Bad Homburg (a.ber). Es gibt Szenarien, die uns innehalten lassen. Bilder, in denen sich etwas offenbart, das scheinbar besonders gut oder eben gar nicht zusammenpasst. Wie die Darstellung militärischer Ehren mit bronzener Standarte, Eichenlaub und Wappenschild und der Herrscher des hessen-homburgischen Landgrafenhauses auf dem Landgrafendenkmal am Ende der Brunnenallee im Kurpark und dem direkt daneben auch dieses Frühjahr wieder rosa aufblühenden fünfstämmigen Baum.
Grazile, hauchzarte Schönheit und in steinernen Granit gemeißelter Stolz. Aufblühen der Natur und Niedergang menschlicher Herrscher. Das beim Elisabethenbrunnen stehende Denkmal umgeben Parkbänke. Sie laden zum Verweilen ein: einmal in Ruhe nachdenken über einen Ort in der Heimatstadt Bad Homburg und das, was er mir zumutet und was an ihm an Erkenntnis wachsen kann.
Im Jahr 1906 gab Kaiser Wilhelm II. dem Bildhauer Fritz Gerth den Auftrag, in Erinnerung an das Landgrafenhaus Hessen-Homburg das zwölf Meter hohe Denkmal zu schaffen. Standort und Aussehen des Werks bestimmte der Kaiser selbst: Er wollte deutlich machen, dass die Landgrafen die Bedeutung der Mineralquellen erkannt und die Entwicklung des Kurbads initiiert hatten. Auf der Vorderseite ist der erste bedeutende Herrscher Landgraf Friedrich II. (1633-1708) zu sehen, auf der Rückseite Ferdinand, der letzte Landgraf, mit dessen Tod 1866 das Landgrafengeschlecht in männlicher Linie erlosch. In Stein und Bronze ist von Helden und Unvergänglichkeit der Nation auf der einen Seite die Rede, von Vergänglichkeit und Verlassenheit auf der anderen Seite. An siegreiche Kriegstaten und Orte des Heldentods wird über dem Bronzeguss Landgraf Ferdinands erinnert – und an den Sieg des menschlichen Herzens über gnadenlose Unbarmherzigkeit unter dem Bildnis von Friedrich II., der vertriebenen Waldenserflüchtlingen 1699 in Dornholzhausen eine neue Heimat gab. „Homburg vergiss nicht das echt deutsche Heldengeschlecht deiner Fuersten“ ließ Wilhelm II., letzter deutscher Kaiser, auf eine Tafel schreiben.
Auf der Bank sitzen und zurückblicken: Wir Menschen haben das Bedürfnis, unserem bereits gelebten Leben einen Sinn geben zu wollen – bis dahin, dass wir die Vergangenheit unserer Familie und unseres Volks in einen sinnvollen Zusammenhang stellen, in dem Gutes und Schlechtes seinen irgendwie erträglichen Platz hat. Das ist überlebenswichtig. Beim Blick auf das Landgrafendenkmal kann man dem Satz des berühmten Arztes und Psychologen Viktor E. Frankl nachspüren: „Wenn das Leben einen Sinn hat, dann muss auch das Leiden einen Sinn haben.“ Verlust von Heimat, Krieg, Todesangst und Krankheit, erlebte Bosheit und Enttäuschung: Wir brauchen Quellen, die unserem Leben Sinn spenden können – zum Beispiel das tätige Handeln, Zuwendung zu anderen Menschen und das bewusste Erleben schöner Eindrücke in Natur und Kunst. War das ein Antrieb für Kaiser Wilhelm II., dieses Denkmal zu errichten?
Gerade in den ersten Maitagen blüht neben dem Landgrafendenkmal im Kurpark ein Baum auf: der „gewöhnliche Judasbaum“ (ceris siliquastrum). Die Schönheit eines Baumes als Quelle für Lebenssinn. Doch dieser mehrstämmige Baum, der in den vergangenen Jahren viel Moos und Flechten angesetzt hat und dessen dunkelrosa Blütenstände den Laubaustrieb der herz- und nierenförmigen Blätter beim Wachsen fast überholen, steht für so viel mehr als reine Schönheit. Sein Holz ist sehr hart. Der Kurparkgärtner sagte mir mal, Früchte, Samen und Blätter seien leicht giftig – aber die Blütenknospen könnten als Gewürz verwendet oder süß-sauer eingelegt gegessen werden.
Im Jahr 1597 wurde die aus Südeuropa und Vorderasien stammende Pflanze erstmals in Herbarien nachgewiesen. Der schwedische Naturforscher Carl von Lennè (1707-1778), verwandt mit dem Schöpfer des Kurparks, Peter Joseph Lenné, hat den Judasbaum 1753 erstmals erforscht. Dessen Name entstammt einer Legende aus dem Mittelmeerraum, nach der sich Judas Ischariot, der Jesus verriet (Matthäus 27, 3-5), an einem solchen Baum erhängt haben soll: Der Baum sei hierauf vor Scham rot angelaufen, heißt es darin. Verrat an einem Menschen: ein hartes Faktum, so hart wie das Holz des Judasbaums.
Unser Leben läuft nicht nur glatt und gut. Doch Carl von Lenné überlieferte einen weiteren, im Mittelalter gebräuchlichen Namen für den Judasbaum: „Liebesbaum“. Was da aufblüht neben der in Stein gemeißelten, beschädigten Geschichte von Menschen, ist Sinnbild für die tiefgründigste Quelle sinnvollen Lebens: Liebe. Man kann einen schönen Maitag nutzen, um diesen Zusammenhängen mit Blick auf das Landgrafendenkmal und den Judasbaum nachzuspüren.
