Lockeres Jazz-Fieber, impulsiv und lebendig

Die New Orleans Joymakers, klassische Dixieland Marching Band, eröffnen das Jazz-Festival mit flotten Nummern am rauschenden Bach vor der Schuckardtsmühle und ziehen dann nach New Orleans-Art stetig spielend vom einen zum nächsten Standort bei „Jazz meets Mühle“.

Fotos: js

Von Jürgen Streicher

Oberursel. Die 12. Auflage des Outdoor-Festivals „Jazz meets Mühle“ könnte als heißeste Nummer in die Geschichte des kulturellen Erfolgskonzepts eingehen. Im doppelten Sinne: An einigen Orten trieb die Hitze die Fans zum letzten Schattenstreifen, heiße Musik gab es überall, an acht Orten von 19 Bands produziert und am Ende noch bei einer Jam-Session.

Wer könnte besser für den Geist des Jazz an diesem Pfingstmontag stehen als die „New Orleans Joymakers“ mit ihren feinen Blasin-strumenten und ihrer guten Laune? Da stellt der Landmann unterhalb auf der Wiese um 11 Uhr brav seinen Mähtraktor ab und überlässt das akustische Feld den Musikfreunden in freudiger Erwartung vor der Schuckardtsmühle. Und den Bläsern mit den schicken Kappen zum weißen Hemd. Die Freudemacher sind der Opener, machen ihrem Anspruch alle Ehre mit einem kleinen Ständchen, bevor das „Powerhouse Swingtett“ die Bühne ganz übernimmt und den Tag mit Power und Swing eröffnet. Die Bläser ziehen unter Beifall nach New-Orleans-Art im Gänsemarsch blasend am Bach entlang in Richtung innere Altstadt ab. Sie haben die Ehre, die frohe Botschaft des Jazz an allen Locations zu verkünden, damit jeder sie auch mitbekommt.

An der Schuckardtsmühle zwischen Altkönigstraße und Bachpfädchen rauscht der Bach tatsächlich ganz ordentlich und bringt das Mühlrad in unermüdliche Bewegung. Wenigstens an diesem Tag wie in alten Zeiten. Es ist der passende Ort für die Eröffnung des traditionellen Jazz-Festivals „Jazz meets Mühle“, der wunderbar flotten und gleichzeitig gechillten Art, den jährlichen Deutschen Mühlentag würdig zu feiern. Hier stimmt einfach alles, harmonieren Leitbild und Wirklichkeit, Jazz und Mühle verbinden sich, die Musik bringt viele Menschen zusammen. „Oberursel ist auch Jazz, impulsiv und lebendig“, sagt die Bürgermeisterin bei der Eröffnung am späten Vormittag im Überschwang. Alle Sitzplätze sind den ganzen Tag in wechselnder Besetzung belegt, Kinder sitzen mit Eltern und Omas im Gras im Schatten, die Sponsoren haben für Kissen und Decken gesorgt, schon früh liegt Grillduft heftig in der Luft, es gibt Handkäs-Salat und Spundekäs in Mengen mit Brot oder Brezel. Orschel ist an dieser Stelle ein Traumplatz im Licht- und Luft-Geplänkel des Blätterwaldes, im Hintergrund schimmert der Turm von Sankt Ursula durchs Geäst, das Bachpfädchen ein zeitgeistiger mystischer Ort.

Ein paar Höhenmeter weiter unten an der Herrenmühle steht das Mühlrad wie meist still. Aber drin im Hof ist richtig was los, das „International Cajun Trio“ macht die Musik, auch hier sind die Schattenplätze im alten Gemäuer begehrt. Es ist erstaunlich, aber das Feintuning der Besucher scheint irgendwie immer zu stimmen. Gemütlich pilgern die Freunde der Jazz-Musik durch die Altstadt, niemals hat man an einem Tag so viele Menschen, Männer und Frauen, mit Strohhüten und Sonnenschirmen auf Straßen und in Höfen gesehen. Überall ist es gleichzeitig voll, aber nirgends wird um Platz gerangelt oder gedrängelt, an keinem Ort ist es zu voll, der Menschenverkehr fließt perfekt ohne Stress. Im Garten des „Schwanen“ begeistert mittags Natalya Karmazin mit ihrem Karma Jazz Trio, später kommt „Klangcraft“ ins Rennen, am Ende bis in den Abend hinein das „Trio 64“.

Volles Haus im Schwanengarten von früh bis spät, der beliebte Sommergarten einer von acht Hot-Spots und ein Epizentrum der Jazz-Sause. Mittendrin unter dem Platanen-Dach sitzt Mark aus Frankfurt am Stehtisch mit Blickrichtung Bühne, sehr nah am Hauptgeschehen, genüsslich beschäftigt mit seinem Handkäs mit Musik, wie auch sein Kumpel Joachim, eigentlich Berliner, aber jetzt Orscheler, der aber stehen muss. Ja, „Jazz meets Mühle“ sei auch in Frankfurt ein Begriff, bestätigen die beiden, der Kultur- und Sportförderverein KSfO als Veranstalter bestätigt Interesse unter Musikern und Publikum aus der gesamten Region, das Konzept kommt an. Wobei der Schwerpunkt schon auf Orschel liege, dies merken die meisten daran, wie vielen Bekannten sie an so einem Tag wie dem Pfingstmontag mitten in der Stadt begegnen.

Raus aus dem Schwanengarten ist fast rein in den Museumshof mit Ratskeller. Hier wird schon am frühen Nachmittag getanzt, die Sängerin zieht aufs leicht holprige Steinpflaster zum Klassiker „I Will Survive“ von Gloria Gaynor aus den 70er Jahren. Die Stimmung ist ausgelassen, es gibt Veggie-Burger und hausgemachten Hummus aus dem Ratskeller mit Pita-Brot und kühlem Weißwein oder Bier, im schattigen Hofteil sprudelt Wasser am alten Brunnen. Ach ja, es gibt auch Riesenbeifall für die Sabine Baukal Group mit ihrer gleichnamigen Frontfrau. „Es ist einfach wunderbar“, sagt eine vorbeitänzelnde Dame im knallgelben Kleid und mit Strohhut.

Schade eigentlich nur, dass man nicht überall sein kann, so gut das Programm auch geplant ist. Manche Locations muss man sich einfach fürs nächste Jahr aufsparen. Aber nicht die Schuckardtsmühle, wo zur blauen Stunde Jan Beiling mit seinem Saxophon zaubert. Ein Heimspiel für den Oberurseler Musiker und Saxophon-Lehrer, der auch lange im Tigerpalast-Orchester aufgetreten ist. Ein wunderbarer Abschluss für die Jazz-Insider, das Beiling-Skoberne-Trio macht den Abschied von „Jazz meets Mühle 2026“ schwer. Aber auch leicht, weil man sich ja aufs nächste Pfingstfest freuen kann. Nach drei Zugaben und gemeinsamem Klatschen zum Finale mit dem „Englishman in New York“ von Sting.

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