Oberursel (sis) – Ruby hatte kein Ticket. Keine Anmeldung. Und ziemlich sicher auch keinen Plan, an diesem Morgen einen Xtrem Marsch zu laufen. Doch die fünfjährige Hündin nutzte einen unbeobachteten Moment für einen kleinen Ausflug – und der führte sie ausgerechnet in den Camp King Park. Dort setzte sich gerade die erste Gruppe der 50-Kilometer-Wanderer in Bewegung. So viele Menschen, alle laufen los. Ruby offenbar auch. Was folgte, war die wohl ungewöhnlichste Geschichte des diesjährigen Xtrem Marsches in Oberursel. Eine Geschichte mit vier Männern, einer vermissten Hündin, einem ziemlich verdutzten Frauchen – und einem Feldberg, den Ruby ganz nebenbei auch noch bezwang.
Vier Männer und eine unbekannte Mitwanderin
Ruby, die als Welpe von der Straße in Argentinien adoptiert worden war, schloss sich kurzerhand einer Vierergruppe an. Zunächst dachte jeder der Männer, die Hündin gehöre wohl zu einem der anderen. Ruby selbst sah offenbar keinen Anlass, das Missverständnis aufzuklären. Sie lief einfach mit. An Ampeln wartete sie brav mit der Gruppe, Straßen wurden gemeinsam überquert. Kilometer um Kilometer ging es weiter, bis irgendwann klar wurde: Ruby gehört keinem der vier Männer. Da wussten die Organisatoren längst, dass irgendwo auf der Strecke eine Ausreißerin unterwegs sein musste. Melly Schiller hatte telefonisch die Nachricht weitergegeben, dass eine Hündin vermisst werde. Nur wo Ruby inzwischen steckte, wusste zunächst niemand.
Die Antwort kam auf vier Pfoten
Als Markus Kotkowski am Verpflegungspunkt auf dem Feldberg stand, bog die Vierergruppe um die Ecke – und mit ihr Ruby. Nach einem „ausgiebigen Trinkgelage“ und „hunderten Leckerchen“ der ehrenamtlichen Helfer, wie Kotkowski die Szene augenzwinkernd beschreibt, war das Abenteuer für die fünfjährige Ausreißerin beendet. Ruby wurde im Auto zurück zum Camp King Park gebracht. Dort wartete ihr Frauchen bereits auf sie. Ob die Wiedersehensfreude ungetrübt war, darf zumindest bezweifelt werden. Denn Frauchen trainiert seit einiger Zeit selbst dafür, den Feldberg zu bezwingen. Markus Kotkowski bringt die Sache mit einem Satz auf den Punkt: „Ruby hat es alleine geschafft.“
448 Starter – plus Ruby
Dabei hatte Ruby an diesem Samstag reichlich Gesellschaft. 500 Tickets waren für den Xtrem Marsch am Samstag, 19. September, verkauft worden, 448 Teilnehmer gingen bei strahlendem Sonnenschein tatsächlich an den Start. 151 von ihnen nahmen die 50 Kilometer in Angriff, 184 entschieden sich für 30 Kilometer und 113 für die Zehn-Kilometer-Strecke. Start und Ziel war der Camp King Park. An Saalburg und Feldberg warteten Verpflegungsstationen auf die Teilnehmer der beiden langen Strecken, für die 50-Kilometer-Wanderer kamen der Schafhof in Kronberg und das TIZ hinzu. Es sind Zahlen, die zeigen, wie groß der Xtrem Marsch inzwischen geworden ist. Entscheidend ist für die Menschen dahinter aber seit Jahren etwas anderes: laufen, gemeinsam unterwegs sein – und damit anderen helfen. Bereits beim Feldberg Walk im Frühjahr lautete die Botschaft: „Es sind alle Gewinner – es geht nicht um die Zeit, sondern um Bewegung und den guten Zweck.“ Wie viel aus diesem Gedanken inzwischen entstanden ist, zeigte sich diesmal besonders eindrucksvoll.
Wenn aus Kilometern Wünsche werden
10.000 Euro wurden mit dem Xtrem Marsch für die Wunschbaumaktion erwirtschaftet. Kinder aus vier Kinderheimen dürfen sich damit zu Weihnachten etwas wünschen. Vielleicht ist genau das die Zahl hinter der Zahl: Da werden Kilometer gelaufen, Verpflegungsstationen aufgebaut, Tüten gepackt, Strecken organisiert und viele Stunden ehrenamtlich investiert – und am Ende liegt irgendwo unter einem Weihnachtsbaum ein Geschenk, das ohne all das vielleicht nicht dort gelegen hätte. Mit den 10.000 Euro dieses Marsches hat der Verein zugleich eine Marke erreicht, die vor sechs Jahren vermutlich noch ziemlich weit entfernt schien: Insgesamt 100.000 Euro Spendengelder sind inzwischen zusammengekommen. 100.000 Euro! Nicht an einem Tag. Nicht durch einen Einzelnen. Sondern Schritt für Schritt. Dahinter stehen Teilnehmer, die immer wieder ihre Wanderschuhe schnüren. Ehrenamtliche, die ihre Zeit geben. Unterstützer, die mitziehen. Und Organisatoren, die aus einer Idee Veranstaltungen machen, bei denen die eigene sportliche Herausforderung nie allein im Mittelpunkt steht. Schon beim vergangenen Feldberg Walk zeigte sich, wie viel Arbeit hinter einem einzigen solchen Tag steckt – von Genehmigungen und Vorbereitung bis zum Packen der Finisher-Tüten und der Nachbereitung. Die 100.000 Euro sind deshalb nicht nur eine schöne Bilanz nach sechs Jahren. Sie zeigen, dass sich all diese Stunden und all diese Kilometer in etwas verwandeln lassen, das bei anderen Menschen ankommt. Und vielleicht sind sie gerade deshalb auch Ansporn für die nächsten 100.000. Eine Teilnehmerin hat für ihren nächsten Marsch allerdings noch etwas Zeit. Ruby bekam nach ihrer ungeplanten Premiere selbstverständlich alles, was sich für einen echten Finisher gehört: Medaille, Urkunde, Finisherbändchen und Finishertüte. Nur ein Ticket hatte sie immer noch nicht. Aber vielleicht kann man bei einer Hündin, die morgens ausbüxt und wenig später auf dem Feldberg steht, auch einmal ein Auge zudrücken. Frauchen trainiert schließlich noch.



