Gleichberechtigt im Verkehr: Bürger arbeiten an Königsteins Mobilitätsplanung mit

„Lokale ÖPNV-Flatrate in die Ortsteile und Nachbarorte“ und „Schnellbus vom Kreisel zur S-Bahn“: Viele gute Ideen, hier die Anregungen der Teilnehmer zum ÖPNV (Bus und Bahn).

Königstein (as) – Die schöne Burg- und Kurstadt Königstein auf der einen und ihre Verkehrsprobleme auf der anderen Seite. Eine ewige Geschichte. Die Attraktivität der Stadt und die Herausforderungen der Mobilität bilden seit jeher einen Dualismus, an dem sich schon viele Generationen von Politikern und Bürgern abgearbeitet haben. Zwei Bundesstraßen, die im Kreisel aufeinandertreffen, leiten viele auswärtige Verkehrsströme den ganzen Tag über durch das Stadtgebiet – und zu morgendlichen Stoßzeiten sind auch noch mehr als 3.000 Schülerinnen und Schüler auf dem Weg zu ihren weiterführenden Schulen. Hinzu kommen Platzprobleme für den fließenden und ruhenden Verkehr in der recht engen Kernstadt. Lange drehte sich Verkehrsplanung hauptsächlich um den motorisierten (Individual-)Verkehr, doch heute ist man auch in Königstein vor dem Hintergrund zunehmender Umwelt- und Gesundheitsbelastungen durch den Verkehr einen großen Schritt weiter und bezieht den ÖPNV, das Fahrrad, die Fußgänger gleichberechtigt in die Betrachtung ein – und nimmt seine Bürger in Form von Umfragen und Beteiligungsformaten bei dem Prozess mit.

Seit einem Jahr arbeitet die Stadt an einem sogenannten integrierten Mobilitätsplan mit dem Zeithorizont „2035+“, der alle Verkehrsträger berücksichtigt und auch die Auswirkungen des Verkehrs auf die Attraktivität und die Aufenthaltsqualität in der Stadt im Blick behalten soll. Das sogenannte Sustainable Urban Mobility Planning (SUMP), bisher nur für Großstädte wie Frankfurt, Darmstadt und Wiesbaden verpflichtend, wird vom Hessischen Verkehrsministerium mit 200.000 Euro gefördert, 90 Prozent der Kosten Königsteins sollen dadurch gedeckt sein. Am Samstag fand quasi zur Halbzeit des Prozesses das Mobilitätsforum als größte öffentliche Veranstaltung in den zwei Jahren statt. Rund 90 Bürgerinnen und Bürger, darunter auch der Nachhaltigkeitsbeauftragte des Taunusgymnasiums, Thomas Brinkmann, mit zwei Schülerinnen (den einzigen anwesenden Jugendliche an diesem Tag) waren ins Haus der Begegnung gekommen, warfen einen Blick auf die bisherigen Ergebnisse, holten sich Impulse von Verkehrsexperten und machten in zwei Mitmachrunden eigene Anmerkungen und Vorschläge zu Stärken, Schwächen und Verbesserungsmöglichkeiten der einzelnen Verkehrsmittel sowie übergreifend zu deren Vernetzung. Es gebe beim SUMP-Prozess zwar einen standardisierten Planungsrahmen der EU als Leitfaden, erklärte Moderator Christian Klasen von der Agentus Dialogwerke. „Aber die Beteiligung ist ein grundlegender Bestandteil, weil der Mobilitätsplan auch zu Königstein passen soll.“

„Ich freue mich, dass die Reihen so voll geworden sind. Das Thema betrifft uns alle auf unterschiedlichste Weise“, sagte Königsteins Bürgermeisterin Beatrice Schenk-Motzko zur Begrüßung. Verkehr und die Sicherheit im Verkehr könnten „jeden Tag eine Herausforderung“ sein. Schenk-Motzko sprach auch gleich eines der Hauptthemen an – die Nachhaltigkeit des Verkehrs. Nach dem bereits abgeschlossenen „Integrierten Klimaschutzkonzept“ strebt Königstein eine Verdopplung des nicht-motorisierten Verkehrs bis zum Jahr 2045 an.

Autos werden nicht herausgedrängt

Die Situation Königsteins, die er in Königstein vorgefunden habe, sei durchaus eine komplexe, sagte Felix Kühnel, der Projektleiter des Beratungsunternehmens von plan:mobil, das Königsteins Mobilitätsmanagerin Clara Scheffler bei dem Projekt unterstützt. Kühnel nannte viel „Bewegung und Verflechtung“ im Verkehr, was auch regionale Kooperationen bei der Verkehrsplanung unbedingt nötig mache, gewachsene Stadtstrukturen und damit verbundene Platzprobleme, die verhindern, dass man ohne weiteres Radstreifen und breite Fußwege anlegen könne, und eine recht große Einwohnergruppe, die auf ihre individuelle Mobilität angewiesen ist. Das Auto solle bei der Mobilitätsplanung nicht herausgedrängt werden, es sei weiter „gleichberechtigt“ zu behandeln, stellte er klar, wofür er auch spontanen Applaus erntete.

