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Denker und Lenker bewegen die Oldtimer bei der 12. Königstein Classic im Team

Im Flugzeug hießen Lenker und Denker früher „Hans und Franz“, daher verfranzt man sich noch heute ... Unbestätigten Aussagen zufolge haben die Sieger der diesjährigen Rallye aber „nur“ einen Fehlerpunkt. Foto: Stehle

Königstein (dea) – Der Name der Veranstaltung ist anscheinend Programm, zumindest für den Inhaber des Schmuckgeschäfts Classic Design, Rainer Möller, der sich – gemeinsam mit Thomas Schwenk (Buchhandlung Millennium) – dazu bereit erklärt hat, den Strom kostenlos für die 12. Königstein Classic zur Verfügung zu stellen. Während die Motoren röhrten und ein Oldtimer nach dem anderen durch das Start-Tor fuhr, machte man aus der Not (das Café Kreiner hat Betriebsferien) eine Tugend und verpflegte sich und die Zuschauer mit Kaffee, Schmandkuchen und Prosecco kurzerhand selbst.

Auch wenn der Startbereich in der Fußgängerzone aufgrund des nasskalten Wetters um neun Uhr morgens noch sehr spärlich mit Zuschauern gefüllt war, wurden diejenigen, die sich trotz des Wetters aus dem sonntäglichen Bett gequält haben, zur Belohnung in eine andere Epoche versetzt. Wo sonst hat man die Möglichkeit – quasi vor der Haustür – eine solch einzigartige Zeitreise machen zu können?

Während sicher viele noch zweifelsfrei erkennen konnten, dass es sich beim betreffenden Fahrzeug um einen Porsche, Jaguar, Audi, Mercedes, Renault, Fiat, VW, Opel & Co. handelte, bekam man aber auch Marken zu Gesicht, die man noch nie zuvor gesehen, geschweige denn von deren Existenz man gewusst hat. So standen auf der Teilnehmerliste, die überall verteilt wurde auch Namen von eher unbekannten Marken, wie MGB, Panther Lima, Morgan Plus 4 oder ein 116 A Coupe.

Wer heute SUV, Kombi oder Kleinbus gewohnt ist, mag sich sicher anhand doch sehr vieler kleiner und niedriger Fahrzeuge fragen, ob die Menschen „früher“ kleiner waren, bzw. wie eine ganze Familie in einen kleinen Fiat passen konnte und damit noch in den Urlaub gefahren ist. „Es hat aber alles reingepasst“ erinnert sich Möller ein wenig wehmütig.

Da auch an der diesjährigen Königstein Classic wieder 125 Fahrzeuge teilgenommen haben, dauerte die Startphase mehr als zwei Stunden. Während sich das aus Sport- und Klassikfahrern bestehende Teilnehmerfeld – aufgeteilt in fünf Klassen – auf die Strecke um die „lustige“ Punktejagd begab, bereitete man sich bei Adam Hall in Neu-Anspach auf das 250-mägige Teilnehmerfeld vor, das es zu verköstigen galt. Dankenswerterweise hatte sich diese Firma als Sponsor dazu bereit erklärt, für die nötige Wegzehrung zu sorgen.

Was aber eigentlich zwischen Denker und Lenker während eines sechsstündigen Streckenverlaufs (von Königstein durch Oberreifenberg, Wehrheim, Pfaffenwiesbach, Wernborn, Emmershausen, Weilrod, Dombach und Glashütten-Schloßborn) passiert, kann sich jeder Auto- bzw. Beifahrer unschwer vorstellen. Wer entscheidet, wer lenkt und wer denkt?

Hierzu gab der Rallyeteilnehmer Reinhard Woite doch recht interessante Informationen preis. Auf die Frage, wie man ein guter Beifahrer wird, fiel die Antwort „Üben und brechen“ doch sehr drastisch aus. Gewisse masochistische Neigungen scheinen also eher von Vorteil zu sein, wenn man sich entscheidet, auf dem Beifahrersitz Platz und das sogenannte „Road-Book“ mit den Aufgaben in die Hand zu nehmen.

Glaubt man Reinhard Woite, der mit einem Mercedes SL 280 Automatic als Fahrer an dieser Rallye teilnahm, so hat es dieses „Road-Book“ in sich. Einfach nur Pfeilen folgen und Kartenskizzen lesen, reicht bei Weitem nicht aus. Denn auch dieses Jahr ist mit Florian Reuter wieder ein alter Hase im Organisationsteam, der die Rallye-Aufgaben zusammenstellte. Deshalb wechselte Woite zum ersten Mal von der Sport- auf die Klassikseite. „Das ist einfach entspannter“, gibt er zu und seine Begründung über das Wieso hat auch etwas mit Florian Reuter zu tun: „Florian ist sehr gut. Sein Ziel ist es, dass es keinem der Teilnehmer gelingt, mit null Punkten, die Strecke zu schaffen. Dabei schreckt er vor nichts zurück.“

