Alle Jahre wieder – Mendelssohn-Stadtführung mit Richard Sippl

Der Kulturamtsleiter Richard Sippl als Stadtführer in seinem Element Fotos: Uber

Bad Soden
(tub) – Richard Sippl gehört zum Stadtbild wie die Mendelssohn-Tage, die in diesem Jahr bereits zum siebzehnten Mal stattfinden.
In historischem Gehrock und gestreifter Weste, auf dem Kopf der obligate Zylinderhut und in der Hand ein stilgerechter Gehstock mit Handknauf: Schon mit seiner Erscheinung stimmt Richard Sippl auf vergangene Zeiten ein, da Sodens „Bad“ das herausragende Merkmal des Kurstädtchens war, das heutzutage auch ohne Bäderkuren allemal seinen festen Platz im Frankfurter Speckgürtel behauptet.

Der Rundgang beginnt vor dem Badehaus im Alten Kurpark, der mit seinen mächtigen, solitär stehenden Bäumen eintauchen lässt in Zeiten, als die Uhren langsamer gingen und das Leben nach den Rhythmen eines Fußgängers oder bestenfalls von Postkutschen getaktet war und nicht durch „Mobilität“ beschleunigt.

Dabei waren schon im 19. Jahrhundert Gäste aus der weiten europäischen Welt Sodens Ruf als Gesundbrunnen gefolgt, um die wundersame Wirkung seiner Heilwässer zu nutzen oder gar hier einen letzten Versuch zu unternehmen, unheilbar Kranke doch noch ins Leben zurückzuholen.

So auch Felix Mendelssohn Bartholdy. Das musikalische Genie, dem selber nur ein kurzes Leben beschieden war, weilte 1844 und 1845 immer wieder für Wochen in Bad Soden, nicht zuletzt auf der verzweifelten Suche nach Heilung für seinen kaum einjährigen Sohn, dessen viele Gebrechen Kurarzt Otto Thilenius immerhin deutlich lindern konnte, bevor das arme Wesen nach seinem kurzen Leben 1851 verscheiden musste. Vier Jahre nach dem Vater, dem selber nur 38 Jahre vergönnt waren.

Auch Mendelssohns Frau Cécile, die er über den Frankfurter Cäcilien-Chor kennengelernt hatte, begab sich nur zu gerne in die Behandlung durch Kurarzt Thelenius. Mutter von fünf Kindern, war auch sie nicht mit robuster Gesundheit gesegnet und folgte ihrem Mann nur sechs Jahre später in den Tod.

Doch weiß Richard Sippl auch von glücklichen und glanzvollen Tagen im Leben von Felix Mendelssohn Bartholdy zu berichten. Als Kind aus wohlhabenden jüdisch-bürgerlichen Verhältnissen, versetzte er seine Mitmenschen schon in frühen Jahren in Erstaunen über seine vielfältigen Talente und Leidenschaften.

Vorrangig für die Musik – schon mit neun Jahren begann der kleine Felix zu komponieren. Aber er war auch ein fleißiger Briefschreiber, erzählt Sippl auch hier mit Bewunderung in der Stimme: Keine 39 Jahre alt geworden, hat er doch sechs- bis siebentausend Briefe geschrieben, also etwa 250 im Jahr, rechnet Sippl seinen Zuhörern vor. Fleißiger Komponist von 700 Werken – und ein begnadeter, leidenschaftlicher Zeichner! Die Originale, weiß Sippl zu berichten, werden im englischen Oxford aufbewahrt. England sah ihn oft, zehn Konzertreisen hat er dorthin unternommen, erfolgreiche Tourneen, die den Ruf des Genies auch auf der britischen Insel begründeten. Aber das Reisen hat Mendelssohn auch angestrengt. Zu sehr angestrengt. Drei Schlaganfälle leiteten sein Ende ein, und schon deutlich geschwächt hatte er Konzertreisen absagen müssen, auch die Einladung zu einem großen Musikfest jenseits des Atlantiks in New York.

