The place to be – Altstadtmarkt Orschel

Die Apfelfreunde OberurselFoto: Schlünsen

Von Silke Schlünsen

Oberursel. Der Altstadtmarkt polarisiert – zumindest ein wenig. Während sich das Format im fünften Jahr längst in „Orschel“ etabliert hat, gibt es vereinzelt kritische Stimmen, insbesondere aus der Strackgasse. Seit der Verlagerung des Wochenmarktes auf den Epinay-Platz sei es dort ruhiger geworden, heißt es. Doch genau hier setzt Bürgermeisterin Antje Runge an – mit einem klaren Appell, beide Welten miteinander zu verbinden.

„Morgens den Verbrauchermarkt am Epinay-Platz für die Erledigungen nutzen und sodann über die Vorstadt und Strackgasse bummeln, um auf dem Altstadtmarkt den Mittag und Nachmittag zu verbringen“, formuliert sie bei der offiziellen Eröffnung am Samstag um 11 Uhr ihren Wunsch. Es gehe nicht um ein Entweder-oder, sondern darum, die Vielfalt der Stadt bewusst zu leben.

Dass dieses Konzept funktioniert, zeigte sich bereits zum Saisonauftakt: Wenn sich der historische Marktplatz mit Stimmen, Musik und dem Duft regionaler und internationaler Leckereien füllt, ist klar: Der Frühling ist in Oberursel angekommen.

Der Altstadtmarkt ist längst mehr als ein Termin im Kalender. „Er ist ein Stück Oberurseler Lebensgefühl. Hier treffen sich Menschen, kommen ins Gespräch und genießen das Miteinander“, so Runge. Und genau das lebt sie auch selbst: Statt Distanz sucht sie Nähe, nimmt sich Zeit für Gespräche, bleibt stehen – ganz im Sinne des Marktes: babbeln und genießen.

Jeden Samstag von 10 bis 16 Uhr wird der historische Marktplatz unter dem Motto „Regional.Genuss“ zum Treffpunkt für alle Generationen und Kulturen. Regionale Produkte, kulinarische Spezialitäten, Kunsthandwerk sowie Musik- und Vereinsbeiträge sorgen für eine abwechslungsreiche Mischung. Viele vertraute Standbetreiber sind wieder dabei, zugleich bringen neue Anbieter frische Ideen mit.

So war zum Saisonauftakt unter anderem ein Coffee Bike aus Friedrichsdorf vertreten. Peter Reiter nutzt freie Wochenenden, an denen keine Hochzeiten oder Feiern anstehen, gern für einen Ausflug nach Oberursel – einfach, um „mal etwas Neues auszuprobieren“.

Auch kulinarisch gibt es Zuwachs: Ein Hot-Dog-Stand aus Wehrheim wird künftig regelmäßig vor Ort sein.

Darüber hinaus sorgen bekannte Anbieter wie die Feinkost Gümüs mit hausgemachten südländischen Spezialitäten und die Trolley Bar mit Kaffee, Limonaden und Cocktails. Beim M&M Event-Grill and More war die Schlange ebenfalls wieder lang – wie so oft in den vergangenen fünf Jahren. Ein klares Zeichen: Es schmeckt einfach.

Ein besonderes Erlebnis bot die klassische chinesische Teezeremonie, die die zertifizierte chinesische Teemeisterin Fang Yang für das chinesische Institut für Bildung DISCIMUS durchführte. Künftig wird sie ihr Wissen auch in VHS-Kursen weitergeben und legt selbst großen Wert auf Nachhaltigkeit: Teegeschirr aus Reiskörnern, Muschelschalen und Teeästen – vollständig biologisch hergestellt – bestaunten die Besucher.

Kreativität sind keineGrenzen gesetzt

Überhaupt lebt der Altstadtmarkt von den Menschen, die ihn gestalten. Dazu gehören auch zahlreiche engagierte Frauen: Die Gruppe „Die Feldbergerin“ präsentierte zur Eröffnung ihre Produkte und Ideen. „Powerfrauen“ nannte Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte Sabine Weil die Mädels von „Die Feldbergerin“ – und betonte, wie wichtig es sei, dass neben Vereinen auch viele Frauen mit eigenen Ständen das Marktgeschehen bereichern. Die Gruppe „ Die Feldbergerin“ wird künftig etwa alle sechs Wochen auf dem Altstadtmarkt vertreten sein – und bringen damit ein Stück Taunus regelmäßig direkt nach Oberursel.

