Kunstgriff-Varieté begeistert mit Artisten im Rushmoorpark

Iryna war beim Spagat am Vertikaltuch bestens ins Licht gerückt.Foto: Kunstgriff

Oberursel (ow). Jean-Philip la Lumière kam extra aus Frankreichs Haupstadt zum Orscheler Sommer angereist und begeisterte als Schatten die unzähligen Menschen, die im Rushmoorpark die „Sterne des Varietés“ funkeln sehen wollten. Der Schatten aus Paris lag komplett in den Händen von Carola Kärcher. Die Handschattenspielerin hauchte ihm poetisch, humorvoll und originell Leben ein. Auf ihrer kleinen Leinwand ließ sie ihn ins kalte Wasser springen, sich dort vor einem Hai in Sicherheit bringen und sich – er ist schließlich Meister der Transformation - in die verschiedensten Tiere verwandeln.

Einfach genial, was die Künstlerin mit ihren Händen und etwas Licht zauberte, wie sie das Publikum zum Träumen und zum Lachen brachte. Es hätte noch stundenlang zuschauen können.

Begeistert waren die vielen Hundert Besucher, vorsichtig geschätzt etwa 800, aber auch von den anderen international anerkannten Künstlern, die Dieter Becker zum Varieté des Vereins Kunstgriff mitten im Orscheler Sommer eingeladen hatte. Die Besucher staunten zunächst wie leicht und elegant die Duo-Akrobatik von „Judith und David“ aussieht. Was die Besucher nicht gesehen hatten, war das lange Aufwärm- und Dehnprogramm der beiden Akrobaten an diesem Abend vor ihrem Auftritt – und dass sie sich nebenbei auch noch ein wenig ums eigene Kind kümmern mussten. Gut, das auch die Großeltern dabei waren und das Kind betreuten.

Ein nicht mehr ganz so kleines Kind holte derweil Moderatorin Michelle Spillner auf die Bühne. In Lunis, den sie im Publikum entdeckt hatte, erkannte sie, wie sie erklärte, die Reinkarnation eines weltberühmten Zauberers. Sie steckte ihn in sein altes Kostüm, das sie bei Gelegenheit erworben hatte, und lies ihn seine alten Zaubertricks vollführen. Ein Schelm, wer behauptet, dass Michelle ihm beim Zerschneiden und wieder Zusammensetzen eines Seils unter die Arme gegriffen und ihre Hände geliehen hat. Die Moderatorin, ihres Zeichens international aktive Spitzenzauberin, wie immer unterwegs mit ihrem Plüschkaninchen, dem sie fliegen beibrachte und das sie mit einem Schnipp hynotisierte, führte humorvoll und mit weiblicher Grazie durchs Programm.

So auch zu Anton Birkholz. Dieser jonglierte mit drei weißen Bällen. Sie flogen allerdings nicht durch die Luft, sondern blieben am Körper; als seien sie mit diesem magnetisch verbunden. Bei seiner Kontaktjonglage ließ er sie über die Arme, den Kopf, die Brust, den Rücken rollen. Die Hüte, die er bei seinem zweiten Auftritt dabei hatte, flogen schon eher mal, wurden aber stets gekonnt mit dem Kopf oder den Händen gefangen - und wenn doch mal einer auf dem Boden landete, war nicht wirklich zu merken, dass dies gar nicht zu seinem harmonischen Vortrag gehörte.

„Aua“ war trotz der Ästhetik in der Show von Eliza Ruppel von so manchem Zuschauer zu hören. Die Kontorsionistin (Schlangenfrau) verbog sich zu rockigen Klängen von AC/DC unglaublich gekonnt. Da war es kaum vorstellbar, dass ihre Knochen noch über Gelenke, Bänder und Sehnen miteinander verbunden sind. Ruppel hat mit jahrelangem Training eine extreme Beweglichkeit erreicht, mit der sie die Statik des Körpers überwindet. Sie gilt als Deutschlands flexibelste Künstlerin, kein Varieté-Besucher im Rushmoorpark wollte da widersprechen.

Einige Meter neben der Bühne hatte der Kunstgriff extra fürs Varieté ein Gestell errichtet, an dem Iryna ins rechte Licht gerückt wurde. Erst faszinierte sie am Luftring, später hielten die Besucher bei ihrer akrobatischen Show am Vertikaltuch den Atem an. Wenn die ukrainische Meisterin, die aus Bad Orb angereist war, aus großer Höhe in die Tiefe stürzte, war das kontrolliert und sie ließ den Sturz gekonnt von dem Tuch bremsen.

Kunstgriff-Chef Dirk Müller-Kästner hatte bei seiner Begrüßung eine ganz große Show angekündigt. Hatte jemand am Anfang trotzdem noch Zweifel, waren diese schnell beseitigt und die Kunstgriffmitglieder hörten viele Komplimente fürs Programm: „Wozu braucht es ein teures Varieté-Theater? Beim Orscheler Sommer ist doch ganz große Kunst bei freiem Eintritt zu sehen“ war da zu hören.

Auch Mitarbeiter vom Kulturamt der Stadt hätten die Show gerne gesehen. Viel mitbekommen haben sie allerdings nicht. Sie unterstützten den Kunstgriff an diesem Abend am Tresen und am Grill – und da gab es angesichts der Besuchermassen von Anfang an reichlich zu tun.

Da blieb kaum Zeit für einen Blick auf die Bühne, wo jeder Künstler am Ende noch ein kleines Kunststück zeigte: Die zierliche Judith dabei ausnahmsweise als Stütze für David und Eliza machte auf den von Regisseur Dieter Becker nach oben gestreckten Füßen einen Spagat. Anton Birkholz jonglierte kontaktvoll, Iryna stürzte sich einmal mehr kontrolliert am Vertikaltuch in die Tiefe und Carola Kärcher zauberte bei ihrem Handschattentheater-Extra noch zwei süße Kaninchen aus dem Hut.

Im Gegensatz zum Start des Abends, als die ersten Besucher schon anderthalb Stunden vor der Show kamen, um sich einen Platz in Bühnennähe zu sichern, ging es zum Abschluss schnell. Die Besucher brachten Stühle und Bänke zurück zu den Anhängern, in denen diese während des Sommers trocken lagern und gingen noch immer von den Künstlern beeindruckt nach Hause.

Abschluss-Spagat von Eliza Ruppel auf den Füßen von Regisseur Dieter Becker.Foto: Kunstgriff

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