Praktische Einblicke statt Theorie: Berufsorientierungstage in Kelkheim Ausbildungsbotschafter

Brötchen schmieren ist jetzt nicht die größte Herausforderung für Thomas (15, li.) und Niko (14). Allerdings müssen sie auf die Hygiene achten und ein bisschen Kreativität mitbringen. Die beiden fanden das Babywickeln deutlich schwieriger.Foto: Judith Ulbricht

Kelkheim (ju) – Werkbänke statt Schulbänke, Gespräche mit Auszubildenden statt Frontalunterricht und erste Einblicke in die Arbeitswelt: Die Berufsorientierungstage in Kelkheim haben in den vergangenen zwei Wochen erneut gezeigt, wie wichtig praktische Erfahrungen für die Zukunftsplanung junger Menschen sind. Schülerinnen und Schüler der Eichendorffschule und der Gesamtschule Fischbach nutzten die Gelegenheit, verschiedene Berufsfelder kennenzulernen und sich intensiv mit ihren eigenen Perspektiven auseinanderzusetzen. Die Veranstaltung gilt inzwischen als fester Bestandteil des Bildungskonzepts der Stadt und wird von Schulen, Stadtverwaltung und der Agentur für Arbeit gemeinsam organisiert.

Praxis statt Theorie im Klassenzimmer

In den Klassenräumen, im Rathaus und im Jugendtreff Mitte herrschte während der Orientierungstage eine ungewohnte Atmosphäre. Wo sonst Schulbücher und Hefte liegen, standen plötzlich Werkzeuge, Computerprogramme und Informationsmaterialien zu Ausbildungsberufen bereit. Die Jugendlichen arbeiteten an kleinen Projekten, erhielten Einblicke in handwerkliche, technische und soziale Berufe und konnten sich direkt mit Auszubildenden austauschen, so wie mit Tim (19) und Adriano (19) von Rothenberger, die dort derzeit zum Industriekaufmann ausgebildet werden. Die beiden betreuten den Roboter-Parcour und die Handwerksstation und machten ihre ganz eigenen Erfahrungen mit den Jugendlichen. „Das lief eigentlich ganz gut, handwerklich hatten viele keine Probleme einen Nagel in die Wand zu schlagen, oder ein Loch zu bohren. Was aber auffällt, dass viele die Anweisungen nicht richtig lesen und schon kommen sie ins stocken“, so Adriano. Eine Etage weiter oben erhalten die Schüler einen Einblick in die Verwaltung und erfahren hautnah, wie sich das Arbeitsleben anfühlen kann. Denn hier geht es ans Eingemachte – eine Überweisung tätigen, eine Materialbestellung aufsetzen, einen Brief abtippen und den eigenen Lebenslauf für eine Bewerbung entwerfen – Aufgaben, denen sich die meisten noch nicht stellen mussten, und die doch so essentiell sind, für das weitere, eigenständige Leben. „Erklärtes Ziel all dieser Aufgaben ist es, den Übergang von der Schule in den Beruf greifbarer zu machen und den Schülerinnen und Schülern eine realistische Vorstellung vom Arbeitsalltag zu vermitteln“, fasst es Jugendarbeiterin Katrin Dörr zusammen.

Lehrkräfte, aber auch die beiden Berufsberaterinnen der Agentur für Arbeit, Kristin Oswald und Stephanie Maiwald berichten, dass viele Jugendliche kurz vor dem Schulabschluss unsicher sind, welchen Weg sie einschlagen sollen. „Wir betreuen die Eichendorffschule und die GSF in Kelkheim und bekommen hautnah mit, wie groß die Verunsicherung bei den Jugendlichen ist, wenn es um die richtige Berufswahl geht, aber auch um alles drum herum. Es wäre eigentlich wünschenswert, wenn es an die Schulen ein Fach „Lebenspraxis“ geben würde, damit alle Bereiche abgedeckt sind.“ Und hier genau setzen die Berufsorientierungstage an: Sie sollen Orientierung geben, Perspektiven aufzeigen und dabei helfen, eigene Interessen und Stärken zu entdecken. Mit Tools wie der Stärkendusche und VR-Brillen, die einen visuellen Einblick in bestimmte Berufe erlauben und durch das Ausprobieren verschiedener Tätigkeiten wird schnell deutlich, welche Fähigkeiten gefragt sind und welche Berufe zu den eigenen Vorstellungen passen könnten.

