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Vom Umgang mit Umbrüchen in den historischen Krisen des 20. Jahrhunderts

Prof. Dr. Christoph Cornelißen bedauerte, dass sich so wenige Menschen mit Geschichte beschäftigen. Foto: Krüger

Königstein (sk) – „Wie gehen wir heute mit den Krisen des 20. Jahrhunderts um?“, war die Ausgangsfrage für das Thema der sehr gut besuchten Vortragsreihe „Königsteiner Forum“ am vergangenen Montagabend in der Volksbank. Prof. Dr. Christoph Cornelißen, Professor für Neueste Geschichte an der Goethe-Universität in Frankfurt, verdeutlichte, dass der negativ besetzte Begriff „Krise“ heute schon fast inflationär gebraucht werde. Neben der Deutung als Wirtschaftskrise, Sinnkrise, Legitimitätskrise, Bankenkrise, Versorgungskrise u.a. habe der Begriff Krise längst Eingang in die Jugendsprache gefunden. Denn jeder kenne doch die Redewendung: „Ich glaub‘, ich krieg‘ ’ne Krise.“

Um eine derartige plakative Etikettierung von misslichen Umständen gehe es dem Dozenten aber nicht. Vielmehr gehe es ihm um eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Krisen im 20. Jahrhundert als komplexe Prozesse, deren Anfang, Höhepunkt und Ende datierbar sind und in deren Verlauf bestehende, stabile Zustände nicht mehr funktionierten und deshalb neue Mittel und Methoden erforderten, um die eingetretenen Störungen zu überwinden. Das Gefühl, in einer Zeit des Umbruchs mit ungewissem Ausgang zu leben, transportierte Cornelißen auf die Jahrhundertwende bis 1914, die Weltwirtschaftskrise Ende der Zwanziger Jahre und auf die Sinn- und Deutungskrise im Europa der Nachkriegsjahre nach 1945 und auf die Wende 1989/1990.

Publikationen belegen, dass die Krisenzeit um 1900 von Zeitgenossen als grundsätzlich offene Situation wahrgenommen wurde. Statt Untergangsstimmung wegen der als Krisenphänomen empfundenen sozialen Not oder der massiven Streikwellen und der politisch motivierten Attentate, habe eine Art Zukunftsoptimismus vorgeherrscht, so Prof. Cornelißen. Verursacht durch die Friedensbewegung, den geplanten Aufbau des sozialen Staatswesens und die Idee einer europäischen Einheit, wurden anfangs kriegerische Handlungen gar nicht als Krisenbewältigungsinstrument in Erwägung gezogen. Diese widerstreitenden Tendenzen zwischen Spekulationen um die Modernität eines friedlichen Europas und die reinigende Wirkung eines Krieges verdeutlichen die „Gleichzeitigkeit der Gegensätze, die die Stimmungslage in der Vorkriegszeit beherrschte“, so der Referent. „Die Unzuständigkeit der Zuständigkeiten und das fehlende Bewusstsein der Handelnden für die Folgen ihres Handelns führten zu einer beispiellosen Unsicherheit in der Politik, die den Krieg letztendlich als Lösung aus dieser Umbruchsituation propagierte“, fasste Cornelißen zusammen. „Krisen können erst verstanden werden, wenn wir in den Horizont der Zeitgenossen vorstoßen“, erklärte der Referent seine Methodik, um den Umgang mit Krisen überhaupt nachvollziehen zu können. Die Weltwirtschaftskrise sahen die Zeitgenossen der Goldenen Zwanziger Jahre (1924-1929) trotz Landwirtschaftskrise und hoher Arbeitslosenzahlen nicht voraus. Selbst als die Blase am Aktienmarkt in New York im Oktober 1929 platzte, war das Ausmaß der Krise anfangs noch überschaubar, da sie sich hauptsächlich auf die USA beschränkte. Deshalb gab es zunächst auch keine panischen Reaktionen in Europa. Erst als sich die Krisensituation dramatisch zuspitzte und die Krisenspirale unaufhaltsam ihren Abwärtstrend fortsetzte, versuchte jede Regierung, die eigene Wirtschaft mit unterschiedlichsten Mitteln zu sichern. Insbesondere in Deutschland war aufgrund der Tiefe der Krise eine Rückkehr zum wirtschaftlichen Gleichgewicht nicht mehr möglich. Deutschland stürzte in eine noch größere Krise, den Nationalsozialismus. Global gesehen brachte die Wirtschaftskrise eine Abkehr vom klassischen, sehr strengen Wirtschaftsliberalismus. Verstärkte Eingriffe des Staates sind Folgen dieser Krise.

