Oberursel. Die ersten Takte laufen, ein Paar dreht sich schon auf dem Parkett, während andere noch ihre Plätze suchen – und genau da beginnt dieser Abend. Ohne großes Zögern, ohne lange Einleitung. Oberursel tanzt. Und wer einmal im Saal ist, merkt schnell: Hier bleibt heute niemand lange sitzen. Doch bevor die Tanzfläche offiziell eröffnet wird, gehört der Moment zunächst den Worten.
Der Ball steht in diesem Jahr ganz im Zeichen mehrerer Premieren: Mit „Oberursel tanzt“ trägt er einen neuen Namen – und findet erstmals nicht im Januar, sondern im Frühling statt. Was lange als Winterball am ersten Samstag des neuen Jahres fest verankert war – zuvor als Turnerball und später als Winterball bekannt – musste der dichten Terminlage rund um die Fastnacht weichen. Der neue Termin kommt an – viele Gäste sind sich einig, dass er bleiben darf. Auch personell gibt es eine Premiere: Kerstin Korn steht erstmals als Präsidentin der TSGO auf der Bühne. Sie begrüßt die Gäste, unter ihnen auch zahlreiche Ehrengäste wie Daniel Köhler mit seiner Frau sowie die Brunnenkönigin Emily I., und richtet ihren Dank an das gesamte Organisationsteam, das mit viel Engagement diesen Abend vorbereitet hat.
Den musikalischen Auftakt übernimmt die Band des Abends, die Limelights, und setzt direkt den Ton: Klassiker treffen auf moderne Songs – eine Mischung, die begeistert und schnell aufs Parkett zieht.
Mitgliedschaftsehrungen
Im Anschluss werden langjährige Mitglieder geehrt – darunter für 25 Jahre Vereinszugehörigkeit Tobias Henschel (Handball), Sebastian Meister (Judo), Angelika Rathgeber (Tanzen), Claudia Schmidt (Tanzen) und Nicole von Brunn (früher Tanzen). Für beeindruckende 50 Jahre Engagement werden unter anderem Christopher Biaesch (Handball), Luise Ewert (Turnen/Fitness), Ina Langer (Handball, Tennis, Fitness) und Helmut Egler (Fitness) ausgezeichnet. Ein Moment, der zeigt, wie sehr dieser Verein von seinen Menschen lebt.
Mit Jutta Stahl übernimmt anschließend die Conférencière des Abends das Mikrofon. Charmant und souverän führt sie durch das Programm, bedankt sich bei den Gästen für ihr Kommen – und erklärt schließlich den Ball für eröffnet.
Den Auftakt auf dem Parkett gestalten drei Jungpaare, trainiert von Heinz-Jürgen Nürrenbach, der den Tanzsport in der TSGO seit vielen Jahren prägt. Mit einer romantischen Rumba, einem spritzigen Cha-Cha-Cha und einem flotten Jive zeigen sie ihr Können – und das unter besonderen Bedingungen: „Das erste Mal, dass diese drei jungen Paare vor Publikum und zu Live-Musik tanzen – und das bestimmt mit Nachhaltigkeit“, so Nürrenbach. Gleichzeitig lädt er das Publikum ein, sich von der Choreografie inspirieren zu lassen.
Und rasch zeigt sich: Die Strategie geht auf. Die erste Tanzrunde beginnt – und schnell füllt sich die Fläche. Immer wieder gehört die Fläche den Gästen. Zwischen den Programmpunkten bleibt ausreichend Zeit zum Tanzen, quer durch alle Musikrichtungen: mal zu Amy Winehouse, dann ein leidenschaftlicher Tango zu Coldplay oder ein Discofox zu Liedern von Christina Stürmer.
