Steinbach (csc). Nach knapp zwei Jahren verlässt Pfarrerin Tanja Sacher die St.-Georgs-Gemeinde. Mit der Steinbacher Woche spricht sie über ihre neue Aufgabe, wie sie mit bleibenden Fragen umgeht und warum sie Croissants am Dienstagmorgen lieben gelernt hat.
Was hat Sie bewogen Pfarrerin zu werden? Gab es da so etwas wie ein Schlüsselerlebnis, oder ist der Wunsch, diesen Beruf zu ergreifen, ganz langsam entstanden?
Tanja Sacher: Naja, ich hatte zunächst einmal evangelische Theologie studiert. Nicht unbedingt mit dem Ziel, Pfarrerin zu werden, sondern mit der Motivation, zu lernen, mit Kontingenz besser umgehen zu können und einen Raum zu bekommen, in dem Sinn gedeutet werden kann und auch das nötige theologische „Handwerkszeug“ beigebracht zu bekommen, um das auch hinzukriegen. Kennen Sie das Gedicht „Als das Kind Kind war“ von Peter Handke aus Wim Wenders’ Film „Der Himmel über Berlin“? Im Grunde haben mich die Fragen dieses Kindes ins Theologiestudium getrieben. Ich wollte handfeste Antworten. Über mich und über Gott und die Welt und die Zeit. Antworten hab ich, um ehrlich zu sein, nicht so viele bekommen. Handfeste schon gar nicht. Vielmehr kamen unendlich viele neue Fragen dazu. Ich habe aber gelernt, mit diesen bleibenden Fragen differenziert und sinnvoll umzugehen. Dafür spielt der Glaube für mich eine tragende Rolle. Und dann dachte ich, es wäre doch einen Versuch wert, mich als Begleiterin anderen Menschen zur Verfügung zu stellen als eine Art „Hebamme“ bei deren Sinndeutung und Kontingenzbearbeitung. So führte mich der Weg schließlich ins Vikariat, also in die praktische Ausbildungsphase nach dem Studium. Und da fand ich dann heraus, dass mir der Pfarrberuf großen Spaß macht und mich erfüllt und ich in ihm Menschen stützen, stärken und orientieren kann und selbst auch immer mehr dazulerne. Und die Kirche fand das offenbar auch gut, wie ich das machte, und so berief sie mich in den Pfarrdienst.
Sie haben seit Juni 2021 eine halbe Pfarrstelle in Steinbach. Was zeichnet die St.-Georgs-Gemeinde Ihrer Ansicht nach aus?
Sacher: Haben Sie schon mal unsere Homepage gesehen? So ist diese Gemeinde auch: bunt. Und herzlich. Manchmal etwas wild. Auf jeden Fall kreativ, heiter und lustig. Und zugleich mit theologischer Tiefe und Verantwortung füreinander und für andere. Die St.-Georgs-Gemeinde ist keine Vereinskirche, sondern eine Gemeinde für alle. Das liebe ich sehr an ihr.
Was werden Sie hier vermissen?
Sacher: Die wunderbaren Menschen, mit denen ich hier auf dem Weg sein durfte. Meinen Kollegen Herbert Lüdtke werde ich wahrscheinlich besonders vermissen. So unterschiedlich wie wir beide sind, so hervorragend haben wir uns ergänzt, das war wirklich schön. Für uns und für die Gemeinde.
Gibt es besondere Erlebnisse oder Projekte, an die Sie gern zurückdenken werden?
Sacher: An die Dienstbesprechungen jeden Dienstagmorgen denke ich gerne zurück. Alles Wichtige und Dringende wurde da bei Kaffee und Croissants besprochen. Es hatten aber auch theologische und ekklesiologische Diskussionen Platz – das war echt cool! An so manche Kirchenvorstandssitzung denke ich besonders gerne zurück – vor allem an die, in denen wir als geistliche Leitung der Gemeinde inhaltlich intensiv gearbeitet haben. An Seelsorge-Spaziergänge mit Gemeindegliedern erinnere mich gerne. Und an Erlebnisse mit den Konfis, in denen man merkte, dass alle im gemeinsamen Flow sind – das hat immer sowas Magisches. Und natürlich denke ich auch an besondere Veranstaltungen und Gottesdienste zurück. Im Wald und im Bürgerhaus und auf dem Fohlenhof. In diesem Jahr hatte mich eine Sache besonders berührt. Das war am Ende des Karfreitagsgottesdienstes. Der Gottesdienst hatte eine ganz große Schwere und Traurigkeit, und am Ende sagte ich „Ihr Lieben, morgen um 23 Uhr feiern wir die Osternacht. Ich weiß selbst noch nicht, wie das gehen soll, aus diesem Dunkel und der Schwere zur Auferstehungshoffnung zu kommen“. Und das war auch ganz ehrlich so gemeint und so ging es auch den Gottesdienstteilnehmern. „Aber lasst uns das zusammen versuchen“, sagte ich dann. „Ihr helft mir, und ich helfe euch.“ Und dann kamen tatsächlich auch viel mehr Menschen als im Jahr zuvor. Und es wurde eine Osternacht, die tief unter die Haut ging und in der Trost und Hoffnung so spürbar wurde, wie ich das noch nie erlebt habe.
