Brüllende Löwen und ungezähmte deutsche Grammatik

Zusammen mit den Schwestern Anna und Ines Walachowski am Flügel präsentiert Rufus Beck im Kurtheater den „Karneval der Tiere“Foto: jas

Bad Homburg (jas). Mit „Three Preludes“ von George Gershwin wurde das Publikum am Freitagabend im Kurtheater empfangen und auf einen närrischen Abend der ganz besonderen Art eingestimmt. Zu Gast in der Kurstadt waren der bekannte Schauspieler Rufus Beck sowie die Schwestern Anna und Ines Walachowski, eines der führenden Klavierduos der Gegenwart. Mitgebracht hatte das Trio den „Karneval der Tiere“ von Camille Saint-Saëns, eine zoologische Fantasie, die der Komponist anfangs nicht zur Veröffentlichung freigegeben hatte. Der Grund: In mehreren der 14 kleinen Stücke, die das 1886 komponierte Werk umfasst, hatte er Berufskollegen wie Jacques Offenbach und Hector Berlioz zitiert und veralbert.

Am liebsten hätte Camille Saint-Saëns selbst das tierische Treiben, dass das Duo Walachowski gekonnt aufleben ließ, moderiert. Doch da er bereits vor über 100 Jahren gestorben war, meldete er sich per Brief aus dem Himmel zu Wort, kommentierte die Stücke und gab manch humorvolle Anekdote zum Besten. Stimme gab Rufus Beck dem Komponisten, den poetisch-humorvollen Text zum „Karneval der Tiere“ hatte der italienische Autor Alessandro Baricco verfasst.

Den Auftakt im tierischen Reigen machte der stolz aufmarschierende Löwe. „Wenn man nicht weiß, wie man beginnen soll, dann immer mit einem Marsch. Die Deutschen lieben ja Märsche!“, las Beck die angeblichen Worte von Saint-Saëns. Und nachdem der Schauspieler hinter dem Vorhang verschwunden war, erweckten die beiden Pianistinnen den König der Tiere zum Leben und ließen ihn durch schnelle auf- und abwärts führende Läufe brüllen. Bevor an zweiter Stelle hektisch pickende und scharrende Hühner samt Hahn zu hören waren, gab Beck eine kurze musikalische Einlage und sang passend dazu „Ich wollt’ ich wär’ ein Huhn“. Kurz und temporeich präsentierten sich anschließend die Maulesel, ganz im Gegensatz dazu ließ Saint-Saëns es bei den Schildkröten eher ruhig angehen. Sie tanzten einen Can-Can von Jacques Offenbach, allerdings in Zeitlupe.

Es folgten mächtige Elefanten, hüpfende Kängurus, im Aquarium blubbernde Fische, Persönlichkeiten mit langen Ohren (Hausesel), der Kuckuck in der Tiefe des Waldes, Vögel, Pianisten, Fossilien und der Schwan. „Wenn eine Person neben Ihnen sitzt, die Sie schon immer küssen wollten, ist das jetzt der richtige Zeitpunkt dafür“, las Rufus Beck. Zum Schluss versammelten sich alle Tiere zu einem virtuosen Potpourri-Finale, mit dem das Werk ausklang. Und Saint-Saëns schickte eine SMS zur Erde, die eine ellenlange Liste an Bestellungen für ein noch besseres himmlisches Leben enthielt.

Der „Karneval der Tiere“ war beendet, die drei Hauptakteure verbeugten sich, das Licht ging an, und die Zuschauer rätselten: War der musikalische Abend mit Rufus Beck bereits beendet? Um kurz vor neun Uhr? Oder würde es weitergehen? Da im Foyer Brezeln und Sekt angeboten wurden, lag nahe: Es wird weitergehen. Ob nach der Pause einige Plätze leer blieben, weil der erste Teil nicht gefallen hatte, oder ob die Zuschauer in der Annahme gegangen waren, die Vorstellung sei vorbei, blieb offen.

Seine Fortsetzung fand der Abend an der Westküste der USA. Nicht nur geografisch weit von Frankreich entfernt, sondern auch musikalisch weit vom „Karneval der Tiere“. Die Pianistinnen spielten Songs aus dem Musical „West Side Story“ von Leonard Bernstein, darunter „America“. Rufus Beck hingegen brachte das Publikum mit dem kurzen humoristischen Essay „Die schreckliche deutsche Sprache“ von Mark Twain zum Nachdenken und Lachen.

Mit gespaltenen Verben, vielen unverständlichen Personalpronomen und jeder Menge Parenthesen ging der musikalische Abend zu Ende, der mit Karneval feiernden Tieren begonnen hatte.

195.2375 mm



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