Bad Soden (Sc) – Am Mittwochabend vergangener Woche war Bestsellerautor Kai Meyer im Kulturzentrum Badehaus mit einer Lesung aus seinem aktuellen Roman „Das Antiquariat am alten Friedhof“ zu Gast. Der Roman ist der vierte Teil einer Reihe von Kriminalromanen, die alle im ehemaligen „Graphischen Viertel“ in Leipzig angesiedelt sind. Zwar haben die Romane den gleichen Handlungsort, sie sind jedoch, was die Story betrifft, unabhängig voneinander.
Kai Meyer ist ein echtes „Schwergewicht“ unter den deutschsprachigen Autoren – mit mehr als 70 Romanen hat er auch viele Fans unter den Lesern „okkulter“ Kriminalgeschichten mit historischem Flair. Seine Bücher repräsentieren eine große literarische Bandbreite – von der Jugend- bis zur Erwachsenenliteratur. Sie wurden in 30 Sprachen übersetzt, für Theaterstücke adaptiert und zum Teil als Hörspiele veröffentlicht. Ihm zu eigen ist – und davon konnten sich die Gäste an diesem Abend persönlich überzeugen – ein sehr poetischer Schreibstil mit grandioser Bildsprache, was von Beginn an eine kurzweilige Lesung erwarten ließ.
Das Graphische Viertel in Leipzig
Kai Meyer begann seine Lesung mit einer kleinen Einführung in die Historie des ehemaligen „Graphischen Viertels“ in Leipzig. Das Viertel wurde, so viel sei vorweggenommen, im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört und zu DDR-Zeiten nicht wieder aufgebaut. Meyers Romane spielen also thematisch größtenteils in der Zeit vor dem Krieg – in diesem Fall in den Jahren 1930 und 1945. „Das ,Graphische Viertel’ war das ,Viertel der Bücher’“, so Meyer. Viele Buchbetriebe, Druckereien und Verlage hatten ihren Sitz in diesem Viertel in Leipzig. Mehr als 200 Buchhandlungen waren hier ansässig. Ein ständiger Nebel und die Tatsache, dass die Gebäude im neugotischen Stil erbaut waren, gibt dem Roman eine ganz besondere, atmosphärische Note, wenn Meyer in seiner bildhaften Sprache von den Begebenheiten rund um die Protagonisten erzählt.
„Historische“ Buchräuber
Sein Roman „Das Antiquariat am alten Friedhof“ spielt, wie sollte es anders sein, in einem Antiquariat. Hier haben sich fünf Freunde (vier Herren und eine Dame) zusammengefunden und ein Geschäftsmodell entwickelt, das sich auf den Raub seltener, okkulter Bücher und deren Weiterverkauf gründet. Dazu muss man wissen, dass das Thema „Okkultismus“ in den 30er Jahren eine Renaissance erlebte und die Menschen „verrückt“ nach entsprechender Literatur waren. Allerdings legt sich das Quintett mit Mächten an, die nicht wirklich gut für sie sind. Eine Figur namens Aleister Crowley taucht in der Geschichte auf – ein wirklich „böser“ Mann, der sehr reich ist und sich dem Okkultismus verschrieben hat. Aleister Crowley (1875–1947) existierte tatsächlich und war ein einflussreicher britischer Okkultist, Schriftsteller und Begründer der thelemischen Philosophie. Er revolutionierte die westliche Esoterik durch die Verschmelzung von Sexualmagie, Zeremonialmagie und östlichen Praktiken. Als selbst ernanntes „Großes Tier 666“ prägte er den Okkultismus des 20. Jahrhunderts maßgeblich.
Von Aleister Crowley wollen die Freunde kostbare Bücher stehlen, brechen in sein Hotelzimmer ein und entdecken dort allerhand okkultistisches Handwerkszeug und Buchmaterial. Allerdings kehrt Crowley frühzeitig zurück, die Freunde müssen fliehen, begegnen dem Okkultisten jedoch kurz im Flur. Die Beschreibung, die Kai Meyer von dieser Begegnung gibt, ist atmosphärisch so dicht und derart bedrohlich und „dunkel“, dass die Zuhörerinnen und Zuhörer förmlich den Atem anhalten und man im Foyer des Badehauses eine Stecknadel hätte fallen hören können. Ob die Freunde allerdings etwas gestohlen haben – und wenn ja, was –, das bleibt das Geheimnis von Kai Meyer und erschließt sich nur denjenigen, die das Buch lesen.
Die Begegnung mit dem „Bösen“?
Weiter geht die Geschichte für die Gäste mit einem Schwenk in das Jahr 1945, als Felix, einer der fünf Freunde und mittlerweile von den Amerikanern dazu abgestellt, die okkulte Raubliteratur der Nationalsozialisten zu sichten und zu katalogisieren, von einem geheimnisvollen Mann zum Gespräch angefordert wird. Dieser Mann behauptet, Aleister Crowley zu sein, entpuppt sich aber (wahrscheinlich) als einer der früheren fünf Freunde (Vadim). Leider ist sein Gesicht durch Brandnarben entstellt und für Felix eine Identifizierung unmöglich. Dieser Mann, der auch von sich behauptet, Hitlers „Vorleser“ gewesen zu sein, bietet den Amerikanern seine Hilfe dabei an, die geheime Bibliothek Hitlers aufzuspüren, wenn Felix ihm dabei hilft, die junge Frau (Eva) wiederzufinden, die 1930 mit den vier Freunden unterwegs gewesen ist. Es geht dabei um fingierte Todesfälle und Begräbnisse, alte Geheimnisse und natürlich eine Liebesgeschichte. Bei seiner Suche nach Eva rollt Felix „ganz nebenbei“ die Geschichte der vier Freunde auf!
Auch hier lässt Kai Meyer die Gäste mit einem echten „Cliffhänger“ zurück – dass sich viele für das Buch begeistern, konnte man an den zahlreich verkauften Büchern sehen, die Kai Meyer im Anschluss an die Lesung gerne signierte.
Eine spannende und kurzweilige Lesung, die neugierig auf das Buch – und sicher auch auf die anderen Geschichten rund um das „Graphische Viertel“ – machte. Die Geschichte entstand im Übrigen aufgrund eines Fotos, das Kai Meyer im Keller seiner Eltern fand – es zeigt seinen Großvater mit drei anderen jungen Männern und einer jungen Frau. Eben genau diejenigen Personen, die die Freundesgruppe und Protagonisten dieses spannenden Romans repräsentieren.
