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Villa Andreae: Ein Königsteiner Wahrzeichen in fernöstlicher Hand

Ein besonderer Zauber geht von den heiligen Hallen aus, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts viele Besitzer kommen und gehen sahen und die von einem turbulenten Eigenleben zeugen. Fotos: Sura

Königstein (aks) – Die Fahrt durch die Herrnwaldstraße hoch zur Villa Andreae, gesäumt von den goldglänzenden „Auroren“ des Oberurseler Künstlers Hendoc aus dem Jahr 2003, stimmt auf eine ganz besondere Zeitreise ein und endet zunächst vor dem erhabenen schmiedeeisernen Tor. Hier oben auf dem Geisberg, über den Dächern Königsteins, steht seit 1890 die prunkvolle Villa Andreae, Taunus-Residenz der wohlhabenden Frankfurter Familie Andreae de Neufville, fast zeitgleich erbaut mit dem Witwensitz Schloss Friedrichshof der Kaiserin Victoria, dem heutigen Schlosshotel in Kronberg. Es kursiert sogar die Legende, dass Kaiser Friedrich III. die Familie besuchte, doch der war bereits 1888 verstorben.

Der Architekt Franz von Hoven entwarf das verspielte Bürger-Schlösschen mit den vielen Türmchen und einem atemberaubenden Blick auf die Königsteiner Burg. Die Gäste, die hier mit der Kutsche vorfuhren, waren vom Anblick der imposanten Villa sicher genauso hingerissen wie die Besucher, die von Beate Großmann-Hofmann durch die Villa und den Park, der einst die Handschrift des berühmten Gartenarchitekten Franz Heinrich Siesmayer trug, geführt wurden. Sie verstand es, mit vielen Anekdoten das turbulente Leben in der Villa lebendig zu schildern.

Der Andrang war groß, schließlich wollte keiner die letzte Führung verpassen, bevor der Investor aus Hongkong, vielleicht für längere Zeit, die Pforten für die Öffentlichkeit schließt. Noch gibt es nur Spekulationen über die weitere Nutzung.

Die Villa Andreae macht auf den ersten Blick einen gut sanierten Eindruck. Piccobello! Das ist vor allem Dr. Jürgen Schneider zu verdanken, der von 1987 bis 1989 ein Vermögen von 30 Millionen DM investierte, um hier ganz oben als Finanzjongleur an seinem Schreibtisch für 40.000 DM zu residieren, pardon – zu thronen. (Dessen Hersteller, die Schreinerei Bettenbühl, gehörte allerdings zu den Verlierern der Insolvenz und wurde nie bezahlt.) Gewohnt hat Schneider in einer Villa im Johanniswald. Dass er sich am Ende seiner Karriere verspekulierte, bedeutete 1994 das Aus für den hochherrschaftlichen Firmensitz.

Das Leben in diesen heiligen Hallen war in über hundert Jahren geprägt von vielen Besitzerwechseln. Die Ära Andreae endete in den Zwanziger Jahren nach dem Tod des Sohns im Ersten Weltkrieg. Die Familie bot der Stadt Königstein den Besitz an. Die aber rechnete, was der Unterhalt – vor allem des 20 Hektar großen Parkgrundstücks – kosten würde und entschied sich damals für die Villa Borgnis. Die NSDAP hatte in den 40er-Jahren als Truppenführerschule Großes vor, doch der verheerende Zweite Weltkrieg mit den vielen Verwundeten machte 1942 ein Lazarett nötiger als eine Heldenschule. Nach dem Krieg führte die Innere Mission der evangelischen Kirche dort ein Schülerheim für Knaben, bis 1984, wobei die letzten Schüler bis 1987 dort ihre Bleibe fanden. Einige der Anwesenden erinnerten sich noch lebhaft an ihre eigene Schulzeit in der Villa, wo es auf beiden Seiten wohl nicht zimperlich zuging. Ein Fettfleck an der Decke mit den goldigen, properen Engeln im holzgetäfelten damaligen Refektorium zeugt bis heute von prallem Schülerleben.

In den 50er-Jahren parzellierte und verkaufte die Innere Mission das einst so prächtige Grundstück. Heute blickt man vom Park aus über viele Häuserdächer bis zur Burg.

1994 schließlich wurde die Villa Andreae-Schneider zwangsversteigert und 1997 an die Firma SMM Deutschland GmbH verkauft, die dort bis 2008 ihren Firmensitz hatte. Acht Jahre lang stand die erhabene Villa dann wieder zum Verkauf. 2016 wurde ein Käufer aus Hongkong gefunden, dem man Fortune und ein geschicktes Händchen wünscht mit dieser besonderen Immobilie.

Der Rundgang unterhielt die zirka 40 Besucher mit vielen interessanten Details. Klassizistische Friese, Stuck und Fresken, stimmungsvolle Holzintarsien, Decken- und Wandmalereien von bekannten Künstlern zeugen von der Liebe der Besitzer zu Kunst und Kunsthandwerk. Die Tiefgarage und der Atombunker zählen zu den Kuriositäten der Schneider-Ära.

Die Villa ist Ausdruck architektonischer Nonchalance und weist viele Stilrichtungen auf: römische Säulen und Türmchen à la Neuschwanstein gleich neben dem Fachwerk-Trakt der Villa Bächle, die als erste nach 1880 den Geisberg zierte. Im Zuge des Umbaus ließ es sich Bankier Albert Andreae de Neufville aber auch nicht nehmen, bis heute erkennbare Stilelemente Frankfurter Gebäude in das Ensemble einzuflechten. Für den Bau wurden Holz, roter Sandstein, Taunusschiefer und Basalt verwendet, Steine der Burgruine sind Teil der Gartenmauer.

Zum Abschluss der Führung wünschten sich nicht nur die Königsteiner, dass das weithin sichtbare Wahrzeichen Königsteins zumindest dem Auge noch lange erhalten bleibt und dass die neuen Investoren die Schönheit und den Wert dieses zauberhaften Schlösschens erkennen und erhalten.

Anm. d. Red.: Weitere Details über die Geschichte der Villa Andreae sind im Artikel „Liebe auf den ersten Blick“, KöWo-Ausgabe vom 25. Januar 2017, nachzulesen; leicht zu finden unter www.taunus-nachrichten.de

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