichtegickel hatten „Der nackte Wahnsinn“ bereits vor einigen Jahren in Berlin gesehen. Die Begeisterung für das Stück war groß, der Respekt vor seinen Anforderungen ebenfalls. Lange blieb deshalb die Frage offen, ob sich eine solche Komödie unter den Bedingungen einer Amateurtheatergruppe umsetzen lässt. In diesem Jahr fiel die Entscheidung, sich dieser Herausforderung zu stellen. Unter der Regie von Yvonne Schmidt und Jörg Kuschel entsteht eine eigene Oberhöchstädter Inszenierung. Gemeinsam mit dem Ensemble werden Szenen erarbeitet, Bewegungen ausprobiert und Ideen weiterentwickelt. Auch örtliche Bezüge werden darin ihren Platz finden. Wie genau, bleibt bis zur Premiere ein Geheimnis.

Die Theatertradition der Fichtegickel reicht bis ins Jahr 1971 zurück, als die Gruppe mit dem „Meisterboxer“ ihre erste Inszenierung auf die Bühne brachte. Seither sind zahlreiche Komödien und Schwänke gefolgt. Mit „Der nackte Wahnsinn“ richtet die Gruppe den Blick nun auf das Theater selbst und damit ein wenig auf die eigene Arbeit. Denn eine Aufführung entsteht lange vor dem Moment, in dem sich der Vorhang öffnet. Kulissen werden gebaut, Requisiten beschafft, Kostüme vorbereitet und Szenen über Monate hinweg geprobt. Am Ende soll das Publikum von dieser Arbeit möglichst wenig bemerken und stattdessen für einige Stunden an die Welt auf der Bühne glauben.

Über allem steht dabei eine der ältesten Regeln der Bühne: Ganz gleich, was geschieht, die Vorstellung muss weitergehen. Ob dieser Grundsatz auch im Haus Altkönig Bestand hat, wird vorab nicht verraten. Sicher ist lediglich, dass einige Türen geöffnet, die Nerven auf eine harte Probe gestellt und mehrere Teller Sardinen benötigt werden.

Premiere ist am Samstag, 24. Oktober, um 20 Uhr im Haus Altkönig, Altkönigstraße 30. Zur Premiere gibt es einen Sektempfang. Weitere Vorstellungen finden am Sonntag, 25. Oktober, und Sonntag, 1. November, jeweils um 17 Uhr sowie am Samstag, 31. Oktober, und Samstag, 7. November, jeweils um 20 Uhr statt.

Die Eintrittskarten kosten 17 Euro und sind nummeriert. Bestellungen sind unter der Telefonnummer 06173/9997640 oder per E-Mail an kartenbestellung[at]kv02[dot]de möglich. Die Karten werden an der Abendkasse hinterlegt. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.kv02.de.

Schon in den Proben wird versucht, ein kontrolliertes Chaos zu erstellen.Fotos: Zweifel

Bei den Proben geht es auch mal wilder zu.

Weitere Artikelbilder



X