Sie kommen, sie krabbeln, sie stinken – die Wanzen sind los!

Typisch für die Jahreszeit ...Foto: sis

Region (sis) – Sie sitzen auf Fensterbänken, lauern an Balkontüren, belagern Hausfassaden und schaffen es auf wundersame Weise sogar durch geschlossene Fenster. Kaum hat man eine nach draußen befördert, sitzt die Nächste schon wieder auf der Gardine. Und wehe, man kommt ihr zu nahe! Dann macht die kleine Krabblerin ihrem Namen alle Ehre. Stinkwanzen haben den Taunus offenbar zu ihrem bevorzugten Herbstquartier erklärt. Gefühlt sind es in diesem Jahr so viele wie selten zuvor. Doch woher kommen die ungebetenen Gäste plötzlich? Warum ausgerechnet jetzt? Und vor allem: Wie wird man sie wieder los, ohne dass einem dabei die Luft wegbleibt?

Wer in diesen Tagen genauer hinschaut, entdeckt sie nahezu überall. Mal sitzen sie regungslos an der Hauswand, mal marschieren sie mit erstaunlicher Zielstrebigkeit über den Fensterrahmen. Besonders auffällig ist die Marmorierte Baumwanze, wissenschaftlich Halyomorpha halys. Das bräunlich gemusterte, schildförmige Insekt stammt ursprünglich aus Ostasien und ist seit etwa 2011 in Deutschland nachgewiesen. Inzwischen hat es sich auch hierzulande häuslich eingerichtet. Nur dass es mit der Gastfreundschaft inzwischen etwas übertreibt.

Ein Sommer ganz nach Wanzengeschmack

Dass die Tiere gerade in diesem Herbst so auffällig sind, könnte auch mit dem Wetter zusammenhängen. Wärme beschleunigt bei vielen Wanzenarten die Entwicklung, und ein langer warmer Sommer bietet günstige Voraussetzungen für ihre Vermehrung. Hessen erlebte seit März sieben deutlich zu trockene Monate. Hinzu kamen ungewöhnlich warme Spätsommertage. Für wärmeliebende Arten wie die Marmorierte Baumwanze können solche Bedingungen durchaus vorteilhaft sein. In günstigen Jahren kann sie sogar zwei Generationen hervorbringen.

Ob es im Hochtaunuskreis tatsächlich mehr Tiere als in den Vorjahren gibt, ist bislang nicht durch belastbare Zahlen belegt. Der Eindruck einer regelrechten Wanzenplage lässt sich dennoch erklären. Denn sobald die Nächte kühler werden, beginnt für die kleinen Krabbler die große Suche nach einem geeigneten Winterquartier.

Warum es dabei ausgerechnet Hausfassaden und Wohnungen sein müssen, erklärt Jürgen Sommer. Der Oberurseler ist von der Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Schädlingsbekämpfung sowie Holz- und Bautenschutz. Er kennt die ungebetenen Gäste und ihre Gewohnheiten bestens.

Wohnung gesucht –möglichst warm und mietfrei

„Aus Sicht einer Wanze ist eine Hauswand nichts anderes als eine besonders große, warme Felswand mit vielen Ritzen“, erklärt Sommer. Besonders beliebt sind sonnenbeschienene Süd- und Westfassaden. Dort sammeln sich die Tiere an den letzten warmen Herbsttagen, bevor sie sich ein geschütztes Plätzchen für die kalte Jahreszeit suchen. Hat eine Wanze einen geeigneten Unterschlupf gefunden, können Lockstoffe weitere Artgenossen anziehen. So kommt es zu den auffälligen Ansammlungen an Gebäuden.

Und wer glaubt, mit geschlossenen Fenstern auf der sicheren Seite zu sein, unterschätzt die kleinen Eindringlinge gewaltig. Schon Spalten von zwei bis drei Millimetern reichen ihnen aus. Rollladenkästen, Fensterfalze, Lüftungsschlitze oder kleinste Öffnungen in der Fassade werden kurzerhand zum Eingang ins Winterquartier. Dort verfallen die Tiere bei niedrigen Temperaturen in eine Art Kältestarre. Wird es durch die Heizung wieder warm, erwachen einzelne Exemplare und verirren sich ins Wohnzimmer. Wer dann plötzlich eine Wanze an der Gardine oder unter der Deckenlampe entdeckt, muss allerdings keinen Befall befürchten.

Denn die Tiere richten im Haus keinen Schaden an. Sie fressen weder Lebensmittel noch Textilien oder Holz, legen dort keine Eier ab und vermehren sich auch nicht. Selbst ihr gefürchteter Gestank ist lediglich eine Verteidigungsstrategie. Fühlen sie sich bedroht, sondern sie ein unangenehm riechendes Sekret ab, um mögliche Angreifer abzuschrecken. Für Menschen ist das harmlos, für empfindliche Nasen allerdings eine echte Herausforderung. Während die Wanzen in Wohnungen vor allem lästig sind, sieht es im Obst- und Gemüsebau anders aus. Dort können insbesondere Marmorierte Baumwanzen durch das Anstechen von Früchten erhebliche Schäden verursachen.

Hausverbot für kleine Stinker

Doch wie wird man die hartnäckigen Herbstgäste wieder los? Wer jetzt zur Fliegenklatsche greift, könnte seine Entscheidung schnell bereuen. Denn ausgerechnet dann, wenn die Wanze ihr Leben bedroht sieht, setzt sie ihre berüchtigte Duftwaffe ein. Zerdrücken ist also keine gute Idee. Und auch von Insektensprays rät Sommer ausdrücklich ab. Sie erreichen die Tiere in ihren Verstecken meist nicht, belasten unnötig den Wohnraum und verhindern nicht, dass weitere Wanzen nachrücken.

Sein Tipp klingt zunächst überraschend: der Staubsauger! Allerdings mit einem kleinen Trick. Wer einen Nylonstrumpf oder eine Feinstrumpfhose über das Saugrohr zieht und mit einem Gummiband fixiert, kann die Tiere auffangen, ohne dass sie im Staubsauger landen. Anschließend lassen sie sich draußen wieder freilassen. Einzelne Exemplare können natürlich auch ganz klassisch mit einem Glas und einem Stück Papier eingefangen und vor die Tür gesetzt werden.

Wer dauerhaft weniger Besuch bekommen möchte, sollte möglichst schon den Zutritt erschweren. Fliegengitter, abgedichtete Rollladenkästen und verschlossene Fugen an Fenstern und Fassaden können helfen. Eine hundertprozentige Wanzensperre gibt es allerdings kaum. Und wer sich bereits auf einen wanzenfreien Winter freut, sollte wissen: Im Frühjahr beginnt das Schauspiel von vorn. Sobald die Temperaturen steigen, erwachen die Tiere aus ihrer Winterruhe und wollen wieder ins Freie. Dann sitzen sie plötzlich erneut am Fenster, diesmal allerdings auf der Suche nach dem Ausgang. Bis dahin bleibt vor allem eines: Gelassenheit. Die kleinen Herbstgäste sind lästig, aber für Menschen ungefährlich. Sie wollen weder unsere Vorräte plündern noch unsere Möbel anknabbern. Sie suchen lediglich einen geschützten Platz für den Winter. Dass sie dabei ausgerechnet unser Wohnzimmer im Auge haben, müssen wir allerdings nicht gutheißen.

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