Auf den Zweiten Weltkrieg folgte in Deutschland eine schwere Bewusstseinskrise. Der Neuanfang in den Nachkriegsjahren war geprägt von Spannungen zwischen der Notwendigkeit, die Vergangenheit zunächst einmal auszublenden und der Dringlichkeit, die Täter der Schrecken zu finden und zu bestrafen. Die Verfolgung der Täter machte aber die bewusste Ausblendung der Vergangenheit nicht möglich, sondern verlängerte ihre Schreckensszenarien. In diesem Spannungsverhältnis rückte in den 50er-Jahren in Deutschland der Gedanke einer gesellschaftlichen Versöhnung in den Mittelpunkt, der von einem „sprachlichen Nebel“ in der öffentlichen Meinung begleitet wurde. „Die Nazis“ wurden von „den Deutschen“ abgegrenzt. „Dunkle Mächte“ und „unselige Jahre“ wurden als Begrifflichkeiten herangezogen. Prof. Cornelißen zitierte den von dem Historiker Norbert Frey entwickelten Begriff der „Vergangenheitspolitik“. In diesem Zusammenhang wies er daraufhin, dass die Diskussionen über Straffreiheits- und Amnestiegesetze letztendlich zu einer Entkriminalisierung von NS-Tätern geführt haben. Erst in den 80er- und 90er-Jahren habe sich der Verlauf der Erinnerungskultur entscheidend gewandelt.

Der Dozent nennt dies „eine Umgestaltung von Erinnerungsarten“, die erst in den letzten Jahrzehnten dazu geführt habe, dass eine Rückerinnerung immer häufiger werde. Zu beobachten sei der Trend zu einer immer stärker auf sich selbst gerichteten Erinnerungskultur.„Mit dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime in Osteuropa haben sich seit den 90er-Jahren die Rahmenbedingungen für Erinnerungskulturen in Europa weiterhin gewandelt“, erklärte Prof. Cornelißen mit Blick auf die zunächst unerwarteten Ereignisse 1989/1990. „Revolutionen über die Grenzen hinweg haben sich beschleunigt und dies ohne Gewalt“, gab der Dozent zu bedenken und begründete das mit dem Lernprozess des Volkes aus der Vergangenheit. Die entscheidende Frage, welchen Erkenntnisgewinn wir aus der historischen Betrachtung der Krisen des 20. Jahrhunderts im Umgang mit zukünftigen Krisen haben, beantwortete Cornelißen zum Abschluss seines Vortrages: „Wir erhalten Einblick in die Komplexität und Dynamik von Krisensituationen. Durch retrospektive Problemdiskurse können wir den Ursprung von neuen Krisen erkennen. Wir können Alternativlosigkeiten durch Handlungsmöglichkeiten ersetzen und aufzeigen, dass Kriege als Flucht aus der Krise vermeidbar sind.“ Es gebe natürlich keine Rezeptur zur Krisenvermeidung, aber die Geschichte helfe uns zu entspannen und schütze uns vor dem Irrglauben, dass mit einfachen Parolen Probleme zu lösen seien.

Die sich anschließenden interessanten Diskussionsbeiträge thematisierten unter anderem die Frage nach der Möglichkeit eines großen Krieges in Europa, den Prof. Cornelißen eher in Asien verortete denn in Europa, wo uns unsere Erinnerungskultur davor wohl schütze. „Warum lernen die Menschen so wenig aus den Krisen?“, wollte ein Zuhörer wissen. Schlagfertig hatte Cornelißen eine Antwort parat: „Weil sich so wenige Menschen mit der Geschichte beschäftigen und sich nicht rational mit ihr auseinandersetzen“.

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