Schloßborn (ee) – „Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“ Unter diesem Motto steht das Stück „Früher war alles besser“ der Laienbühne Schloßborn, geschrieben von Kilian Marx. Diese allseits bekannten und viel verwendeten Sprüche werden unter extremen Bedingungen getestet, denn das Nachfolgewerk des „Sommertagstraums“ spielt in einer alternativen apokalyptischen Zukunft im Jahre 2054.
Am vergangenen Freitag fällt der Vorhang der Premiere-Vorstellung im Hof des Heimat- und Geschichtsvereins. Das Publikum darf durch interaktive Einschübe aktiv am Geschehen teilnehmen. In der Tragikomödie thematisiert Marx das Gedankenspiel einer Katastrophe, die einen selbst trifft. In den Nachrichten sei der Zuschauer oft distanziert, fast entfremdet, zum Geschehen. Man denke nicht daran, dass es auch einen selbst betreffen kann. Das Stück dient zusätzlich als Aufruf für die Kommunalpolitik, denn die Schloßborner Mehrzweckhalle befindet sich derzeit noch im Umbau. Einige Seitenhiebe gegen die Bearbeitungsdauer durften nicht fehlen. „Es sind hilfreiche Tipps für die Bürgermeister der Umgebung“, so Marx. So wird der im Stück auftretende Kulturminister Thomas Ciesielski, gespielt von Bastian Beck, die kurz bevorstehende Eröffnung der Sport- und Kulturhalle verkünden – nach gut 28 Jahren Bauzeit. Zudem spielt die selbstständige Künstliche Intelligenz „KIRA“, gespielt von Nicole Heil, eine tragende, beratende Rolle in dieser Zukunft. Den zunehmenden Einsatz von KI und deren fortschreitende Selbstständigkeit sieht Marx kritisch und baut seine Ansicht in das Stück mit ein.
Ein Sommeralbtraum
Ein Gong ertönt. Die Zuschauer sitzen. Mit gemeinsamer Stimme des Publikums ertönt ein „Ding“ der vorderen und ein „Dong“ der hinteren Reihen. Franka Josic stimmt, begleitet durch das Gitarrenspiel Andreas Haderleins, mit einem Lied über die Leiden und Gebrechen des Alters, ein. Das Lied erzählt von der nicht enden wollenden Krankheit, die Implantate einfordert, bis man, komplett neu eingebaut und vermeintlich gesund, schließlich an Herzversagen stirbt. Eine tragische Biographie des Alterns, die auf humorvolle Art den Ernst des Lebens nimmt. Danach folgt eine Begrüßung durch Marion Meyer, in der sie dem Publikum den Sachverhalt der Zukunft erläutert. Der Anstieg des Meeresspiegels durch den Klimawandel bedeckte den Taunus und umliegende Gebiete fast vollständig mit Wasser. Nur Teile des Hochtaunuskreises (Schloßborn, Oberems, Glashütten, Kröftel, Eppenhain) ragen beständig aus den Fluten empor. Durch eine Staumauer und die hohen umliegenden Berge konnten die Wassermassen abgewehrt werden. Neue Orte, wie ein Frachthafen und eine Küste namens Lido di Schlobo zieren die Gegend. Es gilt, einen neuen Staat zu gründen und Gesetze zu erlassen. Die Bürgerversammlung soll Klarheit schaffen.
Zurück in die Zukunft
Auch dieses Jahr ist das Zeitpendel im Einsatz. Der Moderator Frank Römstedt, der durch das Stück leiten wird, lässt durch das Pendel die Zeit bis zum 30. Mai 2054 vorspulen. Der Ältestenrat, gespielt von Kilian Marx, Manfred Kunz und Karl-Heinz Rusche, erscheint auf der Bühne. Ihre Ansichten laufen konträr zur dargestellten Jugend. Sie diskutieren miteinander und werden doch immer zum Schluss kommen, dass früher wohl alles besser war. Neben dem Moderator steht eine silberne Kiste, die KI KIRA (Künstliche Intelligenz Regelt Alles). Sie gibt aus den Buchstaben aller übrig gebliebenen Dörfer zwei zufällige heraus, die eine Zuschauerin, gespielt von Juliana Schneider, zu einem neuen Namen, für den frisch gegründeten Staat entwirft. „Schlobo“ soll er heißen, eine faire Entscheidung, wie die Schloßborner finden. Ein neuer Staat bedeutet auch eine neue Währung. Ab jetzt gilt die Krautmark und der Schnaackepfennig, die in Tante-Emma-Läden ausgegeben werden.