Da war ihm das beschauliche Leben in Bad Soden um Welten lieber und bekömmlicher. Sippl liest aus einem Brief Mendelssohns vor: „Nach meinem tollen, allertollsten Leben in England (…), nachdem ich keine Nacht vor halb zwei zu Bett gekommen war, drei Wochen voraus keine freie Stunde an keinem Tage hatte, nachdem ich in den zwei Monaten mehr hatte Musik machen müssen, als im ganzen übrigen vergangenen Jahr – da tut das Sodener Leben, Essen und Schlafen ohne Frack, ohne Klavier, ohne Visitenkarten, ohne Wagen und Pferde, aber auf Eseln, mit Feldblumen, mit Notenpapier und Zeichenbuch, mit Cécile und den Kindern, doppelt wohl.“

Unser Stadtführer schaut auf, sichtlich bewegt, auch wenn er diese Zeilen nicht zum ersten Mal vorträgt – und die emotionale Qualität seiner Sodener Rundreise, zu der er die Gäste gerne mitnimmt, wird spürbar. Hier trägt einer nicht etwa Angelerntes routiniert und mit professionell innerer Distanz vor, sondern er lebt und spürt mit den Menschen mit, an deren Schicksal er seine Zuhörer teilhaben lässt. Gar nicht weit von diesem Haltepunkt im Kurpark, aber von dort nicht sichtbar, steht das Haus Nassovia, in dem die Familie Mendelssohn wohnte. Und sogar in Blickweite in Richtung Königsteiner Straße lässt sich hinter den gelichteten Baumkronen das „Graue Haus“ erkennen, wo die russischen Dichter Lew Nikolajewitsch Tolstoi und Iwan Sergejewitsch Turgenew im Jahr 1860 ihr Domizil bezogen hatten, zehn Jahre später dann der russische Komponist Pjotr Iljitsch Tschaikowski. Weiter führt Sippl seine Gäste über den oberen Rand des Kurparks zur unregelmäßig aufschießenden Schwefelquelle, die zu den vier Heilwässern Sodens gehört. Das Sodener Wasser mit seinen 20 mineralischen Inhaltsstoffen ist sehr salzhaltig, führt Sippl aus. Aus einer Tiefe von 365 Metern wird es durch Gase des ehemaligen Vogelsberg-Vulkans an die Oberfläche gedrückt. Heute unverändert ein eindrucksvolles Naturspektakel, aber inzwischen ohne Bedeutung für den Kurbetrieb, der 2001 eingestellt wurde, wie Sippl nicht ohne Bedauern anfügt.

Er selber, ursprünglich aus dem Salzkammergut stammend, ist in Bad Soden in einer Weise heimisch geworden, wie ein Mensch nur Heimat finden kann. Das wird an seiner bewegenden Führung durch die Stätten und Geschichten dieser Kurstadt spürbar. Wobei Zufälle ihre Rolle gespielt haben. Ursprünglich hatte er eine Lehre als Automechaniker bei Opel absolviert und war dann 1967 über Aushilfsjobs an der Schwimmbadkasse und im Einwohnermeldeamt dazu gekommen, für die Stadtverwaltung zu arbeiten.

Schnell wurden seine Talente erkannt, man bot ihm an, eine Verwaltungsausbildung einschließlich Verwaltungshochschule zu absolvieren. So war der weitere Weg bis zum Dezernenten für Kinder, Jugendliche, Soziales und Kultur vorgezeichnet. Und seitdem er Mitte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts Kulturamtsleiter geworden war, hat er auch die Aufgabe übernommen, Besuchergruppen aus den Partnerstädten durch das Kurleben Bad Sodens und seine Geschichte zu führen. Der Pfad zu den Stadtführungen fürs allgemeine Publikum war gelegt.

Im Hintergrund das „Graue Haus“

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