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In Sachen Gleichberechtigung und Gewaltschutz gibt es noch viel zu tun

Kronberg (pu) – Die Verleihung des Kronberger Frauenpreises (siehe weiteren Bericht in dieser Ausgabe) bietet jährlich den Rahmen für themenbezogene aufrüttelnde Hintergrundinformationen.

Christina Nicolai, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Kronberger Frauenverbände, richtete anhand von Daten und Fakten dieses Mal den Blick auf die Entwicklung der Frauenbewegung. Was heutige Generationen als völlig selbstverständlich ansehen, musste seinerzeit mühsam und schrittweise erkämpft werden. Beispielsweise rief Nicolai in Erinnerung, dass die Verwirklichung der Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie Lohngleichheit in der Verfassung der DDR schon 1949 verankert wurden, während Westdeutschland erst neun Jahre später mit dem Gleichstellungsgesetz nachzog. Erst seitdem dürfen Frauen ohne Zustimmung des Ehemanns berufstätig sein. Im gleichen Jahr wurde in den Römischen Verträgen zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft die gleiche Bezahlung von Männern und Frauen festgeschrieben. So weit, so gut, doch, wie Nikolai konstatierte, von einer optimalen Umsetzung der Theorie in die Praxis könne nicht die Rede sein. „Die Realität sieht anders aus!“

Größtenteils Teilzeit und Minijob

Anschaulich werde die Misere unter anderem durch den seit 2008 in Deutschland von vielen Initiativen und Frauengruppen begangenen Equal Pay Day, der den Zeitraum markiert, den Frauen über den Jahreswechsel hinaus länger arbeiten müssen, um auf das durchschnittliche Jahresgehalt von Männern zu kommen. In diesem Jahr falle dieser Aktionstag auf den 18. März. Ganz zu schweigen, dass Frauen größtenteils in Teilzeit und Minijobs arbeiten und 70 Prozent der Niedriglohnbeschäftigten stellen. Die hinlänglich bekannten Folgen: Frauen- und Altersarmut! „Wer heute 2.500 Euro brutto im Monat verdient und 35 Jahre in die Rentenkasse einzahlt, bekommt später eine Rente von nur 688,16 Euro“, warnte die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Kronberger Frauenverbände. Laut Ermittlung des Statistischen Bundesamtes seien demzufolge immer mehr Menschen im Rentenalter in Deutschland auf Sozialhilfe angewiesen und vor allem westdeutsche Frauen von Armut betroffen, weil hunderttausende im Alter von 65 Jahren mit 391 Euro im Monat klar kommen müssten. Im Gegensatz dazu hätten Männer mit einem Renteneinkommen von durchschnittlich gut 1.700 Euro netto fast 600 Euro mehr zur Verfügung. Laut der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sei das Rentengefälle zwischen Männern und Frauen bedingt durch sogenannten Erwerbsbiografien der Frauen nirgends so hoch wie hierzulande. Keine Aussicht auf Abhilfe biete im Übrigen die anfänglich so hoch gelobte Mütterrente aufgrund der hohen Abzüge und Teilanrechnung auf Hinterbliebenenrente und Versorgungsausgleich. Nicolais Resümee: „Unter dem Strich könnten 61 Prozent aller Rentnerinnen im Westen also gar nicht existieren, wenn sie nicht mit einem Mann zusammen leben würden. Unabhängigkeit stelle ich mir anders vor!“

Vor diesem Hintergrund stellte sie die provokante Frage in den Raum, warum der Einsatz von Frauen für Familie, Kinder und pflegebedürftige Angehörige gesellschaftlich nicht ausreichend gewürdigt und gewertschätzt, sondern letztendlich bestraft werde.

„Hier sind Politik und Gesellschaft gefragt und es bedarf noch einer Menge Energie von Frauen, um diesen ungerechten und inakzeptablen Zustand zu ändern. Wir sind noch lange nicht am Ende des Weges, an dessen Ziel eine wirkliche Gleichberechtigung steht, doch wir sind weiter auf einem guten Weg“, beendete sie ihren Hintergrundbericht.

Frauen und Flucht

Die städtische Gleichstellungs- und Frauenbeauftragte Heike Stein stellte ihren Vortrag unter die Überschrift „Frauen und Flucht“. Ihrer Beobachtung und Erfahrung nach wird die besondere Situation flüchtender Frauen lediglich marginal von der Öffentlichkeit registriert. Im Gegensatz zu Männern flüchteten Frauen nicht nur vor Gewalt, Terror, Armut, Diskriminierung oder aufgrund religiös sowie politisch motivierter Verfolgung, sondern auch vor frauenspezifischen Menschenrechtsverletzungen wie Genitalverstümmelung, Zwangsverheiratung und Frühehen. Nicht zu vergessen das Risiko von Frauen und Kindern, auf der Flucht Opfer von Gewalt zu werden. Häufiger Motivationsgrund zur Abkehr von der Heimat sei die Sorge um die Kinder. Frauen zeigen Stärke, obwohl sie körperlich unterlegen sind und um ihre Kinder zu schützen.

In diesem Zusammenhang fordern Frauenbeauftragte die Verankerung eines standardisierten Gewaltkonzepts in Flüchtlingsunterkünften zur Prävention und Intervention bei geschlechtsspezifischer Gewalt. Darüber hinaus müssten Frauen ausreichend über ihre Rechte und das Hilfssystem informiert werden, geschlechtsspezifische Fluchtgründe insgesamt ernst genommen werden, vor allem auch bei der Einzelfallprüfung des Asylverfahrens. Ferner sei die gesamtgesellschaftliche Teilhabe geflüchteter Frauen an Sprachkursen, Näh- und Teestuben, Kinderbetreuung und Ähnlichem ebenso unabdingbar wie Schutzmaßnahmen in Flüchtlingsunterkünften – unter anderem abschließbare Wohnräume (Schlafräume), nach Geschlechtern getrennte abschließbare Sanitäranlagen, beleuchtete Flure und schnell erreichbare Notrufsysteme.

Nach den Worten Steins wird in Kronberg hierauf strikt geachtet. Aber auch andere Kommunen seien sensibilisiert, die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte nannte als Beispiel das Pilotprojekt „Step by Step“ zur Unterstützung von Geflüchteten in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Darmstadt. Bezüglich der Maßnahmen und Projekte in Sachen Gewaltschutz in der Burgstadt lenkte Heike Stein den Blick unter anderem auf die im letzten Herbst eingerichteten „Leon Hilfe-Insel für Kronberg“ bei teilnehmenden Geschäften, Organisationen und Vereinen. Kinder können diese ansteuern, wenn sie sich in Gefahr befinden, beispielsweise von einer fremden Person angesprochen werden, es ihnen aus irgendeinem Grund nicht gut geht, sie sich verlaufen haben oder sie Zeuge einer Straftat geworden sind. Des Weiteren erinnerte Stein an die Befürwortung Kronbergs „Nein zu Gewalt an Frauen – ja zur Istanbul Convention“ oder die im November letzten Jahres gelaufene Aktion örtlicher Bäcker „Gewalt kommt mir nicht in die Tüte!“

Abschließend betonte Stein, es gäbe nach wie vor eine Reihe von optimierungswürdigen Themen, um Veränderungen und Verbesserungen von und für Gleichberechtigung voranzubringen und richtete einen Appell an die Frauen: „Frauen traut Euch“ Mein Appell: Ihr könnt Politik! An Frauen führt kein Weg vorbei, dies sollten wir uns merken und daran weiterarbeiten!“

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