Gespräche auf Augenhöhe

Ein wichtiger Bestandteil der Tage war der direkte Austausch mit Auszubildenden und Ausbildungsbotschaftern. Sie berichteten offen über ihren Alltag im Betrieb, über Herausforderungen und Chancen einer Ausbildung und beantworteten Fragen der Schülerinnen und Schüler. Diese Gespräche erwiesen sich als besonders wertvoll, weil sie authentische Einblicke in die Berufswelt ermöglichten und Hemmschwellen abbauten.

Viele Jugendliche zeigten sich beeindruckt davon, wie vielfältig die Möglichkeiten nach der Schule sind. Gerade der persönliche Kontakt zu jungen Menschen, die selbst erst vor kurzem vor der gleichen Entscheidung standen, machte die Informationen greifbar. Statt abstrakter Berufsbeschreibungen erhielten die Schülerinnen und Schüler konkrete Erfahrungen und realistische Einschätzungen.

Gemeinschaftsprojekt der Stadt

Die Berufsorientierungstage sind das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit zwischen Schulen, Stadt und regionalen Partnern. Petra Bliedtner, Leiterin des Amtes für Jugend und Integration, wird nicht müde immer wieder zu betonen, dass Berufsorientierung heute eine zentrale Aufgabe der Bildung sei. „Die Arbeitswelt verändert sich ständig, neue Berufe entstehen, andere verschwinden – umso wichtiger ist es, Jugendlichen frühzeitig Orientierung zu geben und sie bei der Entscheidungsfindung zu unterstützen“, so Bliedtner.

Die Stadt sieht in dem Projekt daher eine Investition in die Zukunft der jungen Generation. Durch die Zusammenarbeit mit Unternehmen, Bildungseinrichtungen und der Arbeitsagentur werde ein Netzwerk geschaffen, das den Jugendlichen langfristig helfen könne. Auch die Schulen profitieren von dieser Kooperation, weil sie ihren Schülerinnen und Schülern praxisnahe Angebote machen können, die über den normalen Unterricht hinausgehen.

Mehr als nur Berufsberatung

Die Orientierungstage beschränken sich nicht allein auf die Vorstellung von Ausbildungsberufen. Vielmehr geht es darum, die Jugendlichen umfassend auf das Leben nach der Schule vorzubereiten. Themen wie Bewerbungen, Arbeitsalltag, Verantwortung und persönliche Stärken spielen dabei eine zentrale Rolle. Die Schülerinnen und Schüler sollen lernen, selbstständig Entscheidungen zu treffen und ihren eigenen Weg zu finden.

Nach mehreren intensiven Tagen endete die Veranstaltung mit vielen neuen Eindrücken und Ideen für die Zukunft. Einige Jugendliche konnten bereits konkrete Vorstellungen für ihren weiteren Weg entwickeln, andere nahmen vor allem mehr Sicherheit und Motivation mit. Einig waren sich jedoch viele Teilnehmer darin, dass die Berufsorientierungstage ihnen geholfen haben, die eigene Zukunft klarer zu sehen.

Erfolgsmodell mit Perspektive

Die positive Resonanz zeigt, dass das Konzept in Kelkheim funktioniert. Die Mischung aus praktischen Erfahrungen, persönlichem Austausch und individueller Beratung kommt bei den Jugendlichen gut an und wird von Schulen und Organisatoren gleichermaßen geschätzt. Auch in den kommenden Jahren sollen die Berufsorientierungstage weitergeführt und ausgebaut werden.

Damit bleibt das Projekt ein wichtiger Baustein in der Bildungslandschaft der Stadt – und für viele Schülerinnen und Schüler ein erster Schritt auf dem Weg in ihre berufliche Zukunft.

Ausbildungsbotschafter sind Auszubildende, die in Schulen über ihren Beruf und ihren Ausbildungsalltag berichten. Sie geben Schülerinnen und Schülern einen realistischen Einblick in verschiedene Berufe und beantworten Fragen auf Augenhöhe. Ziel des Projekts ist es, Jugendlichen die Entscheidung für eine Ausbildung zu erleichtern und ihnen praktische Erfahrungen aus erster Hand zu vermitteln. Unterstützt wird das Programm häufig von der Agentur für Arbeit sowie regionalen Bildungs- und Wirtschaftsorganisationen. Die persönlichen Gespräche mit den Ausbildungsbotschaftern gelten als besonders wertvoll, weil sie authentische Einblicke in den Berufsalltag ermöglichen und Hemmschwellen abbauen.



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