Dass Vereine eine zentrale Rolle spielen, hob auch Runge hervor: Sie vernetzen, schaffen Austausch und stärken das Miteinander. Entsprechend vielfältig war die Präsenz – von lokalen Initiativen bis hin zu kulturellen Beiträgen.

Ein fester Bestandteil sind seit Jahren die Apfelfreunde Oberursel. Zwei der insgesamt 35 Mitglieder erklärten den Besuchern nicht nur die Produkte rund ums heimische Obst – von Apfelwein, Calvados-Saft bis Honig –, sondern auch den Hintergrund zum Verein: Die Erlöse fließen zurück in die Pflege von Streuobstwiesen und rund 80 Apfelbäume konnten bereits gepflanzt werden.

Und natürlich darf eines nicht fehlen: das hessische Nationalgetränk. „Was wäre der Altstadtmarkt ohne Apfelwein? – nichts“, bringt es Finn Lehmann von der Apfelweinagentur Johannes Döringer augenzwinkernd auf den Punkt. Aufgewachsen mit dem „Ebbelwoi“, vermittelt er sein Wissen mit Leidenschaft – nicht nur am Stand, sondern auch bei den Hessischen Apfelweinmeisterschaften, die von der Apfelweinagentur organisiert werden. Darüber hinaus ist er auch bei der Orscheler Ebbelwoi-Verkostung im Rahmen des Herbsttreibens aktiv und trägt so dazu bei, die regionale Tradition lebendig zu halten. „Das schöne Wetter und die netten Menschen“ sind es, die für ihn den Altstadtmarkt besonders machen.

Auch das Weingut Kastanienhof Stumpf ist für viele längst eine feste Adresse. Seit drei Jahren reist der Familienbetrieb aus Rheinhessen nach Oberursel an – inzwischen in achter Generation geführt. Mit pilzwiderstandsfähigen Rebsorten reagiert man auf die Herausforderungen des Klimawandels, erläutert Familie Stumpf. Der neue Wein trägt passenderweise den Namen „Zeitenwende“ – nicht nur wegen veränderter Bedingungen im Weinanbau, sondern auch als Zeichen für den Generationswechsel. Liebhaber des Sauvignon Blanc und Riesling sollten unbedingt einmal den Sauvignac kosten, die Grauburgunder-Fraktion eher den Souvignier Gris. Ursula Hoffmann und Monika Otte taten genau das – ohne Männer, wie sie verrieten, die neuen Jahrgänge genießen und dabei ein wenig babbeln, wie es sich für Frauen gehört.

Für echtes Orscheler Flair sorgte Saxophonist Jan Beiling, ein „alter Orscheler Bub“, der regelmäßig am Brunnen spielt und auch zum Saisonauftakt musikalische Akzente setzte. Zwischen Äppler, Saxophonklängen und frühlingshaften Temperaturen wurde schnell klar: Hier bleibt man gerne länger als geplant.

Mit einem Augenzwinkern zeigte auch die Brunnenkönigin Tanja I. ihre Verbundenheit zum Markt – mit einem Schild und der Aufschrift: „Today - It’s a good day“.

Ergänzt wurde das Geschehen durch ein vielfältiges Rahmenprogramm: Design und Handgemachtes, ein Miniworkshop zur Cyanotypie sowie kulturelle Angebote in der Stadtbücherei. Dort findet künftig jeden Samstag ein internationales Vorlesen für Kinder statt – zum Auftakt wurde auf Englisch vorgelesen.

Zudem wurde eine Fotoausstellung mit Eindrücken aus Peking, dessen Zentralachse im vergangenen Jahr zum Weltkulturerbe ernannt wurde, in der Stadtbibliothek eröffnet. Die Vernissage „Ein Bergdorf und ein Kaiserpalast – Die glänzende Spur der Glasurkeramik vom Dorf Liuliqu“ freut sich auf viele Besucher.

Wer tiefer in die Geschichte Oberursels eintauchen mochte, konnte zudem an einer Altstadtführung teilnehmen, die vom Mittelalter bis in die Neuzeit spannende Einblicke bietet.

Und wer einfach nur genießen möchte, findet seinen Platz ganz unkompliziert: im Liegestuhl mit einem Getränk in der Hand, mitten im Geschehen.

Wer den Tag vollständig auskosten will, folgt am besten dem Vorschlag der Bürgermeisterin: starten am Epinay-Platz, durch die Vorstadt und Strackgasse bummeln – und schließlich auf dem Altstadtmarkt ankommen.

Denn genau hier zeigt sich, was Oberursel ausmacht: Vielfalt, Begegnung und Lebensfreude.

Oder kurz gesagt: the place to be.

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