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Martin Luthers Sprache hat „dem Volk aufs Maul geschaut“

Königstein (efx) – Wie hat Martin Luther die deutsche Sprache beeinflusst? Wie hat er es geschafft, die Gesellschaft der frühen Neuzeit über seine Übersetzungen nachhaltig zu ändern? Auf die Spuren Luthers und im Besonderen auf die von ihm ausgehenden Spuren in unserer deutschen Sprache, wie wir sie heute anwenden, begab sich die Pfarrerin der evangelischen Immanuel-Gemeinde, Königstein, Katharina Stoodt-Neuschäfer. Anlässlich des diesjährigen fünfhundertsten Reformationsjubiläums am 31. Oktober 2017 gedenkt die evangelische Gemeinde Königstein mit vielen unterschiedlichen Aktionen der Verbreitung der 95 Thesen durch Luther auf der Wartburg. Am vergangenen Samstag öffnete Pfarrerin Stoodt-Neuschäfer aus gegebenem Anlass die Türen des Adelheidsaals in Königsteins Altstadt, um Luthers Leben und Wirken und seinem Einfluss auf die Sprachentwicklung zu offenbaren. Mit den Worten „seien Sie alle sehr herzlich willkommen!“, begrüßte sie alle Gäste, die so zahlreich erschienen waren, dass man zunächst noch weitere Stühle aus dem Nachbarhaus holen musste. Im Folgenden erfuhr die interessierte, nicht nur evangelische Zuhörerschaft, dass Bücher im Mittelalter zunächst nur dem Klerus und den Gelehrten vorenthalten waren und in Altgriechisch, Hebräisch oder lateinischer Sprache verfasst wurden. Diese Sprachen konnte das gemeine Volk jedoch weder lesen, schreiben noch verstehen. So blieb ihnen der Zugriff auf die Literatur völlig verwehrt. Luther war durchaus sprachbegabt und lernte diese Sprachen während seiner Ausbildungsjahre. In Eisleben geboren, im benachbarten Mansfeld (im heutigen Sachsen-Anhalt) aufgewachsen, besuchte er die Pfarrschule St. Georgen in Eisenach. Sein Studium begann er an der Universität Erfurt. Weitere Stationen seines Lebens führten ihn nach Magdeburg und Wittenberg, wo er am 31. Oktober 1517 die 95 Thesen am Hauptportal der Schlosskirche in Wittenberg anschlug. Damit bewegte er sich, nach geographischen Gesichtspunkten der damaligen Zeit, innerhalb zweier bedeutender sprachlicher Regionen, die zum einen das Sprachfeld „Ostmitteldeutsch“, zum anderen das „Niederdeutsch“ pflegten und verbreiteten. Über die humanistischen Sprachen hinaus lernte Luther so auch diese Dialekte der Straße, was ihn schließlich dazu bewegte, Bücher in der Sprache des Volkes zu schreiben und, wie es Pfarrerin Stoodt-Neuschäfer nannte, „das Deutsche als Sprache, die man nutzen kann“ zu sehen. 1518 entdeckt er als junger Theologe das Buch „Theologia Deutsch“ eines namentlich unbekannten Deutschordenspriesters aus dem Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen. Luther vervollständigt den Text und verfasst dazu eine Vorrede. Mit der Herausgabe dieses Werks stellt er sich erstmals gegen die lateinische Scholastik und beansprucht eine Gleichwertigkeit zwischen dem gesprochenen Deutsch versus der lateinischen, griechischen und hebräischen Ausdrucksfähigkeit. Legendär ist Luthers Ausruf, froh zu sein „Gott in deutscher Sprache zu hören“. Während seiner knapp einjährigen, unfreiwilligen Gefangenschaft auf der Wartburg in Eisenach, übersetzt er inkognito als Junker Jörg das Neue Testament in gebräuchliches Deutsch und setzt vom Thüringer Wald aus ein Zeichen zur Vereinheitlichung der Landessprache. Dabei nutzt er nicht nur die Wörter der Straße und des einfachen Mannes, er widersetzt sich darüber hinaus dem tradierten Satzaufbau und der Grammatik der lateinischen Sprache, führt zusätzlich Schlussverben ein und verfasst einfach geschriebene Flugblätter, die vom Volk verstanden wurden und populär waren. Damit etablierte er auch die deutsche Sprache im Schriftverkehr. Hilfe bei seinen Übersetzungen bot ihm auch die sogenannte „sächsische Kanzleisprache“, die in der Verwaltung und von Juristen genutzt wurde. Nicht umsonst bekannte er „ich rede nach der sächsischen Kanzlei“. In seinem „Sendbrief zum Dolmetschen“, einer Art offenem Brief oder Flugblatt, legt er eindrucksvoll die Prinzipien seiner Übersetzungen dar und verteidigt sie. Die Zuhörer im Königsteiner Adelheidsaal erfahren während des Vortrags, in dem Pfarrerin Stoodt-Neuschäfer auch immer wieder passende Bilder an die Wand projizieren lässt, dass Martin Luther erstmals die beiden damals üblichen, voneinander bis dato separat genutzten Übersetzungsstile, „verbum de verba“, also Wort für Wort, und „sensum de sesu“, eine rein sinngemäße Übersetzung, gemeinsam nutzt und mischt. Erst diese Mischung der beiden Verfahren führt zu einer verständlichen Sprache, die nach Luther „die Herzen erreicht“. Er nutzt seine Erfahrungen als Kanzelredner, um seine Texte klar, emotional und sachgerecht zu formulieren. Pfarrerin Stoodt-Neuschäfer erläuterte in diesem Zusammenhang die Notwendigkeit eines „lebendigen Austauschs, dass man die Herzen der Menschen (Anm. d.Red. beim Vortragen) anspricht, dass die Botschaft der Bibel die Menschen erreicht und bewegt“. Luther entwickelte im Laufe der Jahre nicht nur das noch heute geläufige System der Groß- und Kleinschreibung. Auch etliche Wortpaare, Reime, Redewendungen und Sprichwörter fallen auf ihn zurück. Damit Luthers Übersetzungen kontinuierlich der Sprachentwicklung des Volkes folgten, gründete er einen Rat, dem er vorsaß. Hier prüfte man seine Übersetzungen auf allgemeine Verständlichkeit und verfeinerte die Wortwahl. Ein fasziniertes Publikum folgte dem informativen und sehr unterhaltsamen Vortragsabend der Pfarrerin bis in die späten Dämmerstunden. Für manch einen ergab sich eine mitunter völlig neue Sichtweise auf die Entwicklungsgeschichte unserer heutigen Sprache. Wer in Martin Luther ausschließlich den Theologen und kirchlichen Reformator sah, wurde spätestens an diesem Abend eines Besseren belehrt.

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