Ein besonderer Programmpunkt folgt mit dem Auftritt am statischen Voltigierpferd. Sechs Mädchen aus der ersten bis elften Klasse trainieren erst seit Oktober gemeinsam und zeigen an diesem Abend, was in den vergangenen Monaten bereits gewachsen ist: Konzentration, Körperspannung und viel Mut. Das Trainingsgerät, ein sogenanntes „Movi“, wird im Training genutzt, um Pferdebewegungen zu simulieren – bei der Vorführung kommt aufgrund organisatorischer Umplanungen ein unbewegliches Modell zum Einsatz, was der Darbietung jedoch keinen Abbruch tut und mit entsprechend viel Applaus belohnt wird. Am Ende der Darbietung gibt es für alle eine Rosette – ganz so, wie es bei einem Voltigierturnier üblich ist. Stolz und Freude sind den jungen Teilnehmerinnen deutlich anzusehen und zaubern auch ihrer Trainerin Valeri Probst ein Lächeln ins Gesicht.
Nach weiteren Tanzrunden bringt ein Hip-Hop-Auftritt frischen Schwung auf die Bühne – kraftvoll, modern und mitreißend. Die Choreografie stammt von keinem Unbekannten: Alessandro Uddin, der die Gruppe trainiert, steht anschließend selbst als Entertainer auf der Bühne, rockt den Saal und versetzt das Publikum regelrecht in Ekstase. Später am Abend sorgt mit dem letzten Programmpunkt die Bauchtanzgruppe Habibi für eine ganz andere, aber faszinierende Atmosphäre. Trainiert von Rosel Butterweck verbinden die Tänzerinnen orientalische Bewegungen mit asiatischen Elementen – eindrucksvoll umgesetzt durch den Einsatz von Tüchern. Eine Darbietung, die das Publikum sichtbar in ihren Bann zieht, bevor es wieder zurück auf die Tanzfläche geht. Mittendrin entstehen immer wieder Begegnungen und Geschichten, die diesen Abend besonders machen. Wie die des Ehepaars Benker: Seit 68 Jahren ein Paar, kennengelernt im Verein der TSGO. Vom Ball in der Turnhalle bis heute in der Stadthalle sind sie Jahr für Jahr dabei. Tanzen verbindet – manchmal ein Leben lang. Oder die drei begeisterten Geräteturnerinnen: Luise, Hannelore und Doris. Ü80, topfit und voller Energie. Mit einem Augenzwinkern merken sie an, sie seien „nicht vom Grill, sondern vom Gerät“ – und erzählen, dass es den Ball mindestens seit den 1950er Jahren gibt. Ein Stück gelebte Vereinsgeschichte, das bis heute weitergetragen wird.
Auch ein kleines royales Detail darf nicht fehlen: Brunnenkönigin Emily I. ist an diesem Abend ohne ihre Brunnenmeisterin Michèle gekommen, dafür aber in Begleitung einer früheren Brunnenkönigin, Verena Schmidt – fast ein Treffen unter Königinnen. Emilys Leidenschaft gilt dem Gardetanz, weniger den klassischen Standard- und Lateintänzen, doch an diesem Abend zählt vor allem die Freude am Dabeisein.
Viele Gäste genießen den Ball mit seinem neuen Termin sichtlich – „frühlingshaft, hell, einfach wunderbar“, heißt es mehrfach. Diese Leichtigkeit zieht sich durch den ganzen Abend: Jung und Alt tanzen gemeinsam, lachen und lassen sich von der Musik tragen. Das Alter spielt dabei keine Rolle – nur der Rhythmus. Die letzte Tanzrunde zieht sich bis tief in die Nacht, fast bis in den nächsten Morgen hinein. Ein Abend, der noch lange nachklingt.
Hinter dem Ball steht die Turn- und Sportgemeinde Oberursel (TSGO), einer der größten Vereine der Stadt mit zahlreichen Abteilungen – von Tanz und Turnen bis hin zu Handball und Judo. Seit Jahrzehnten prägt der Verein das sportliche und gesellschaftliche Leben in Oberursel – und mit Veranstaltungen wie „Oberursel tanzt“ zeigt sich diese Vielfalt auch weit über den Sport hinaus.
Oberursel tanzt – und alle tanzen mit.




