Bad Homburg (a.ber). „Zur Erneuerung der Kirche ist ein explizit geistliches Programm notwendig, das nicht auf Mitglieder-Gewinnung und Bauten zielt. Was will Gott und was macht Gott gerade mit uns: diese Frage ist entscheidend. Und dann: Ideen mit Pfiff, die mit wenig Geld umsetzbar sind.“ So Oliver Albrecht, evangelischer Propst für Rhein-Main der hessen-nassauischen Kirche (EKHN).
Der Pfarrer und Theologe sprang beherzt in die Lücke, die durch krankheitsbedingte kurzfristige Absage des Hölderlin-Preisträgers Dr. Christian Lehnert, bei der großen Dialog-Veranstaltung in der Erlöserkirche, entstanden war. Die neue „Evangelische Kirchengemeinde Bad Homburg“ hatte eingeladen zu „2026: 500 Jahre Reformation in Hessen und 500 Jahre Evangelisch in Bad Homburg – Texte, Gespräch & Musik“. Nun trug Albrecht ohne seinen Gesprächspartner Gedanken, Thesen und Kritik zur laufenden Strukturreform der Kirche vor. Sein Credo: „Freies Denken erlaubt – Out of the Box!“
Christian Lehnert, evangelischer Theologe und freier Schriftsteller, den die Stadt Bad Homburg für diese zweite Veranstaltung zum Festjahr „500 Jahre Evangelisch in Bad Homburg“ in Kooperation mit der Kirche hatte gewinnen können, er hätte sicher Wesentliches zum Thema Reformation zu sagen gehabt. Propst Oliver Albrecht (63) sprach zur Frage, wie und wohin sich die evangelische Kirche in der Gegenwart bewegt und bewegen müsse. Albrecht forderte die Zuhörer in der Erlöserkirche heraus. Letztlich müssten wir die Gedanken von „Kirche ohne Geld“, „Verlust vertrauter Formen von Kirche“ und von Mitgliederschwund zulassen, so Albrecht. Er ermahnte jedoch die hauptamtlich und ehrenamtlich Verantwortlichen auf Verwaltungs- und Entscheidungsebenen der EKHN, die „geistliche Eigenverantwortung der Menschen“ zu stärken. Doch stattdessen würde die „Mitgliederentwicklung als Mutter aller Probleme identifiziert“ und mit schön entworfenen „Logos“ für Kirche geworben. Albrecht, der seit 2015 Propst ist und jetzt von der Führungsebene der Kirche auf eigenen Wunsch wieder ins Pfarramt einer Kirchengemeinde wechselt, sagte: „Kürzungen müssen sich auf alle Felder kirchlichen Handelns erstrecken. Die Verwaltung muss sich fragen: Wo erschweren Kürzungen die Arbeit an der Basis? Stattdessen verfeinert die kirchliche Verwaltung derzeit lediglich die Antworten auf Fragen, die seit 30 Jahren kein Mensch mehr stellt. Wo haben wir den Kontakt zu Mitgliedern verloren – wo haben sich Blasen verselbständigt?“
Der Journalist Heribert Prantl schrieb jüngst in der „Süddeutschen Zeitung“: „Die Reformvorhaben in der evangelischen und katholischen Kirche setzten vor geraumer Zeit beim Mangel an … Vielleicht war, vielleicht ist das der graduelle Unterschied zwischen Reform und Reformation: Reform setzt beim Mangel an und bei der Angst. Reformation hat ihren Anfang in der Gewissheit und in der Leidenschaft.“ Mit Leidenschaft stellte Oliver Albrecht die biblische Josephs-Geschichte mit „sieben fetten und sieben mageren Jahren“ vor Augen: Die fetten Jahre seien fast vorbei – nun gehe es aber nicht um Verteilungskämpfe, sondern um gute Haushalterschaft. Nüchtern und fair müsse über Immobilien und Besitzstände der Kirche entschieden werden; diese Phase des Prozesses sei eine „Zeit der Gerechtigkeit“. Die zweite Phase sei eine „der Schmerzen“. Albrecht schilderte Gedanken von Gemeindegliedern: „Das Gemeindezentrum wird abgerissen, in dem ich konfirmiert wurde; und nun soll ich im bescheuerten Gemeindebus in eine Nachbarschafts-Kirche fahren?