Landwirte stehen vor großen Herausforderungen

Im Gespräch (v. l.): Oliver Lüdecke, Christian Allendörfer, Stefan Wagner, Erster Kreisbeigeordneter Thorsten Schorr, Dr. Sven Simon, Martin Trapp und Steffen Hildmann.Foto: HTK

Hochtaunus (how). Die Agrarpolitik Europas steuert weiter in Richtung Extensivierung, mit dem Krieg in der Ukraine steht jedoch die Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln für Teile der Welt auf dem Spiel. Dazwischen bewegen sich die Landwirte, die beidem gerecht werden müssen – und wollen. Auch bei der Vorgabe, ausreichend Lebensmittel bei nachhaltiger, ressourcenschonender Bewirtschaftung der Flächen zu produzieren, stehen die Landwirte vor großen Herausforderungen. Denn Biodiversität, Lebensmittelproduktion und Grundwasserschutz gehen oft nicht miteinander überein. Seit 2019 ist Professor Dr. Sven Simon Dozent an der Philipps-Universität Marburg, Abgeordneter im EU-Parlament und interessiert an den Herausforderungen seiner Landsleute in Bezug auf die europäische Politik. Das Amt für den ländlichen Raum des Hochtaunuskreises lud deshalb zum gemeinsamen Gespräch.

Hühnermobil, Mutterkuh- und Schweinehaltung, Direktvermarktung und Ackerbau lassen den Familienbetrieb Hildmann aus Oberhöchstadt ein breites Bild der regionalen Landwirtschaft zeigen. Zusammen mit dem Ersten Kreisbeigeordneten Thorsten Schorr, und Dr. Klaus Erdle, Leiter des Amts für den ländlichen Raum, beschrieben zehn Praktiker ihre täglichen Herausforderungen im Zwiegespräch mit Sven Simon. Mit ganz oben auf der Diskussionsliste stand der Umgang mit Wiesen und Weiden, dem sogenannten Grünland in der Region. Wo einerseits für die Verbesserung von Biodiversität und Klimawirkung der Erhalt und die Extensivierung des Grünlands ein probates Mittel darstellt, ist es für viele Betriebsleiter eher eine Zwickmühle: Um Wiesen und Weiden zu erhalten, braucht es Tiere, die diese als Futtergrundlage nutzen. Auf der anderen Seite steht in Deutschland die Haltung von Tieren, trotz hoher Standards und großer Nachfrage nach Milch und Fleisch in der Kritik.

Viele landwirtschaftliche Betriebe stellen daher die Tierhaltung ein. Aber wie sollen Wiesen und Weiden beim Wegfall der Tierhaltung noch gepflegt werden? Ähnlich verhält es sich bei dem stärker werdenden Druck dahingehend, das Grünland nicht mehr zu düngen und den Aufwuchs nur noch sehr spät zu mähen. Nämlich dann, wenn Gräser und Kräuter bereits verholzen und wie Stroh auf der Fläche stehen.

Als Futter ist dieses kaum mehr brauchbar – sowohl hinsichtlich seines Nährstoffgehalts als auch durch die Förderung giftiger Arten durch die genannten Einschränkungen. In beiden Fällen werden Gras und Kräuter von Wiesen und Weiden teuer entsorgt und enden als Müll anstatt als Futter. Diese Zusammenhänge zu verstehen, war ein Ziel des gemeinsamen Gesprächs mit Simon. Darüber hinaus ging es auch um die, im Zuge der neuen Gemeinsamen EU-Agrarpolitik geplanten vier Prozent stillgelegten Ackerflächen. Mit steigender, vor allem regionaler Nachfrage nach Lebensmitteln seitens der Verbraucher und dem Wegbrechen ukrainischer und russischer Ernten, braucht es eine nachhaltige und ausreichende Produktion auf den Flächen, um den Bedarf zu decken. Wie passt dies in die Idee der EU, einen maßgeblichen Teil wertvoller Ackerflächen sich selbst zu überlassen und nicht mehr zu nutzen? Simon kennt den Zielkonflikt zwischen Lebensmittelproduktion und Naturschutz und weiß das Thema im Agrarausschuss des EU-Parlaments bereits in Bearbeitung.

Beim Gang über die Baustelle eines kombinierten Mutterkuh- und Mastschweinestalls des Betriebs Hildmann wurden auch die Beschränkungen durch die Düngeverordnung wegen hoher Nitratgehalte im Grundwasser besprochen. Hier vermissen die Praktiker die Vergleichbarkeit mit anderen Mitgliedsstaaten der EU. Jeder Mitgliedssaat nutzt andere Methoden zur Erfassung der Nitratgehalte im Grundwasser, und die Zahl und Aufteilung dieser Brunnen auf der Landesfläche ist unterschiedlich. Eine klare Vorgabe dazu, wie und wo gemessen werden soll, ist von EU-Seite nicht gegeben.

Simon wies hierbei auf einen immer wieder aufkommenden Zielkonflikt in Brüssel hin: Einerseits bemängeln die Mitgliedsstaaten zu starre Vorgaben, sind andererseits keine Rahmen gesetzt, werden diese vermisst. So auch bei der Methodik der Nitratmessstellen. Die Auswahl derer lag zum Stichtag bei den Mitgliedsstaaten. Deutschland meldete die selbst ausgesuchten Daten – Landwirte tragen zu ihrem Leidwesen nun die Konsequenzen: im Vergleich zu anderen EU-Ländern geringere Düngemengen und folglich sinkende Erträge und schlechtere Qualitäten.

Im offenen Gespräch mit Simon als „Botschafter“ der EU im Hochtaunuskreis und den Praktikern am Ort zeigte sich, dass hier wie dort Zielkonflikte bestehen. Am Ende politischer Prozesse stehen stets hart erarbeitete Kompromisse.

Die Landwirtschaft hat einerseits die Aufgabe, die Bevölkerung mit Lebensmitteln und agrarischen Rohstoffen zu versorgen, gleichzeitig liegt ihr Anteil an der Bevölkerung Deutschlands lediglich bei etwa 1,4 Prozent. Das Verhältnis zwischen Verantwortung für und Repräsentation in der Bevölkerung ist mehr als ungleich.



X