Sie werden, wie ich finde, eine ganz besondere Stelle annehmen. Sie werden Pfarrerin im Kirchlichen Flüchtlingsdienst am Frankfurter Flughafen. Was genau gehört dort zu Ihren Aufgaben?
Sacher: Das stimmt nicht ganz. Fast zeitgleich zum Dienstantritt in Steinbach (das ist ja eine halbe Stelle) trat ich 2021 auch meine andere halbe im Kirchlichen Flüchtlingsdienst am Flughafen an. Der Frankfurter Flughafen als „worlds best connected airport“ ist Deutschlands größte europäische Außengrenze. Sie verfolgen vermutlich die aktuellen Diskussionen zum sogenannten „Asylkompromiss“ auf EU-Ebene. Diese Idee der verkürzten Asylverfahren an der Grenze, die unter haftähnlichen Bedingungen für die Menschen ablaufen sollen, die wird ja in Deutschland seit 30 Jahren umgesetzt – und zwar bei uns am Flughafen. Und in dieser Einrichtung sind wir als Kirche für die Menschen da. Was wir da tun ist das, was Bonhoeffer mit „Kirche für andere“ meinte, denke ich. Ich bin dort also seit über zwei Jahren Pfarrerin und begleite und unterstütze die Asylsuchenden – die Frauen und Männer und Kinder, die mit guten Chancen auf Asyl wie auch die Abgelehnten und Ausreisepflichtigen, die Traumatisierten und die Suizidgefährdeten. Menschen aus Syrien und Iran und Afghanistan, Folter- und Vergewaltigungsopfer aus Simbabwe, dem Kongo, dem Irak, von den Komoren, Homosexuelle aus Saudi-Arabien und Christen aus Nigeria, Tamilen aus Sri Lanka und Uiguren aus China. Eigentlich sind Menschen aus allen Ecken der Welt da. Und jedes Schicksal ist anders. Und ich stehe ihnen als Seelsorgerin zur Seite. Das mache ich auch weiterhin.
Und ihre neue Stelle, um was geht es da?
Sacher: Die neue Stelle, auf die ich nun berufen worden bin, trägt den Titel „Seelsorge für die Menschen aus der Ukraine“. Die Gesamtkirche hat mich also gefragt, ob ich meine Kompetenzen in der Seelsorge und meine russischen Sprachkenntnisse für eine Zeit statt in einer Kirchengemeinde verstärkt in der (nicht an einen Ort gebundenen) Seelsorge für Ukrainer einbringen könnte. Da hab ich natürlich Ja gesagt. Seit dem Ausbruch des russischen Angriffskriegs bin ich ja natürlich auch im Kontakt mit vielen Menschen aus der Ukraine – manche habe ich punktuell begleitet und unterstützt, andere auch über längeren Zeitraum. Aber so richtig viele Kapazitäten hatte ich dafür nicht. Das ändert sich jetzt.
So traurig es auch ist, die St.-Georgs-Gemeinde zu verlassen, so sinnvoll und richtig ist es auch, mich jetzt dort einzubringen, wo es aktuell besonders sinnvoll und hilfreich ist.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft der St.-Georgs-Gemeinde?
Sacher: Ich bleibe ja Gemeindemitglied in der St.-Georgs-Gemeinde. Uns so wünsche ich uns weiterhin entspannte Zuversicht und herzliche Freude und trotzigen Mut und bald eine neue Pfarrperson auf meiner bisherigen Stelle.
Am kommenden Sonntag, 24. September, wird Tanja Sacher in einem Gottesdienst im evangelischen Gemeindehaus feierlich verabschiedet. Er wird von Dekan Michael Tönges-Braungart gehalten und beginnt um 11 Uhr.
Pfarrerin Tanja Sacher verlässt die St.-Georgs-Gemeinde. Foto: csc