Neue Parteien werden gegründet und eine altbekannte Kanzlerin neu eingeführt: „Queen-Mum“ Angela Merkel, gespielt von Michaela Beck, ist zurück. Frau Merkel fordert mehr Gleichberechtigung auch für die männliche Bevölkerung, nachdem sie in der vorigen Regierung durch eine Gynäkokratie unterdrückt wurden. Eine neue Hymne wird entworfen, sowie eine Nationalflagge. Mit einem aufmunternden „Wir schaffen das!“ tritt die Kanzlerin von Schlobo-Paradise von der Bühne ab. Doch innenpolitisch ist Schlobo gespalten. Kinderaufstände stören die Versammlung und fordern ein Mitspracherecht. Die Kinder, gespielt von Ronja Beck, Elisa Fausel, Amalia Laupenmühlen, Vivienne Meyer, Isabell Schmittel, Rebecca Schmittel und Freddy Wenzel, die die Zukunft der Gesellschaft sind, wollen diese aktiv mitgestalten. Der Vorwurf: Die Ältesten entscheiden über das Glück der Jüngsten. Ein Mitspracherecht haben sie allerdings in der Werbezeit, in der die Kinder Schlobos, begleitet durch Toneinspieler, unter anderem Lockenwickler, Bootsbauereien und Klimaanlagen bewerben.
Da Schlobo nun ein Inselparadies ist, herrschen auch tropische Wetterverhältnisse. Die Wetterfröschin Daniela Ungewitter, gespielt von Brigitte Klomann, berichtet von trockenem Wetter mit vielen Sonnenstunden und hohen Temperaturen. Dafür erwarten die Bewohner kühle Nächte. Die Empfehlung des Hauses? Draußen duschen! Nach Sendeschluss folgen dann die Nachrichten, die neuesten des kommenden Tages, die durch die Nachrichtensprecherin (Tanja Russ) vorgetragen wurden.
Epidemische Ausmaße
Neben der geologischen und politischen Wandlungen treten zudem auch virologische auf. Faulenzia Incredibilia heißt die neue Erkrankung, die für geringe Arbeitsmoral und das chronische Verlaufenlassen des Alltags sorgt. Darum entwickelt Doktor Guugel, gespielt von Franka Josic, Power-Riegel, die alle Sorgen und Aufwände des Kochens und Essens ersetzt. Zudem werden Toilettengänge erleichtert: „Sie müssen nicht mehr müssen.“ Wer sich selbst zu heilen gedenkt, kann dies durch die neue Klarissa-App probieren. Denn Krankenkassen gibt es nicht mehr. Dafür füllen sich die Wartezimmer behandelnder Ärzte umso mehr. Und wer zu Hause bleibt, muss nicht warten und steckt sich keinesfalls mit der sich ausbreitenden Wischeritis an, einer Erkrankung zitternder Hände durch das Smartphone. Die Erkrankungen sind bereits zum Gesprächsstoff der Bewohnerinnen Carola (Conny Ernst) und Marion (Tanja Russ) geworden. Doch die Kur mit striktem Tipp-Verbot scheint für beide unaussprechlich.
Friede, Freude, Regenwetter
Trotz einer zwischenzeitlichen Regenfront wird das Stück nach einer kurzen Pause bei Nieselregen fortgesetzt. Den Zuschauern sind bereits zu Beginn und in der Pause neben Getränken und Snacks auch Regenponchos zum Kauf angeboten worden. Fast alle Zuschauer bleiben tapfer beim Geschehen und stellen sich zum Teil unter, um den Ausgang des Stücks nicht zu verpassen. Passenderweise schließt es mit einem Appell: Ein Aufruf für den Frieden, Menschlichkeit, Miteinander und Zusammenhalt – so wie die Schloßborner am vergangenen Freitag, die sich auch bei nassem Wetter wacker auf ihren Plätzen halten und zum Abschluss die Hymne „Schlobo Halleluja“ singen.
Nach dem Stück dankt die Erste Vorsitzende der Laienbühne Marion Meyer allen Schauspielern, dem Autor (Kilian Marx), der Spielleitung und Regie (Franka Josic), dem Technik-Team (Sven Meyer), dem Bühnenbauer (Manfred Kunz) und Michele Kunz, die bei den Kostümen und als Bühnenhelferin mitgewirkt hat. Es sollten noch zwei Aufführungen am vergangenen Wochenende folgen.
Es sollten noch zwei Aufführungen am vergangenen Wochenende folgen. Nach der letzten am Sonntag begann die Verlosung der Inselkarte und des Hintergrundbanners des Ältestenrates. Die Online-Auktion (https://airauctioneer.com/schlossborner-laienbuhne) um ein Stück zukünftiger Schloßborner Geschichte läuft zwei Wochen – der Erlös wird zugunsten des Ensembles für Kostüme, Requisiten und Weiteres eingesetzt.