Dass die Verkehrsplaner jahrzehntelang das Auto bevorzugt und die Verkehrsflächen auf den motorisierten Individualverkehr ausgelegt hatten, war die Ausgangslage der Keynote von Prof. Martin Lanzendorf von der Goethe-Universität Frankfurt. Doch in seiner Langzeit-Verkehrsuntersuchung zu Frankfurt machte er deutlich, dass in den 20 Jahren seit 2003 die Automobilität bereits ebenso kontinuierlich abgenommen wie die Fußmobilität zugenommen habe. 50 Prozent der Autofahrten seien unter fünf Kilometer lang (in Königstein selbst aus den Stadtteilen noch kürzer) und könnten durch attraktive Rad- und Fußwege ersetzt werden. Nach dem Radentscheid in Frankfurt habe es erst geheißen, Frankfurt habe kein Geld und keinen Platz für den Radverkehr – und dennoch seien auf der Friedberger Landstraße plötzlich zwei Radstreifen entstanden und weitere gefolgt. „Vorher gab es die Farbe Rot im Straßenverkehr nicht“, so Lanzendorf im Blick auf Radstreifen, bei denen ja auch Königstein mit der Öffnung der Limburger Straße und der Klosterstraße gegen die Einbahnregelung erste vorsichtige Versuche unternimmt.

Ebenso seien sogenannte Mobilität 2.0-Konzepte wie Car-Sharing und Elektro-Leihräder (bei Königsteins Topografie wohl Voraussetzung) interessant, auch werde die Umnutzung von Parkplätzen akzeptiert, wenn diese gut begründet seien, so Lanzendorf. Im konkreten Fall der Berger Straße waren sogar 70 Prozent dafür, wenn durch diesen Wegfall breitere Gehwege und Grünflächen geschaffen werden könnten.

Königsteiner zieht es aufs Rad, wenn ...

Im „Warm-up“ für die Teilnehmer testete Moderator Clasen auch deren „Gefühl“ für den Königsteiner Verkehr. Das Verhältnis von Aus- und Einpendlern liegt tatsächlich bei 1:1, die Mehrheit hatte hier sogar auf 4:1 getippt. Das Verhältnis von Pkw zu Einwohnern liegt (ohne Dienstwagen) bei +12 Prozent, auch hier hatte die Mehrheit auf die höchste Möglichkeit +22 Prozent getippt. Konkret kommen rund 700 Fahrzeuge auf 1.000 Einwohner. Aber sie sind nicht autogläubig, die Königsteiner. 67 Prozent von ihnen würden nach der ersten ausgewerteten Mobilitätsumfrage mehr Fahrrad fahren, wenn die Infrastruktur besser und sicherer wäre. Darauf hatte überhaupt niemand im Saal getippt. Die meisten Hände waren bei der Zahl 37 Prozent hochgegangen. Und die Königsteiner legen bereits jetzt mehr Wege zu Fuß zurück als der Durchschnitt, nämlich mit 35 Prozent mehr als ein Drittel. In vergleichbaren deutschen Mittelstädten ist es erst ein Viertel.

Alles in allem eine interessante Vorlage für interessante und vielfältige Ergebnisse in den Arbeitsrunden, in denen die Teilnehmer nicht nur ihre ureigenen Wünsche äußerten, sondern in einem Rollenspiel sich auch in fiktive Königsteiner Bürger mit möglicherweise ganz anderen Prioritäten und Mobilitätsbedürfnissen hineinversetzen sollten.

Die Ergebnisse, die am Ende der zwei Runden mit Hunderten bunter Post-its an den thematisch unterschiedlichen Thementafeln zu sehen waren, waren interessant: eine Mischung aus bekannten, aber auch neuen Anregungen.

Häufig genannt wurde wieder ein besserer und zuverlässigerer ÖPNV, insbesondere die RB12, eine bessere zeitliche Abstimmung von Bus und Bahn, höhenangepasste Einstige in Busse für Menschen mit Gehbehinderungen, aber auch kleine „Shuttle-Busse on demand“ (auf Bestellung) für den Verkehr zwischen den Stadtteilen standen mehrfach auf der Wunschliste.

Sichere Schulwege und weitere Tempo 30-Zonen und Querungsmöglichkeiten durch Zebrastreifen etwa am oberen Ende der Stresemannstraße und an mehreren Stellen in der Wiesbadener Straße und Verkehrsüberwachung in der Gerichtstraße oberhalb der St. Angela-Schule, die für Fußgänger als gefährlich empfunden wurde, standen in Sachen Sicherheit weit oben auf der Agenda der Bürger. Das Thema bessere und durchgehend ausgezeichnete Radstreifen und breitere Gehwege, die nicht halb zugeparkt sind (Stichwort Frankfurter Straße) wurde natürlich auch häufig genannt, auch sollten die arg langen Wartezeiten an den Fußgängerampeln am Kreisel verkürzt werden.