“ In dieser „Schmerz-Schleife“ seien wir gerade steckengeblieben: „Meine mir ans Herz gewachsene Kirchengemeinde bekommt eine biblische Dimension.“ Albrecht sprach hier von „Kultur des Abschieds und der Würdigung.“ Nun stünden die „sieben mageren Jahre“ bevor. „Doch wir dürfen nicht auf die absteigende Linie schauen wie das Kaninchen auf die Schlange.“ Humor sei angesagt. „Es wäre Sünde, nicht mit Hoffnung auf die Kirche zu schauen, denn Gott setzt auf uns“, so der Referent. „Es ist nicht Aufgabe unserer Generation, jetzt alles abzuwickeln, sondern Saatgut bereit zu halten und auch den Jüngeren zu vertrauen, dass sie es in die Erde bringen und Frucht ernten.“
Oliver Albrecht nannte drei Impulse: „Wanderprediger, Hausgemeinden und Klöster“. Wie wenig man laut Bibel mitnehmen dürfe, wenn man von Jesus ausgesendet werde? Die Bergpredigt und das Vertrauen „Klopft an, so wird euch aufgetan.“ Eine im Glauben gegründete Lebensform, die glaubwürdig sei. „In Demut frage ich: Fehlen uns in der Kirche heute Menschen, für die die Bergpredigt Kraftquelle ist? Die Kirche nicht nur in Gebäuden, sondern an ungewöhnlichen Orten leben, singen und beten auf den Straßen, an der Autobahnraststätte?“ Er erinnerte an die christlichen Ur-Gemeinden, die sich in Häusern trafen. Bibel teilen, miteinander essen, sprechen: von hier aus könne auch heute wieder Gottesdienst im Alltag erfahrbar werden. Das sei in Coronazeiten erfahrbar gewesen. Martin Luthers Schriften würden „zu eigener Frömmigkeit befähigen“. Mit Ideen von „Kloster auf Zeit“, gerade für Menschen zwischen 20 und 30 Jahren als Labor für die Suche nach Antworten auf Lebensfragen, von „aufsuchender, konfrontativer Seelsorge“ und Segnung mitten im Alltag der Menschen antwortete Albrecht auf Fragen von Erlöserkirchen-Pfarrer Andreas Hannemann, wie die Eigenverantwortung der Christen gestärkt werden könne. „Wir haben noch Power, mit dem, was an Ressourcen da ist, Neues anzufangen“, so Albrecht.
Der Bachchor der Erlöserkirche mit Kantorin Susanne Rohn brachte in Musik von Johann Eccard (1553-1611) und Rolf Schweizer (1936-2016) aufs Schönste die Hoffnung auf Gottes Handeln an den Menschen zu Gehör. Doch wo blieb das Streitbare der vor 500 Jahren von Luther angestoßenen Reformation? Über die Frage „Was ist eigentlich Gemeinde?“ – biblisch gesehen, theologisch und menschlich – täte eine offene Auseinandersetzung not. Der Austausch über Gehörtes wurde ins Foyer ausgelagert. Immerhin: Propst Albrecht lieh Fragenden und Enttäuschten dort ein Ohr. Aber in Zeiten, die Traditionen und Glaubens-Gewissheiten von Gemeinden vor Ort auf die Probe stellen, reicht gute Seelsorge beim Abschied von Vertrautem allein nicht aus. Es muss auch Raum für ehrlichen Streit geben.
Mit Hoffnung, guter Haushalterschaft und pfiffigen Ideen auf die evangelische Kirche schauen, „denn Gott setzt auf uns“, so der Propst für Rhein-Main der EKHN, Oliver Albrecht.Fotos: a.ber

