Trotz Zeitenwendegelebte Willkommenskultur

Das Kulturcafé Windrose: am Betrieb wird sich wohl einiges ändern.Foto: js

Der neue Vorstand des Vereins Windrose: Kassierer Wolfgang Dörnbach, der Vorsitzende Michael Behrent, Schriftführerin Astrid Rasch und die Neue, Petra Kemmerzell (v. l.). Foto: js

Oberursel (js). Am Ende ist der Hollywood-Film aus der Reihe Blockbuster mit Drama am Anfang dann doch gut ausgegangen. Happy End ist vielleicht ein bisschen übertrieben, aber Daumen hoch, es geht weiter, die wichtigen Projekte sind finanziell gesichert, zumindest bis zum Sommer 2026. Auch das Kulturcafé Windrose, Ankerpunkt im Gesamtkonzept des Trägervereins Kommunikationszentrum Altstadt mit der Stadt Oberursel, der Kirchengemeinde St. Ursula, dem KSfO und der Windrose, wird das „Oberurseler Wohnzimmer“ bleiben. Windrose-Vorsitzende Michael Behrent stellt sich bei der Mitgliederversammlung der Wiederwahl und wird auch einstimmig gewählt, im Kulturcafé läuft der Betrieb normal.

Die Windrose, von Beginn an im Jahr 1976 das Symbol des Vereins, leuchtet auf einem großen Bildschirm im Hintergrund, als Behrent seinen verspäteten Jahresbericht 2024 gibt. Es war der aktuellen Lage geschuldet, es stand zuletzt einiges auf dem Spiel, weshalb Behrent das Bild vom Hollywood-Drama bemühte, aber trotzdem die Überschrift „Gelebte Willkommenskultur trotz Zeitenwende“ wählte, als er die „Lieben Mitrosen“ begrüßte. Der Jahresbericht 2023 hatte die Überschrift „Die Unterstützung wächst“. Der Befund bezog sich auf die positive Resonanz auf die gefeierte Eröffnung des Kulturcafés im Jahr zuvor, auf die wachsende Zahl der Aktiven und die stabil erscheinenden finanziellen Förderungen für die vielen Projekte im Kontext einer insgesamt human orientierten Flüchtlings- und Migrationspolitik. Der Befund wachsender Unterstützung durch Oberurseler Bürger wird auch für 2024 und das aktuelle Jahr bestätigt.

Seit dem vergangenen Jahr aber erlebt der Verein den Beginn eines großen Umschwungs in der Politik. Von der Willkommenskultur zu einer Kultur der Abgrenzung und Abschiebung. Förderungen für vielfältige Projekte im sozialen und kulturellen Bereich werden gesenkt, der Verein Windrose muss Strukturen so verändern, dass er mit deutlich weniger Geld auskommt, die Projektarbeit aber trotzdem stabilisiert. „Wir als Verein erleben gerade eine große Veränderung“, so Michael Behrent im vollen Raum, rund 35 Mitglieder waren gekommen, auf 150 ehrenamtliche Helfer kann der Vorstand bauen. Und trotzdem, die Entwicklungen seit Sommer 2024 werfen existentielle Fragen auf.

Aufgeben aber will niemand, das Kulturcafé Windrose soll als Ort der Vielfalt erhalten werden, der Verein soll seine Mission konsequent verfolgen und in die Stadtgesellschaft tragen. Trotz der vom hessischen Sozialministerium nicht einmal beantworteten finanziellen Anträge vom Herbst 2024 im Rahmen des Programms „WIR“, eine offizielle Ablehnung ist bis heute nicht eingegangen. „Positiv dagegen die Zusammenarbeit mit der Stadt Oberursel“, so Behrent. Trotz deren Ringen mit finanziellen Defiziten wurde eine neue Zuschussvereinbarung getroffen. Der Förderbeitrag fällt deutlich geringer aus als in den Jahren zuvor, verschafft dem Verein aber eine finanzielle Grundsicherung und sichert die Arbeitsfähigkeit ab, etwa der Schülerhilfen. Die Stadt hat einen jährlichen Zuschuss von 36 000 Euro ab 2026 zugesagt, das gab Beifall für die anwesende Bürgermeisterin Antje Runge.

Im Rückblick meldete der Vorsitzende die positiven Erfolge im noch jungen Kulturcafé Windrose. Das neu gestartete Projekt „Unser KuCa“, um ehrenamtliche Aktive in den Betrieb des Kulturcafés einzubeziehen. Mit bezahlten Kräften wird das dauerhaft nicht möglich sein, dafür reicht das Geld nicht, auch das eine Folge der Zeitenwende. Hier müssen die Strukturen geändert werden. Neu ist die Initiative „Resteessen“, daraus ist die regelmäßige Veranstaltung „ÜBRIGens Lecker“ geworden, die ukrainische Initiative „Naschdim“ hat sich inzwischen als eigener Verein etabliert, die Ideenbörse Babbel-Café und das „Fahrrad Flickwerk“ entwickeln sich laut Behrent prächtig. Das „Oberurseler Wohnzimmer“ hat Strahlkraft über die Stadt hinaus, mit 250 Veranstaltungen im Jahreslauf und rund 40 000 Besuchern. Aber das Kulturcafé als reiner Gastro-Betrieb braucht ein neues Konzept. Darüber wird schon viel diskutiert, der Übergang zum neuen Betriebsmodell soll bis Sommer 2026 abgeschlossen sein. Und so vollzogen werden, dass er für die Gäste kaum spürbar sein wird. Die Lösung besteht in verstärkter Kooperation aller Akteure im Sinne konkreter Mitarbeit.

Bis dahin gilt das Motto „We (still) have a dream!“ bei den Windrosen. Im nächsten Jahr wird der Verein 50, am liebsten würde man daraus ein ganzes Festjahr machen mit einer Gala als Finale am Freitag, 12. Dezember. Ins Jubiläumsjahr geht der Verein weiter mit dem Vorsitzenden Michael Behrent. Ebenfalls einstimmig gewählt wurden die neue zweite Vorsitzende Petra Kemmerzell, Kassierer Wolfgang Dörnbach und Schriftführerin Astrid Rasch. Und mit der Hoffnung, neue Sponsoren zu gewinnen, durchaus auch ohne institutionellen Hintergrund. Wie das Unternehmen GIA Taunus, Gesellschaft für Integration und Arbeit. Dessen Geschäftsführer Thomas Fiehler verkündete eine Unterstützung von 18 000 Euro für das nächste Jahr.

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