Gewünscht wurde zudem ein Schnellradweg nach Neuenhain und Bad Soden, denn auf dem vorhandenen Wegenetz stellt die Johanniswaldquerung der B8 nicht nur nach Meinung von Didier Hufler vom ADFC nach wie vor die größte Gefahr dar. Und in Bezug auf den motorisierten Individualverkehr standen die Förderung von E-Mobilität und Car-Sharing-Modellen (wo Königstein in der Tat noch ganz am Angang steht) auf der Wunschliste.

Nicht zuletzt wünschten sich einige Bürger die Schaffung von Grünflächen und die Verbesserung der Aufenthaltsqualität, verbunden mit einer verkehrlichen Entlastung der Innenstadt. Eine solche plant die Stadt durch Umgestaltung der Stadtmitte ja bereits seit vielen Jahren. Hier wird es sehr bald weitergehen, auch wenn die geplante Umsetzung nicht jedem gefallen mag.

Was die Bürger sagen

Das Engagement der Königsteiner beim Mobilitätsforum war jedenfalls bemerkenswert. „Ich finde es gut, dass die Bürger einbezogen werden und habe auch schon bei der Befragung mitgemacht“, sagte Gabriele Ilschmann. Gekommen sei sie hauptsächlich wegen des ÖPNV, den sie als Schneidhainerin grundsätzlich ja gut nutzen könne. „Aber gestern habe ich wieder zwei Stunden auf die RB12 gewartet, um dann doch wieder mit dem Auto nach Frankfurt zu fahren.“ Neben der mangelnden Zuverlässigkeit ist für sie auch der Fahrpreis von fast 7 Euro zu hoch, wenn man 40 Minuten zum Hauptbahnhof Frankfurt benötige, während es mit den Auto fast doppelt so schnell gehe. Für Fahrradfahrer hält sie „zumindest einen roten Streifen“ für wünschenswert, und auch eine Untertunnelung des Kreisels für eine Bundesstraße würde sie als langfristige Antwort auf die Verkehrsprobleme gerne sehen, auch wenn sie natürlich um die Schwierigkeit eines solchen Großprojekts wisse.

Masa Mahamied, die kleine Kinder hat und erst vor kurzem wegen der Nähe zu den Eltern aus Frankfurt nach Königstein gezogen ist, sagte, dass die Familie gerne auf ein zweites Auto verzichten würde. Nur suche sie noch den Weg, das umzusetzen mit Fahrten zur Schule und in die Kita und dem Wunsch, wieder halbtags in Frankfurt arbeiten zu können. „Theoretisch sind die Möglichkeiten mit der RB 12 und der S3 bis 5 sehr gut“, meinte sie, aber die Zuverlässigkeit der Zubringer-Busse zu den Bahnhöfen müsse unbedingt besser werden. Zudem würde sie sich für E-Bike- und Lastenbike-Sharing, aber auch für Carsharing-Angebote interessieren, um Job und Betreuungszeiten in Einklang bringen zu können. „Zumindest weiß ich jetzt, wonach ich Ausschau halten muss“, sah sie den positiven Erkenntnisgewinn des Tages für sich selbst.

Auch die Stadtpolitik war gut beim Forum vertreten, insbesondere die Grünen, deren Antrag, sich für SUMP zu bewerben, damals ausnahmsweise mal ohne lange Diskussionen durchgegangen sei in der Stadtverordnetenversammlung, wie Patricia Peveling augenzwinkernd anmerkte. Parteikollege Winfried Gann meinte, dass ihm noch die Öffnung der oberen Wiesbadener Straße für Radfahrer fehle, um den Weg etwa vom Bahnhof in die Stadtmitte deutlich abzukürzen. Wenn es bei einer Urfoderung der Grünen, dem in Königstein noch nicht umgesetzten Parkraummanagement, durch ein solches Forum endlich vorangehe, sei es auch okay, meinte Gann.

Mehr als vier Stunden konzentrierte Arbeit lagen am Ende hinter den Teilnehmern – und die Stadt mit Projektleiterin Clara Scheffler hat einige Anregungen mit nach Hause genommen, die in das vorhandene Mobilitäts-Leitbild einfließen werden. Im Herbst ist eine weitere Bürgerbefragung geplant, ehe die Ergebnisse in einen Umsetzungsplan mit klaren Prioritäten und Ressourcen fließen werden. Einiges – wie die Öffnung von Einbahnstraßen für den Radverkehr und Abstellmöglichkeiten mit Radbügeln für Zweiräder – lässt sich weiterhin relativ schnell und für kleines Geld umsetzen. Anderes lässt sich womöglich mit Fördergeldern beschleunigen, und für große Fragen – man denke nur an die Verkehrssituation rund um den Kreisel – wird Königstein einen langen Atem brauchen.

Klimaanpassung nächstes Thema

Im Anschluss ging es nach einer kurzen Pause für die Ausdauernden und einige Neuankömmlinge noch weiter mit dem Bürgerforum zur Klimaanpassung, das den Fokus noch einmal weit über den Verkehrssektor hinaus auf Schutz vor Hitze, Wassereinsparung und nachhaltige Stadtplanung legte. Auch hier mit interessanten Ergebnissen und pointierten Meinungen.

Mehr zum Klimaanpassungskonzept lesen Sie in der kommenden Woche in der KöWo.

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