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Literarische Spätlese beleuchtet Bodo Kirchhoffs Novelle „Widerfahrnis“

Dr. Michael Hesse (rechts) stellte bei der literarischen Runde in der Stadtbibliothek den Gewinner des deutschen Buchpreises 2016 „Widerfahrnis“ vor. Foto: Krüger

Königstein (sk) – Bodo Kirchhoff gewann mit seinem schmalen Buch „Widerfahrnis“ den Deutschen Buchpreis 2016. Hat er ihn auch zu Recht verdient? Das wird in der Literatur und unter den Lesern kontrovers diskutiert. In der Begründung der Jury zur Verleihung des Deutschen Buchpreises heißt es: „Kirchhoffs Widerfahrnis ist ein vielschichtiger Text, der auf meisterhafte Weise existentielle Fragen des Privaten und des Politischen miteinander verwebt und den Leser ins Offene entlässt.“ Die FAZ bezeichnet Kirchhoffs Novelle gar als „meisterhaft komponiertes, poetologisches Kunstwerk“. Anders sahen dies einige der rund vierzig Besucher der literarischen Runde, die sich vergangenen Montag zur „Spätlese“ in der Stadtbibliothek traf und unter professioneller Moderation von Dr. Michael Hesse eine Analyse und Interpretation von Kirchhoffs Novelle wagte.

Bereits der Begriff „Widerfahrnis“ entfaltete komplexe Deutungsmöglichkeiten. Im Duden sucht man das Wort vergeblich. Bei Wikipedia findet sich lediglich ein Hinweis auf Martin Heidegger als dessen Urheber. „Der Titel passt zu dem Buch“, war die überwiegende Meinung der literarischen Runde, selbst wenn man dem Wort nicht die machtvolle Sogwirkung zuspreche, die so manche Literaturstimme hineininterpretieren möchte. Denn vornehmlich Negatives assoziierten die Zuhörer mit dem Begriff Widerfahrnis, der etwas Schicksalhaftes, Unerwartetes, Unplanbares und Passives beinhalte.

Die Hauptthemen der Novelle fasste Dr. Hesse kurzweilig für all diejenigen Gäste zusammen, die das Buch noch nicht kan-nten. Vordergründig geht es um eine Art spontane Liebesbeziehung zwischen Julius Reither, dem ehemaligen Besitzer eines kleinen insolventen Verlages, der mit Ende sechzig zurückgezogen in den Alpen lebt und dort von der literaturinteressierten und selbst schreibenden, zehn Jahre jüngeren ehemaligen Hutladenbesitzerin Leonie Palme in seiner selbstgewählten Einsamkeit gestört wird. Sie veranlasst ihn zu einer spontanen Reise in Richtung Süden mit zunächst ungewissem Ziel. In Sizilien angekommen, werden beide durch ein streunendes Kind mit den Themen und Fehlern ihrer Vergangenheit konfrontiert, die Kirchhoff geschickt in das brisante Thema der Flüchtlingskrise einflicht und die letztlich beide Protagonisten wieder entzweien. Hintergründig geht es um die Flucht der beiden Protagonisten vor dem Leben und um die Kompensation eigener Verluste und vergangenen Fehlverhaltens eingebettet in die als Metapher benutzte Reise, deren Weg nicht das Ziel ist, sondern deren Wegkommen.

„Ich musste mich stellenweise zwingen, das Buch weiter zu lesen“, bekannte eine Zuhörerin. „Zu wenig Action und zu viel Gerauche“, amüsierte sich eine andere. Viel zu konstruiert und aufgesetzt und überfrachtet sei die Story, waren weitere Kritikpunkte, die Dr. Hesse im Einzelnen unter die Lupe nahm. Er entlarvte das ständige Rauchen in dem Buch als ein Symbol für die Vergänglichkeit und Nichtbeständigkeit einer Beziehung, ähnlich dem wabernden Dunst einer Zigarette. Die Konstruiertheit der Geschichte führte er auf die literarische Form der Novelle zurück, für die ein gestelltes und unwahrscheinliches, aber dennoch glaubhaftes Szenario kennzeichnend ist. Die Kernaussage des Buches sei für ihn nicht die gesellschaftspolitisch diskutierte Flüchtlingsthematik, die Kirchhoff – wenn überhaupt – nur am Rande seiner Geschichte berührt und niemals namentlich benennt, sondern vielmehr das Flüchten vor dem Leben selbst anstatt sich den Veränderungen des Lebens zu stellen und die „Widerfahrnisse“ des Lebens zuzulassen und anzunehmen, in dem man sich auf das Unerwartete einlässt, darauf reagiert und die stetigen Veränderungen und Neuerungen, die das Leben mit sich bringt, einfach annimmt.

Trotz vieler kritischer Anmerkungen zu dem Buch bestätigten die Teilnehmer der Spätlese einhellig die meisterhafte Sprachfähigkeit von Bodo Kirchhoff, dessen sensibler Umgang mit der eigenen Sprache sicherlich noch viele Leser in seinen Bann ziehen wird.

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