Was er damit meinte, erklärte er im Anschluss: „Wir müssen anhand von Bilderchinesen (Bilderstrecken auf denen zum Beispiel auf mehreren Fotos ein Auto zu erkennen ist) eine Strecke abfahren, um an den Standort gelangen zu können, an dem wir den entsprechenden Punkt erhalten. Wer hier als Denker nicht aufpasst, merkt nicht, dass ein anderes Fahrzeugmodell mit derselben Farbe in der Reihe auftaucht. Schon hat man sich verfahren und sich vom Siegertreppchen ein Stück weiter entfernt.“ Auch wenn er in diesem Zusammenhang von „Sauerei“ und Schlimmerem spricht, so hat er großen Respekt vor Florian Reuter, der sich gemeinsam mit dem Vater Klaus (vom Versicherungsbüro Reuter) auch dieses Jahr wieder mit viel Zeit, Geduld und Knowhow darum gekümmert hat, dass es nach dem Ausfall der Königstein Classic 2014, eine solche Veranstaltung in 2015 wieder geben konnte.

Welche Herausforderung für die Sportfahrer die Königstein Classic ist, resümiert Woite nüchtern: „Bisher hat es noch keiner geschafft, mit null Fehlerpunkten diese Rallye zu meistern.“ Dass es sozusagen einen zweiten Wettbewerb und zwar zwischen Veranstalter und Rallyeteilnehmern im Hintergrund gibt, fordert zumindest die Sportfahrer (die sich selbst als „Nerds“ bezeichnen) Jahr für Jahr wieder aufs Neue heraus, nicht nur die Strecke als Bester zu meistern, sondern auch die Schallmauer von null Fehlerpunkten zu durchbrechen . Die Teilnehmer in der Klassikklasse hingegen können sich entspannt zurücklehnen, denn hier ist der Weg das Ziel: die Fahrt und die Gemeinschaft mit Gleichgesinnten zu geniessen.

Wie diffizil diese von Florian Reuter gestellten Aufgaben sind, versteht man, wenn man sich so ein Road-Book mal näher anschaut. Winzig klein ist die Karte und so verwundert es nicht, wenn man im Cockpit auf Lupen trifft. Diese sind genauso unerlässlich, wie der sogenannte „Tripmaster“ (geeichter Wegstreckenzähler), der es erlaubt, auf zehn Meter genau den Streckenanweisungen Folge zu leisten. Wie sonst wüsste man anhand des eingebauten Tachos exakt, wann beispielsweise 80 Meter gefahren sind?

Dann gibt es auf der Karte noch fiese Hinweiskästchen, die mitten auf dem Blatt platziert sind und damit sozusagen, den direkten Weg von A nach B versperren, mit Photoshop nachträglich eingefügte Häuser, die ebenfalls eine Durchfahrt ohne Punktverlust unmöglich machen und das ungeschriebene Gesetz, das mit Verkehrsregeln nichts zu tun hat. Das erklärt Reinhard Woite: „Die Straßen, die man bereits in eine Richtung gefahren ist, darf man an diesem Tag nie mehr in die andere Fahrtrichtung befahren.“

Es heißt also für den Denker, höllisch aufpassen, genau sein und mit Fallen zu rechnen. Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist bei dieser Art von Rallye auf jeden Fall keine Gerade. Spätestens hier versteht jeder Bei- und Autofahrer, wieso ein harmonisches Miteinander im Verlauf eines solchen Wettbewerbs so gut wie unmöglich ist.

Dass diese Oldtimer-Veranstaltung dann auch eigentlich von den Denkern gewonnen wird, bestreitet hier übrigens niemand. Die Zuschauer bekommen davon natürlich nichts mit und haben einfach nur das Vergnügen, in Erinnerungen zu schwelgen, weil man selbst einmal das eine oder andere Fahrzeug besessen hat oder einfach nur, weil diese Autos eine Zeit lebendig werden lassen, die viele gar nicht mehr erlebt haben.

Diesmal war ein Ford Modell A mit Baujahr 1929 der älteste Oldtimer und durfte als einziger Teilnehmer der Klasse A ohne Konkurrenz sicher einen Pokal mit nach Hause nehmen. Von diesen gab es übrigens reichlich, was einem Teilnehmer die Aussage entlockte, dass es mehr Pokale als Teilnehmer gäbe. Zu gewinnen gibt es darüber hinaus aber nicht mehr (und nicht weniger) als Ruhm und Ehre.

Pünktlich um neun Uhr fiel der Startschuss zur Königstein Classic und die ersten Teilnehmer (Lenker Klaus Müller und Denkerin Ilona Seewald) gingen mit einem Triumph TR 4 auf die Strecke.
Foto: Stehle

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